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Exklusiv-Interview

Minister Glauber steht hinter Wolfsabschuss: „Schutz der Menschen hat hier Vorrang“

Umweltminister Thorsten Glauber
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Der bayerische Umweltminister Thorsten Glauber im Gespräch.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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München – Der geplante Abschuss des Chiemgauer „Problemwolfs“ sorgt bayernweit für Diskussionen. Die Fronten zwischen Landwirten und Naturschützern verhärten sich. Die OVB-Heimatzeitungen haben mit dem bayerischen Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) über die gestoppte Entnahme und das schwierige Verhältnis vieler Bauern zum Landesamt für Umwelt (LfU) gesprochen.

Herr Glauber, der Wolf frisst sich durch die Region, während ein Antrag bearbeitet wird. Ist der viel gerühmte Aktionsplan Wolf gescheitert?

Thorsten Glauber: Nein, der Aktionsplan Wolf ist eine wichtige Grundlage. Der Wolf, der im Dezember für viele Risse verantwortlich war, soll ja nun entnommen werden.

Im Bericht des Expertenrats zur Entnahme heißt es, dass die vorliegende Fallkonstellation im Aktionsplan Wolf nicht thematisiert sei. Zudem gibt der Bericht keine klare Empfehlung. Wie kann das sein?

Glauber: Für mich ist ganz klar: Öffentliche Sicherheit ist ein ganz hohes Gut. Wenn ein Wolf die Scheu verliert und mehrfach in Siedlungsnähe agiert, können die Behörden nicht tatenlos zusehen. Der Schutz der Menschen hat hier Vorrang und deshalb gab es auch eine zügige Entscheidung der Regierung von Oberbayern.

Besagter Problemwolf ist binnen kurzer Zeit weite Strecken gewandert. Müsste das Verfahren beschleunigt werden?

Glauber: Das Verfahren ist so, wie es ist, wegen des Bundes- und EU-Rechts.

Die Entnahme hat das Verwaltungsgericht nun verboten. Eben weil keine Gefahr für den Menschen bestehe. Ist das für Sie nachvollziehbar?

Glauber: Die Regierung hat eine sorgfältige Entscheidung getroffen. Das Prozedere ist aufwendig: Man braucht Gen-Analysen, die Expertenkommission hat getagt, vom Landesamt für Umwelt (LfU) wurden sachverständige Personen hinzugezogen. Am Ende hat dann die Regierung von Oberbayern in Abwägung aller Belange eine Entscheidung getroffen, die ich auch mittrage.

Hier ist der Schutz der Menschen prioritär. Deshalb ist es richtig, wenn die Regierung jetzt Rechtsmittel gegen die Entscheidung prüft. Es darf nicht gewartet werden, bis tatsächlich einem Menschen etwas passieren.

Müssen sich die Landwirte in der Region grundsätzlich in der Zukunft auf mehr Wölfe einstellen?

Glauber: Der hohe rechtliche Schutzstatus des Wolfes in Europa ist eine Hürde. Einzelne Bundesländer können davon nicht abweichen. Auf Bundesebene gab es keine Mehrheit für unsere Anträge, die in der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie vorgesehene gemäßigte Bestandsregulierung auch in das Bundesrecht zu übernehmen. Da muss sich jeder Bundestagsabgeordnete auch aus der Region an die eigene Nase fassen. Andere Länder haben dies längst umgesetzt.

Müssen die Landwirte also auch mit Rudeln rechnen, die sich ansiedeln?

Glauber: Ich will nicht spekulieren. Aber was wir beobachten, ist eine Zunahme der Wolfspopulation auch im europäischen Alpenraum. Egal ob in der Schweiz, in Tirol oder in Südtirol. Das gilt für Bayern ebenso. Im Osten Deutschlands oder in Niedersachsen ist man ja heute schon deutlich stärker betroffen von Wölfen.

Sprechen Sie sich also für eine Obergrenze von Wölfen oder ein Bestandsmanagement aus?

Glauber: Ja, aber wir haben aufgrund der Rechtslage keine Chance dazu. Aber es muss auf jeden Fall gehandelt werden, wenn es um öffentliche Sicherheit geht. Über die Bestandsregulierung tätig zu werden – dazu gibt uns der Bund keine Möglichkeit. Im Bundesrat sind wir wie gesagt nicht erfolgreich gewesen und auch im Bundestag haben das die Abgeordneten nicht unterstützt.

Ist die Situation im Voralpengebiet nicht im Vergleich zum Osten oder Norden wegen der Almwirtschaft ganz besonders?

