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Missbrauch durch Garchinger Ex-Pfarrer

Klage gegen den Papst: Ein Betroffener äußert sich

Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010 im Petersdom.
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Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010: Priester H. war 2008 von Garching nach Bad Tölz versetzt worden.
  • Daniela Haindl
    VonDaniela Haindl
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Wer trägt die Verantwortung für den wiederholten sexuellen Missbrauch durch den Garchinger Ex-Pfarrer, Peter H.? Ein Betroffener äußert sich.

Garching – Erst zeigte er dem Jungen Pornos, dann missbrauchte er ihn. Juristisch wird der Garchinger Ex-Pfarrer Peter H. für diese Tat nie belangt: 2010 zeigte der Betroffene, Julian Schwarz (38), den Missbrauchstäter zwar an, das Unternehmen blieb aber erfolglos, denn die Tat war verjährt. Nun legte der Garchinger eine Klage beim Landgericht Traunstein ein. Diese richtet sich gegen den Täter H., sowie die Verantwortlichen „Arbeitgeber“: Die damaligen Kardinäle Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem jetzigen emeritierten Papst Benedikt XVI., sowie das Bistum München Freising.

Klage noch nicht an Beklagte zugestellt

Zum Stand der Dinge befragt, äußerte sich die Vizepräsidentin des Landgerichts Traunstein und gab an, dass die Klageschrift von Julian Schwarz „mangels Vorliegens der formalen Voraussetzungen noch nicht einmal an die Beklagten zugestellt ist.“ Nicht nur Rosi Mittermeier von der Initiative Sauerteig in Garching befürchtet nun, dass der Klage unendlich viele formelle Stolpersteine in den Weg gelegt werden könnten. Ein Verfahren von dieser Komplexität kann sehr lange dauern und hohe Kosten für den Kläger verursachen, weswegen die Initiative mit Crowd Funding helfen will. „Wir wenden uns ebenfalls an andere Organisationen, die sich um Aufklärung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche bemühen, sich diesem Unterstützungsaufruf anzuschließen. Dies ist vielleicht endlich ein Weg, den Missbrauch und das Unrecht vor einem weltlichen Gericht verhandeln zu lassen“, erklärt Mittermeier.

In einem Kirchenverfahren hat Peter H. den Missbrauch an Julian Schwarz bereits eingestanden, doch weil die Sache zivilrechtlich verjährt ist, versucht es Klägeranwalt Andreas Schulz mit einem Trick: Er will anhand einer Feststellungsklage vom Landgericht Traunstein prüfen lassen, ob der Ex-Pfarrer für den Schaden des Mandanten haften muss. Dabei gehe es Schwarz nicht um Geld, sondern um die Feststellung der Schuld.

Peter H.: Sexueller Missbrauch von Kindern seit 1977 nachweisbar

Bereits 1977 soll H. einen 11-jährigen zu Oralsex gezwungen haben, worauf hin er 1980 in das Bistum München Freising versetzt wurde. Das Bistum Essen soll die Münchener Kollegen ausdrücklich über den Kindesmissbrauch durch H. unterrichtet haben. Anschließend soll H. in München einem Psychiater unterstellt worden sein, der Alkoholverbot, keine Arbeit mit Kindern und Beaufsichtigung des Mannes voraussetzte und dies den kirchlichen Amtsträgern deutlich gemacht haben soll. Kurz nach Beginn der Therapie wurde H. aber uneingeschränkt von Generalvikar Gerhard Gruber als Seelsorger eingesetzt – einschließlich der Arbeit mit Kindern.

Im Jahr 1982 verließ Ratzinger das Erzbistum und trat in Rom als Präfekt an, Peter H. wurde im gleichen Jahr nach Grafing versetzt. Er soll dort ab 1984 an einem Gymnasium unterrichtet haben und wurde bereits im Januar 1985 wegen Verdachts auf sexuelles Fehlverhalten seines Amtes enthoben. 1986 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten und 5 Jahren auf Bewährung sowie eine Geldstrafe verurteilt. Nach einem Jahr als Kaplan im Altersjahr wurde Peter H. 1987 nach Garching an der Alz versetzt, wo er regelmäßig Kontakt mit Kindern hatte und 150 Ministranten betreut haben soll. 2006 machte ein Essener Opfer des Sexualstraftäters den Pfarrer ausfindig, was 2008 zu polizeilichen Ermittlungen wegen sexuellen Missbrauchs und zur Versetzung von H. nach Bad Tölz führte, wo er weiterhin mit Jugendlichen arbeitete, obwohl es ihm untersagt worden war.

