Kampf um das Kloster Reutberg

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Im 400 Jahre alten Kloster Reutberg leben nur noch zwei Schwestern. Die Auflösung der Ordensgemeinschaft steht bevor. Der Streit um die Zukunft des historischen Areals ist emotional wie selten. Kürzlich machte der Bürgermeister dem Ordinariat schwere Vorwürfe.

Historische Gebäude mit Ungewisser Zukunft

Von Tobias Gmach

Sachsenkam/München – So eine große Bühne hat man selten als Bürgermeister. 1300 Starkbierfest-Gäste, TV-Kameras und den neuen Ministerpräsidenten Markus Söder sah Hans Schneil vor sich, als er im Reutberger Bierzelt zu einer harten Kritik am Erzbischöflichen Ordinariat ausholte. Die klare Botschaft des Rathauschefs aus Sachsenkam (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) an jenem Sonntagabend: Die Münchner Kirchenvertreter lassen nichts von sich hören, halten sich an Paragrafen fest und forcieren die Auflösung des Reutberger Klosters, um den gesamten Besitz einzukassieren.

Die Antwort aus München kam schnell und ebenso deutlich: „Der Vorwurf ist absurd“, sagte Ordinariats-Sprecherin Bettina Göbner. Mit den historischen Gebäuden und Ländereien Geld zu machen, darum gehe es nicht: „Wir werden in das Kloster investieren, um es als geistlichen Ort zu erhalten.“ In einer zweiseitigen Pressemitteilung der Erzdiözese wird Gabriele Rüttiger zitiert, die im Ordinariat das bedeutende „Ressort für Grundsatzfragen und Strategie“ leitet. Zur Zukunft des Klosters Reutberg, seit Jahren ein hart diskutiertes Thema zwischen München und Sachsenkam, sagt sie: Man wolle mit den Menschen vor Ort konstruktiv zusammenarbeiten. Aber „das ist nicht möglich, wenn wir als Gegner wahrgenommen werden.“

Zwischen dem Isarwinkel und der Landeshauptstadt haben sich Fronten gebildet. Es sind Konflikte, die hinter Klostermauern und in Besprechungszimmern ausgetragen werden. Die Ausflügler, die im Reutberg-Biergarten eine Halbe der Klosterbrauerei trinken, kriegen davon wenig mit. Aber Gedanken über die Zukunft des 400 Jahre alten geistlichen Orts sind unausweichlich: Denn im Kloster ist es schon lange sehr ruhig geworden. Nur noch zwei Schwestern leben am Reutberg, eine davon ist hochbetagt. Die Auflösung der Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen steht bevor. Dass sie unvermeidlich ist, teilte der Vatikan den Schwestern bereits 2013 höchstpersönlich mit. Sie müssten eine Entscheidung über ihre Zukunft treffen und zum Beispiel in einen anderen Orden übertreten, lautete die Aufforderung damals. Die Schwestern hätten keine Bereitschaft gezeigt, sich umzuorientieren, schreibt das Ordinariat.

Die Franziskanerinnen selbst werden – wie unsere Zeitung erfahren hat – angehalten, sich nicht öffentlich zu äußern. Ulrich Rührmair, stellvertretender Vorsitzender des Sachsenkamer Pfarrgemeinderats, berichtet unter Berufung auf Schreiben, die unserer Redaktion vorliegen: „In den letzten Jahren hatten immer wieder auswärtige Konvente oder auch einzelne Schwestern Interesse, an den Reutberg zu kommen.“ Unter anderem fragte eine Münchner Ordensgemeinschaft im Februar 2017 schriftlich beim Ordinariat an. Dass andere Schwestern die Nachfolge der Franziskanerinnen übernehmen, habe das Ordinariat laut Rührmair „aber oft stillschweigend verhindert oder sogar offen verboten“.

Klar ist: Nach der Auflösung der Reutberger Ordensgemeinschaft fällt das Kloster samt Besitz an das Ordinariat. Daher kommt auch der Vorwurf von Bürgermeister Hans Schneil: Er hat den den Eindruck, die Erzdiözese wolle die Schwestern lieber früher als später vom Reutberg haben. Die Vertreter aus Sachsenkam, zu denen auch der Klosterfreundeskreis und der Pfarrgemeinderat gehören, beklagten immer wieder einen fehlenden Informationsfluss aus München. Ulrich Rührmair entwickelte – in tagelanger Arbeit und auch mit Anregungen regionaler Pfarrer – ein 25-seitiges Konzeptpapier mit detaillierten Vorschlägen für die künftige Nutzung der Räumlichkeiten. Eine detaillierte Stellungnahme dazu habe man nicht bekommen, sagt Schneil. Die Treffen mit Ordinariats-Vertretern seien „nicht auf Augenhöhe“ verlaufen.

Im Mai will man sich wieder an einen Tisch setzen. Der emotionale Bierzelt-Auftritt des Bürgermeisters hat Bewegung in die Sache gebracht, das Ordinariat konkretisiert seine Pläne: Eine Priestergemeinschaft, die die Seelsorge in der Region unterstützt, soll auf den Reutberg ziehen. Außerdem soll ein pastorales Zentrum entstehen, das Pfarreien für Klausuren von Pfarrgemeinderäten, Treffen von Ministranten, Fortbildungen oder Begegnungsangebote nutzen können.

Ein Seelsorgezentrum enthält auch das Konzeptpapier der Sachsenkamer, die für eine neue Schwesterngemeinschaft kämpfen. Ordinariats-Strategin Rüttiger hält dagegen: „Es ist ein Irrglaube, wenn man meint, ein anderes Kloster könne einfach einige Schwestern auf den Reutberg schicken und alles wäre gut.“ Sie sagt aber auch: Die Auflösung der Ordensgemeinschaft bedeute nicht das Ende des Klosters.

Das wäre tatsächlich ein historischer Verlust: Auch wenn das Kloster renovierungsbedürftig ist, beherbergt es wahre Schätze: Ein Schmuckstück ist die Apotheke aus dem Jahr 1688, die als besterhaltene ihrer Zeit gilt. Oder die Klosterkirche, die zuletzt mal für eine positive Meldung sorgte: Die Sanierung für rund 2,2 Millionen Euro ist nach jahrelangem Bemühen gesichert.

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