Kinder brauchen Leute

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Nord-Süd-Gefälle: Je niedriger der Personalschlüssel, desto besser – im Schnitt muss sich eine Betreuungskraft in Oberbayern um weniger Kinder kümmern als in Franken. Doch es gibt Ausreißer. Grafik: MM (Zahlen, Stand 1.3.2017: Bertelsmann-Stiftung)

Oberbayern: Überbayern? Bei der Kinderbetreuung scheint das der Fall zu sein. Doch es gibt große Unterschiede zwischen einzelnen Kreisen und Gemeinden. Und fast überall fehlt Personal.

Personalsituation in Bayerns Kitas

von Josef Ametsbichler

München – In keinem anderen Bundesland ist das Qualitätsgefälle unter Kinderkrippen so groß wie in Bayern. Zu diesem Schluss kommt die Bertelsmann-Stiftung in ihrem jährlichen Ländermonitoring zur frühkindlichen Bildung. Die Studie untersucht bundesweit, wie gut Krippen und Kindergärten mit Erziehern ausgestattet sind.

Von Oberbayern aus betrachtet, verführen die Zahlen dazu, sich entspannt zurückzulehnen. Denn neben dem bundesweiten Ost-West-Gefälle diagnostiziert die Stiftung ein bayernweites Nord-Süd-Gefälle: Besonders in Oberfranken, in den Regionen um Coburg, Hof und Bamberg, gibt es weniger Fachkräfte pro Kind als in den meisten Gegenden Oberbayerns.

Die Bertelsmann-Stiftung wünscht sich einen Personalschlüssel 1 : 7,5 für Kinder ab drei Jahren, für die ganz Kleinen sogar nur 1 : 3,0. Bayerns Spitzenreiter kommen aus dem Süden: Mit 2,7 bzw. 3,0 Kindern unter drei Jahren, um die sich im Schnitt ein Betreuer kümmern muss, sind die Landkreise Rosenheim und Mühldorf am besten ausgestattet. Den großzügigsten Personalschlüssel bei den Kindergärten (siehe Grafik) – für Kinder älter als drei Jahre – weisen knapp hinter dem niederbayerischen Landshut der Kreis Weilheim-Schongau sowie die Stadt Rosenheim mit 7,5 Kindern pro Fachkraft aus.

Doch so gut wie nirgends in Bayern ist das die Regel, manchmal reicht schon der Blick über eine Landkreisgrenze, um ein düstereres Bild zu zeichnen: So kommen in Ebersberg 4,4 Kinder auf einen Krippenbetreuer – bayernweit betrachtet klar unterdurchschnittlich. Gleiches gilt für die Kindergärten in den Kreisen Garmisch-Partenkirchen (9,0) und Dachau (8,9). Und: Im bundesweiten Vergleich hinkt zwar Ostdeutschland nach, Baden-Württemberg steht aber fast flächendeckend besser da als der Freistaat.

8000 neue Vollzeitkräfte und 344 Millionen Euro jährlich bräuchte es laut Bertelsmann, um das zu änderen. Sollen zudem alle Krippen und Kindergärten im Freistaat mit professionellem Leitungspersonal ausgestattet werden, was viele Trägerverbände auch mit Blick auf die Verhandlungen über das „Gute-Kita-Gesetz“ im Bund fordern, wären nochmals 4500 Stellen und 275 Millionen Euro jährlich nötig.

Wünschenswerte, aber wenig realistische Forderungen, lassen die Träger durchblicken. Mehr Ausbildungsplätze mahnt stattdessen Dirk Rumpff vom Evangelischen Kita-Verband Bayern an, dessen Einrichtungen täglich gut 80 000 Kinder besuchen. „Der Personalmangel ist gewaltig, insbesondere im Münchner Speckgürtel“, sagt er. Zudem hänge viel von der Unterstützung der Kommunen ab, ob diese beispielsweise Gebäude mietfrei bereitstellten, da die Ländermittel für alle Kitas gleich seien. „Der Träger muss wirtschaften“, sagt Rumpff.

Kerstin Schreyer (CSU), als Sozialministerin für die Kitas zuständig, kritisiert, die Studie sei zu sehr auf den Personalschlüssel fixiert. Das „wird der komplexen und verantwortungsvollen Aufgabe der Kinderbetreuung nicht gerecht“. Auch Schreyer sieht die Verantwortung bei den Kommunen. Diese seien schließlich in der Planungs- und Finanzierungsverantwortung. „Unterschiedliche Bedingungen in den Einrichtungen sind daher in erster Linie auf unterschiedliche Prioritätensetzungen der Gemeinden zurückzuführen.“ Im Klartext: Geizige Rathäuser sind selber schuld.

Die Opposition in Bayern sieht das, wenig überraschend, anders. „Ein vernichtendes Zeugnis“ für die Staatsregierung nennt die SPD die Bertelsmann-Studie – und fordert einen niedrigeren verbindlichen Personalschlüssel sowie bessere Bezahlung und kostenlose Aus- und Fortbildung für die Erzieher. Die FDP spricht gar von einem „strukturellen Versagen“. Die Liberalen fordern, die Verantwortung für die Kitas beim Kultus- statt beim Sozialministerium anzusiedeln; sie legten schließlich die „Grundlagen für den späteren Bildungserfolg“.

Grundlagen, an die offenbar nicht jeder kommt: Laut einer dpa-Umfrage warten derzeit, besonders in Bayerns Großstädten, noch mehrere hundert Kinder auf einen Kita-Platz – trotz Rechtsanspruchs auf einen solchen für Kinder ab einem Jahr.  (mit lby)

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