Glauber: Ich unterstütze die Almwirte in ihrer Einschätzung und diskutiere dazu auch gerne mit der Bundesumweltministerin. Bei der Almwirtschaft braucht es eine ganz besondere Abwägung hinsichtlich der Biodiversität – das lasse ich gerade prüfen. Denn die Almbauern leisten für die Biodiversität eine unglaublich wertvolle Arbeit.

Viele aus Tradition und Freude, um die Kulturlandschaft zu bewahren. Ich reiche jedem Landwirt aus der Region die Hand und will das gerne würdigen. Nur fehlt dazu bislang die rechtliche Möglichkeit.

Reden wir über ein Thema, das in Ihrem Verantwortungsbereich liegt – das LfU. Das Verhältnis zu den Landwirten ist zerrüttet. Wie konnte es soweit kommen?

Glauber: Ich habe diese Spannungen bei Gesprächen mit den Betroffenen vor Ort gespürt. Und ich möchte nicht, dass das so bleibt. Wir wollen die Hand reichen. Deshalb haben wir den Chiemgau zu einer Pilotregion für eine professionelle Rissbegutachtung gemacht. Ich habe außerdem ein Treffen mit den vom LfU beauftragten Netzwerkern vorgeschlagen, um die Situation zu diskutieren.

Für sie ist die Arbeit vor Ort auch nicht immer leicht. Es gab zum Beispiel einen Fall, wo bereits ein Abstrich für eine Genprobe erfolgt war, bevor der Beauftragte des LfU kam. Das macht es schwieriger, eine zweite Probe zu nehmen. Auch bei den Genproben wollen wir übrigens etwas ändern. Wir haben uns darauf verständigt, dass wir eine zusätzliche eigene Datenanalyse in Bayern aufbauen wollen.

Können Sie sich erklären, warum die Bauern und auch viele Jäger dem LfU so misstrauen?

Glauber: Wir setzen bereits jetzt einen Profi in der Pilotregion im Chiemgau ein, um neues Vertrauen aufzubauen. Man muss aber auch an dieser Stelle einmal danke sagen den Kollegen, die die Proben nehmen und dies ehrenamtlich tun, wofür sie vom LfU geschult sind.

Keiner der Kollegen hat ein Interesse daran, eine Probe nicht sorgfältig zu nehmen. Das wäre schon ein schwerwiegender Vorwurf an die Kollegen. Da geistern manchmal auch Mythen durch die Gegend. Daraus dürfen keine Verschwörungstheorien werden. Wenn es Spannungen gibt, müssen wir uns das aber natürlich anschauen.

Glauben Sie, dass noch irgendein Landwirt in Herdenschutz investieren wird, nachdem der Abschuss genehmigt worden ist? Hat man damit nicht sämtliche Türen für den Dialog geschlossen?

Glauber: Solange sich die rechtliche Situation nicht ändert, kann ich nur an die Landwirte appellieren, auf die Herausforderungen zu reagieren. Der Herdenschutz ist eine Aufgabe, die wir gemeinsam angehen müssen, weil es keine anderen rechtlichen Möglichkeiten gibt. Bei einem Riss auf der Weide oder auf der Alm ist die Entnahme sonst meistens keine rechtliche Möglichkeit.

Ich bin im Gespräch mit dem Tiroler Landeshauptmann Günther Platter und den Schweizer Kollegen, die vor ähnlichen Problemen stehen. In Tirol wurde beispielsweise eine Entnahmeentscheidung gerichtlich gekippt. Wir wollen eine gemeinsame Strategie für Biodiversität im Alpenraum schaffen.

Müssen wir künftig auch mit dem Bären, dem Luchs und dem Goldschakal im Chiemgau rechnen?

Glauber: Ich würde nicht ausschließen, dass es zu Sichtungen kommt und dann auch zu Diskussionen. Wir wollen die Landwirte, soweit es geht, mit den Managementplänen unterstützen.


Der Satz: Der Wolf gehört in den Chiemgau – würden Sie den unterschreiben?

Glauber: Ich würde einen anderen Satz nicht unterschreiben: Eine Forderung nach der Ausrottung des Wolfs. Das wird nicht passieren. Wir brauchen daher perspektivisch einen klugen Umgang mit den Wölfen. Die Population könnte sich in drei bis vier Jahren einmal verdoppeln. Dadurch wird die Herausforderung immer größer.

Ich sage auch in aller Deutlichkeit: Die Artenvielfalt in der Region ist eben wegen der Kulturlandschaft so hoch und deshalb braucht es ein Gleichgewicht mit den großen Beutegreifern.

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