Jetzt geht es nur noch um Freiheitsberaubung

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Der Angeklagte Hakki-Hakan E. liebt den skurrilen Auftritt: Bekleidet mit einer Damenjacke und einem Handtuch um den Hals betrat er den Gerichtssaal. Foto: Mirgeler/dpa

Im Prozess um den mutmaßlichen Geiselnehmer von Dachau ist vor dem Landgericht München II gestern eine Verständigung unter den Verfahrensbeteiligten gelungen. Jetzt geht es nur noch um Freiheitsberaubung.

Prozess wegen Geiselnahme

von Julia Traut

Dachau – Es ist ein wahrer Justiz-Krimi: Insgesamt vier Prozessanläufe hat es im Verfahren um Hakki-Hakan E.s Taten gebraucht, um die Anklage wegen Geiselnahme, Vergewaltigung, Körperverletzung und Drogenbesitzes auf den Weg zu bringen. Zuerst musste eine Nachtragsanklage wegen einer weiteren Vergewaltigung nachgeschoben werden, dann starb kurz vor Prozessende eine Schöffin und zuletzt gab es formelle Anforderungen, die eine Weiterverhandlung unmöglich machten.

Gestern dann der vierte Versuch – und auch dieser hatte einige Besonderheiten zu bieten: Der Angeklagte Hakki-Hakan E. betrat den Gerichtssaal skurril bekleidet mit einer brokatartigen Damenjacke, die bis oben hin geschlossen und mit einem lila Handtuch umwickelt war. Nach der Anklageverlesung warf die Pflichtverteidigerin des Dachauers dann das Mandat hin: Durch einen Fehler des Gerichts sei der Angeklagte an ihre Privatadresse gekommen und hätte ihre Familie bedroht: „Man weiß aus den Vorverfahren, dass ich leidensfähig bin, aber wenn es um meine Familie geht, ist Schluss“, betonte die Anwältin mit Nachdruck. Auf Begeisterung bei den Richtern stieß dies nicht gerade. So könne ja jeder Mandant unbeliebte Pflichtverteidiger loswerden, argumentierten sie. Nach einer längeren Besprechung nahm Julia W. den Antrag dann zurück.

Im Anschluss gaben die Verfahrensbeteiligten dann aber Gas: Sie verständigten sich. Zunächst wurden die Vorwürfe von Geiselnahme in Freiheitsberaubung und die der Vergewaltigung in Nötigung umgewandelt. Die Anklagepunkte der vorsätzlichen Körperverletzung und wegen unerlaubtem Drogenbesitzes blieben bestehen. Der 33-jährige Angeklagte soll im Juli, August und September 2015 eine Frau mehrfach mit dem Tod bedroht, genötigt und körperlich verletzt haben. Im September soll der Mann die Frau gezwungen haben, ihn von Dachau nach Salzburg zu fahren. Dabei habe er das Opfer mehrfach verletzt und zudem Drogen bei sich gehabt. Erst nach mehr als einer Woche sei der Mann laut Anklage wieder mit der Frau nach Deutschland gefahren. In der Nähe von München ließ er sie wieder frei.

2017 stellte sich aber heraus, dass sich Angeklagter und Opfer entgegen der Annahme der Anklage schon vorher kannten. Zudem waren sie bereits nach einer Nacht in Salzburg zurück nach Deutschland gefahren. Es soll im Vorfeld mehrere Sextreffen gegeben haben. Auf das Opfer kommt nun wegen Falschaussagen ein eigenes Verfahren zu. Die 24-jährige Geschädigte musste gestern nochmals aussagen. Sie gab zu Protokoll, dass es ihr sehr schlecht gehe, dass alles wieder hochkomme.

Wenn Hakki-Hakan E. nun ein voll umfängliches Geständnis mit Ausnahme des Vorwurfes der Vergewaltigung ablegt, sich gut führt und keine weiteren Straftaten bekannt werden, kann der 33-jährige Industriemechaniker mit einer Verurteilung zu drei Jahren und sechs Monaten bis zu maximal vier Jahren rechnen. Die Anklage forderte dabei einen Teilfreispruch in den Vergewaltigungsvorwürfen. Da E. bereits seit September 2015 in Untersuchungshaft sitzt, wird die Reststrafe wohl nicht mehr so hoch ausfallen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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