Januarstreik 1918 – der Anfang vom Ende

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Anführer der Revolte: Kurt Eisner (2.v.l.; mit Ehefrau Else), neben ihm Hans Unterleitner. Foto: NL Hoffmann/Ullstein

Vor genau 100 Jahren, Ende Januar 1918, streikten tausende Münchner Arbeiter für Frieden und gegen Verelendung. Angezettelt hatte den Aufstand mitten im Krieg ein gewisser Kurt Eisner – Monate später der Urvater der bayerischen Revolution. Eine neue Studie erhellt das kaum bekannte Vorspiel der Revolte.

SERIE 100 JAHRE FREISTAAT

von dirk walter

München – Die Häscher kamen am 31. Januar 1918 kurz nach 23 Uhr: Zwei Herren, die sich (wie Kurt Eisner später notierte) höflich entschuldigten. Aber sie müssten ihn leider mit aufs Polizeipräsidium nehmen. In der Ettstraße war die Zelle kalt und eng, ohne Stuhl und Tisch. Mit dem Rädelsführer des Januaraufstands kennt die Münchner Polizei kein Pardon. Und nicht nur Eisner geriet ins Visier. Mehrere Gesinnungsgenossen wurden gleichfalls verhaftet, es waren Personen wie Hans Unterleitner und Carl Kröpelin, die später bei der Revolution eine wichtige Rolle einnehmen werden. Auch eine Frau kam ins Gefängnis: „Neben dem Schriftsteller Eisner ist die Haupthetzerin in der Streikbewegung die schon wiederholt bei den unabhängigen Sozialdemokraten in der Presse mehrfach als ,Russin’ bezeichnete Sonja Lerch (...), seit 1912 mit dem Privatdozenten Dr. Eugen Lerch in München verheiratet, mosaischer Konfession“ – so heißt es in den Akten.

Rückblick: Ende Januar 1918 war ein Frieden noch in weiter Ferne – trotz des 14-Punkte-Plans, den US-Präsident Woodrow Wilson in diesem Monat vorlegte. An der Westfront kam es weiterhin zu mörderischen Großschlachten, die Deutschen suchten die Entscheidung. Doch die Ardennen-Offensive scheiterte ebenso wie wenig später die Ypernoffensive.

In München gärte es. Der Winter ging als „Dotschen- oder Steckrüben-Winter“ in die Geschichte ein, schreibt der Münchner Schriftsteller Günther Gerstenberg in einer neuen Darstellung zur Vorgeschichte der Münchner Revolution. Brot wurde mit Rüben und Kleie gestreckt, manchmal auch mit Sägemehl oder sogar Laub – ebenso übrigens wie Zigaretten. Wenn sich die Münchner Arbeiter in ihren Wirtschaften trafen und pafften, stank es erbärmlich.

Inmitten dieser Lebensmittelkrise trafen sich schon seit 1917 mehr oder minder geheim tagende revolutionäre Zirkel in den Hinterzimmern Münchner Gastwirtschaften. Auch das hat eine Vorgeschichte: Anfang April 1917 gründeten Kriegsgegner innerhalb der SPD in Gotha eine neue Partei: die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, kurz USPD. Kurt Eisner trat dem Münchner Ortsverein bei – als Mitglied Nummer 7. Im Dezember 1917 war die Partei winzig klein, hatte 250 bis 300 Mitglieder. Aber sie war sehr rührig. Dass ihre Hinterzimmertreffen von Polizisten mitstenografiert wurden, illustriert das damalige Ausmaß des Überwachungsstaates. Mit am eifrigsten, so zeigen die Protokolle, debattierte die Frau, die die Polizei dann bald verhaftete: Sonja Rabinowitz (nach ihrer Heirat: Sonja Lerch) war in Warschau geboren. Die Jüdin hatte 1905 in Odessa die gescheiterte erste russische Revolution miterlebt. Den erfolgreichen Umsturz 1918 in München erlebte sie nicht mehr. Denn sie wurde im Verlauf des Januarstreiks 1918 verhaftet und starb unter etwas mysteriösen Umständen in München-Stadelheim – offiziell war es ein Selbstmord.

Der Auftakt zur Streikwelle ist auf den 27. Januar 1918 zu datieren, einem Sonntag. Ausgerechnet an diesem Tag war der 59. Geburtstag des Kaisers. Daran dachten die 250 Leute nicht, die sich zur USPD-Versammlung in den Kolosseums-Bierhallen trafen. Das Wort ergriff Kurt Eisner, der einen weitreichenden Forderungskatalog vorlas: Aufhebung des beschränkten Vereins- und Versammlungsrechts, Aufhebung des Kriegszustandsgesetzes, Entlassung politischer Gefangener. Das Wort vom „Massenstreik“ kam auf – im Gegensatz zum begrenzten „Demonstrationsstreik“. Abgesandte Münchner Rüstungsbetriebe luden Eisner ein, auf Betriebsversammlungen zu sprechen. Die ersten – die der Bayerischen Geschützwerke und der Maffei-Werke – fanden am Abend des 28. Januar in der Schwabinger Brauerei statt. „Sooft ich von Streik sprach“, schrieb Eisner später, „jubelte alles; die Versammlung war von Anfang an so gestimmt, dass sie mehr mich als ich sie aufreizte.“ Auch Sonja Lerch hielt mitreißende Reden. Die Geschichte nahm ihren Lauf – bald streikten mehrere tausend Arbeiter. Fast jeder Großbetrieb wurde lahmgelegt: die Rapp-Motoren-Werke (BMW), die Lokomotivenfabrik Maffei, die Maschinen- und Flugzeugfabrik Otto Werke zum Beispiel.

Für den Staat war der Streik ein Schock. Er griff hart durch. Die Haftbefehle gegen die Rädelsführer lauteten auf Verbrechen des Landesverrats. Weil auch die SPD den Ausstand als verfehlt ansah und nicht unterstützte, dauerte es nur Tage, bis der Streik in sich zusammenbrach.

Schon im Oktober 1918 indes kam Eisner aufgrund einer glücklichen Fügung – er wurde als Reichstagskandidat nominiert – wieder frei. Noch einmal ließ er sich nicht verhaften. Am Abend des 7. November initiierte er von der Theresienwiese aus die Revolution.

Günther Gerstenberg hat die Vorgeschichte vorzüglich aufgeschrieben und die Schicksale der vom Staat verfolgten Rädelsführer detailliert rekonstruiert. Freilich neigt er dazu, die Rolle der Arbeiterschaft und der USPD-Wortführer zu heroisieren. Gewiss: Ohne die grassierende Unzufriedenheit, ohne Hunger und Verelendung der Münchner Arbeiterschaft ist die Revolution nicht zu erklären. Aber am 7./8. November 1918 waren „die Soldaten der Münchner Garnisonen der ausschlaggebende Faktor“, wie der Historiker Bernhard Grau in seiner Eisner-Biografie schreibt. Die Radikalisierung der von auswärts nach München strömenden Soldaten – unter ihnen auffallend viele Matrosen – hatten die Sicherheitsbehörden nicht auf dem Schirm. Doch so weit war man im Januar 1918 noch nicht.

Buchhinweis

Günther Gerstenberg: Der kurze Traum vom Frieden, Verlag Edition AV, 24,50 Euro

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