Wäre H. normaler Angestellter gewesen, würde sein verantwortlicher Vorgesetzter oder Arbeitgeber zur Rechenschaft gezogen. Der Papst schrieb einen Entschuldigungsbrief. Inzwischen wurde der pädophile Pfarrer aus dem Kleriker-Stand entlassen, doch nicht nur Betroffene sind deswegen sehr besorgt. Mit der Laisierung entfällt nämlich auch die Führungsaufsicht der Kirche, die – wenn auch früher nicht vorhanden – nun doch sehr engmaschig war.

„H. ist nun ein freier Mann. Er kann reisen und sich niederlassen wo er will. Und ich bin mir sicher: Er bleibt bis zu seinem Lebensende eine tickende Zeitbombe.“

Markus Elstner, Betroffener

„Ich bin so weit“, sagt Elstner jedenfalls. Er hat inzwischen die Angst verloren, dem Täter entgegenzutreten. Noch 2010, als H. in TV-Beiträgen zu sehen war, sei Elstner vor Angst davongelaufen. Auch seine Mutter habe sich sehr viele Vorwürfe gemacht, weil sie die Tat nicht verhindern hatte können. Elstner sei von H. mit Alkohol und kleinen Geldbeträgen gefügig gemacht worden. Eine seit 1977 durchgängige Masche des Sexualstraftäters. Inzwischen hilft Elstner anderen Betroffenen und klärt mit Aktionen zum Thema auf. „Opfer war ich früher, als ich mich in der Rolle befand“, sagt er, als er das Wort „Missbrauchsopfer“ hört. „Jetzt möchte ich anderen helfen, da raus zu kommen.“

H. hat den Tatvorgang abgestritten und wir* wurden regelrecht der Lüge bezichtigt. Aber seit Veröffentlichung des Gutachtens möchte ich ihn sehen und mit ihm sprechen. Vor Gericht.

Markus Elstner, Betroffener * Elstner und andere Betroffene

So wie Elstner dürfe es vielen Männern und Frauen gehen, die sexuellen Missbrauch erlebet haben. Die gerichtliche Feststellung der Schuld eines Täters ist von großer Wichtigkeit für „Opfer“ solcher Taten. Denn sie leiden oft unter enormen Schuldgefühlen.

Zivilrecht: Verjährungsfristen sind das Problem

Auch Markus Elstner wurde von Peter H. missbraucht – sowie etwa 30 andere, die ihr Schweigen überwinden und damit die Macht des Täters über sich brechen konnten. Sowohl Betroffene als auch Gutachter befürchten, dass die Dunkelziffer der Opfer weit höher liegt. Auch Elstner zeigte Peter H. wegen Missbrauchs an, und wie im Fall Julian Schwarz war auch bei ihm die Tat verjährt. Allerdings blieb sein Auftritt in der Öffentlichkeit nicht erfolglos, so Elstner.

„Ich bin dem damaligen Justizminister gewaltig auf die Füße getreten“, sagt er „und das mit Erfolg. Denn 2015 trat ein Gesetz in Kraft, dass die Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch auf 20 Jahre statt der bisherigen zehn verdoppelte.“

Markus Elstner, Betroffener

Aber auch 20 Jahre Verjährungsfrist seien zu wenig, meint Rosi Mittermeier. Oft würden sich Missbrauchsopfer erst jenseits der 50er oder 60er „outen“. „Täter profitieren von der Täter-Opfer-Umkehr“, erklärt Mittermeier ein Phänomen das Betroffene oft erleben. Nicht selten wird ihnen vorgeworfen, zu lügen oder gar selbst den Missbrauch provoziert zu haben. „Es geht hier um Kinderen deren ganze Leben verpfuscht wurden. Unsere erste Priorität als Initiative ist es, die Betroffenen bei ihrem Weg zurück ins Leben zu unterstützen“, so Mittermeier

Falls Sie Opfer sexueller Gewalt geworden sind, suchen Sie bitte dringend Rat und Hilfe: hilfe-portal-missbrauch.de

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