Der Weg aus der Isolation

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In der Putzbrunner Asylbewerber-Unterkunft werden mehr als 20 Sprachen gesprochen. Jeden Mittwochnachmittag aber nur Deutsch.

Denn mittwochs findet dort ein kostenloser Kurs der Volkshochschule statt. Ohne diese Initiative könnten sich die Flüchtlinge kaum verständigen. Der Kurs ist ihr Weg aus der Isolation.

Deutschkurse für Asylbewerber

In der Putzbrunner Asylbewerber-Unterkunft werden mehr als 20 Sprachen gesprochen. Jeden Mittwochnachmittag aber nur Deutsch. Denn mittwochs findet dort ein kostenloser Kurs der Volkshochschule statt. Ohne diese Initiative könnten sich die Flüchtlinge kaum verständigen. Der Kurs ist ihr Weg aus der Isolation.

Von Katrin Woitsch

Putzbrunn – Yazi hat eine Lieblingsfrage: Woher bist du? Wenn sie auf diese Frage antworten soll, dann antwortet sie lächelnd. Sie sortiert im Kopf noch einmal kurz die Wörter – und sagt: „Ich. Bin. Aus. Deutschland.“ Diese Antwort mag Yazi sogar noch ein bisschen lieber als die Frage. Obwohl sie nicht ganz stimmt.

Yazi ist vor zehn Monaten aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet. Bisher fehlen der 59-Jährigen die Worte, um den Menschen, die sie in der Gemeinschaftsunterkunft in Putzbrunn (Landkreis München) kennengelernt hat, von ihrem früheren Leben zu erzählen. Es ist ein Leben, in das sie nie wieder zurückmöchte. Voller Angst und Gewalt. Yazi will noch einmal von vorne anfangen. Sie wünscht sich, dass der Satz „Ich bin aus Deutschland“ irgendwann die richtige Antwort auf die Frage ist. Deshalb sitzt sie jeden Mittwochnachmittag mit gespitztem Bleistift und Arbeitsbuch im Deutschkurs von Irene Martius. Sie kämpft sich eisern von Kapitel zu Kapitel, von Vokabel zu Vokabel. Wer aus Deutschland ist, muss richtig Deutsch sprechen können, findet Yazi.

In der Putzbrunner Gemeinschaftsunterkunft werden viele Sprachen gesprochen. Hier leben Menschen aus Eritrea, Nigeria, Afghanistan, Aserbaidschan, dem Irak und vielen anderen Ländern zusammen. Einige von ihnen haben studiert, hatten in ihrer Heimat angesehene Berufe. Andere haben nie richtig Lesen und Schreiben gelernt. Viele sprechen mehr als drei Sprachen fließend. Aber keiner von ihnen kann richtig Deutsch. Wenn Irene Martius etwas erklärt, dann muss sie manchmal kleine Bilder an die Tafel malen und viel gestikulieren. Aber es funktioniert.

„Für einige Asylbewerber kann es Jahre dauern, bis sie von staatlicher Seite einen Deutschkurs ermöglicht bekommen“, sagt Irene Martius. Sie warten in den Gemeinschaftsunterkünften darauf, dass ihre Asylanträge bewilligt werden. Erst danach dürfen sie sich Wohnungen, Arbeitsstellen oder Ausbildungsplätze suchen. Viele Flüchtlinge bleiben trotz Anerkennung noch monatelang in den Unterkünften – weil sie die Sprache noch nicht gut genug sprechen, um ihr neues Leben in Deutschland beginnen zu können.

Vor knapp zwei Jahren hat sich die Situation bereits ein bisschen verbessert. Sozialministerium und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge haben damals ein Modellprojekt gestartet. An 40 Standorten im Freistaat werden seitdem Deutschkurse für Asylbewerber finanziert. „Die Volkshochschule profitiert bisher nur in der Oberpfalz davon“, sagt Christine Loibl, vhs-Referentin für Sprachen und Integration. Die anderen Volkshochschulen können die Kurse für Asylbewerber nur kostenlos anbieten, weil es viele ehrenamtliche Helferkreise und Initiativen der Kommunen gibt, die Materialkosten und Honorare für die speziell ausgebildeten Lehrer übernehmen. „Ein Vorzeigelandkreis ist Erding“, sagt Loibl. „Dort finanziert der Kreis Deutschkurse für alle Asylbewerber.“ Aber der Bedarf wird monatlich größer. „Es ist dringend nötig, dass es endlich eine flächendeckende staatliche Förderung für die Kurse gibt“, sagt sie. Sie hofft, dass es Mitte 2015 so weit sein wird – wenn die zweijährige Modellphase ausläuft.

Die Flüchtlinge, die in der Gemeinschaftsunterkunft in Putzbrunn leben, müssen nicht so lange warten. Sie haben Irene Martius. Sie kennt ihre Kursteilnehmer alle mit Namen. Einigen von ihnen hat sie in einem Orientierungskurs bereits Lesen und Schreiben beigebracht. Andere haben sie in der ersten Unterrichtsstunde schon so beeindruckt, dass sie ihre Namen nicht mehr vergessen hat. Aygün zum Beispiel. Sie ist immer eine der ersten, die Mittwochnachmittag zum Kurs kommen. Sie hat ihre Hausaufgaben immer gemacht – meistens fehlerfrei. Aygün ist mit ihrem Mann und den zwei Kindern vor acht Monaten aus Aserbaidschan nach Deutschland geflüchtet. Sie spricht fünf Sprachen fließend, hat in ihrer Heimat als Lehrerin gearbeitet. Hier in Deutschland sitzt sie wieder in der Schulbank, paukt Vokabeln und Grammatikregeln – und träumt davon, irgendwann wieder vorne an der Tafel zu stehen. Vor Kindern, so wie früher. „Deutsch ist eine so schöne Sprache“, sagt sie. „Ich wünsche mir, dass ich sie bald richtig sprechen kann.“

An diesem Mittwochnachmittag ist Aygün ihrem großen Ziel wieder ein paar Worte näher gekommen. Sie hat neue Antworten gelernt – auf ganz alltäglich Fragen. Wie heißen Sie? Wie geht es Ihnen? Woher sind Sie? Was machen Sie? Und sie hat aufmerksam zugehört, als die anderen Kursmitglieder auf diese Fragen geantwortet haben. Die Fremden, die in der Unterkunft nur ein paar Zimmer weiter leben, sind nach der Kursstunde heute ein bisschen weniger fremd. Die Stunden waren heute nicht so lang wie an den anderen Tagen in dieser Woche.

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