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WIE CORONA DIE WIRTSCHAFT TRIFFT

IHK-Chef in Rosenheim: Mit Pickelhauben-Bürokratie kannst du eine Gesellschaft nicht führen

IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Manfred Gößl
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IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Manfred Gößl
  • Michael Weiser
    VonMichael Weiser
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Weniger Regeln, mehr Tempo: So stellt sich Dr. Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern, den Weg aus der Corona-Krise vor. Mit OB März und Landrat Lederer sprach Gößl über Herausforderungen in der Region. Und mit den OVB-Heimatzeitungen über Pickelhauben-Bürokratismus.

Sie zählen 400.000 Mitgliedsunternehmen. Die IHK für München und Oberbayern ist damit die größte Industrie- und Handelskammer, Deutschlands. Wie setzt man so viel Macht ein?

Dr. Manfred Gößl:Ich würde eher von Einfluss und Legitimation sprechen. Wir vertreten die ganze Bandbreite der Wirtschaft. Gott sei Dank sind wir breit aufgestellt. Die Wirtschaft besteht zu großen Teilen aus Selbstständigen und kleinen Unternehmen. Fast 97 Prozent unserer Mitglieder haben weniger als 20 Beschäftigte. Um dieser Gruppe eine Stimme zu geben, werden wir der Politik immer wieder sagen, dass die überbordende Bürokratie vor allem die Kleinsten schwer belastet und vom eigentlichen Geschäft abhält. Ich habe die Sorge, dass wir der ganzen Regeln und Vorschriften nicht mehr Herr werden. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben Angst, weil sie ja gar nicht wissen, ob sie nicht gerade eine Regelverletzung begehen. Es ist einfach zu viel geworden.

Auch bei den Hilfsgeldern hörte man oft den Vorwurf, es laufe zu bürokratisch.

Gößl:Ich habe einmal vom preußischen Pickelhauben-Bürokratismus gesprochen. So kannst du eine moderne Gesellschaft nicht führen, geschweige denn Probleme in der Wirtschaft lösen. Im Kern geht es doch darum: Soll die die Feuerwehr möglichst schnell kommen oder soll man vorher erst genau berechnen, wie viel Wasser notwendig sein könnte? Corona hat uns doch gezeigt, dass wir schneller werden müssen. Wir haben uns in den Stillstand reguliert.

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Sind Österreicher auch so umständlich?

Gößl:Schauen Sie sich die Corona-Hilfen an, wie das bei denen läuft. Die haben auf weniger Regeln und weniger Komplexität gesetzt. Bei uns will der Bund jedem Einzelfall gerecht werden.

Größter Wirtschaftseinbruch der Nachkriegsgeschichte

Welche Bilanz ziehen Sie nach 15 Monaten Pandemie?

Gößl:Wir haben in der Breite den größten Wirtschaftseinbruch in der Nachkriegsgeschichte erlebt. In einigen Branchen war es desaströs: Im Gastgewerbe, im Einzelhandel, bei Veranstaltern und in der Kulturbranche hat Corona verheerende Einschläge hinterlassen. Wir werden für die Erholung in manchen Branchen länger brauchen als viele glauben.

Während der Pandemie haben sich viele Menschen angewöhnt, online zu bestellen. Wird der Einzelhandel Terrain zurückgewinnen können?

Gößl:Eine ganze Generation von Konsumenten wurde in den vergangenen eineinhalb Jahren an den Onlinehandel herangeführt. Das bedeutet für den stationären Handel, dass er auf das Onlinegeschäft setzen muss. Zugleich werden Beratung und Service wichtiger, kosten aber auch Geld. Jeder stärker ein stationärer Einzelhändler auf Massenware setzt, desto schwieriger wird es für ihn. Interessant ist ein Blick in den Lebensmittelhandel: Anders als die Menschen in den USA kaufen die Deutschen ihre Lebensmittel überwiegend noch selbst im Geschäft vor Ort ein. Die Leute mögen es, wenn die Produkte regionaler und frische sind. Sie wollen wissen, wo’s herkommt.

Stadt Rosenheimer stärker betroffen als Landkreis

Wie sieht die Bilanz für die Region Rosenheim aus?

Gößl:Die Stadt Rosenheim ist stärker als der Landkreis betroffen. Im Landkreis sind verstärkt verarbeitendes Gewerbe und Handwerk angesiedelt, die waren zu Beginn der Pandemie von großen Einschränkungen und Einbußen betroffen. Die Grenzschließungen zu Österreich waren besonders für die Region verheerend. Dann aber zog die Wirtschaft in China wieder an, auch die USA kamen schnell aus der Krise. Davon haben viele Betriebe in der Region, die am Export hängen, profitiert. Stark betroffen ist eigentlich alles, was typisch für die Stadt ist, Einzelhandel und Gastgewerbe, Events und Kultur.

Aber Gastgewerbe gibt’s auch auf dem Land.

Gößl:Das ist richtig, aber auch das war bis zum Sommer 2020 Krisengebiet: Alle Hotels, Gaststätten und Ferienwohnungen hatten zu. Der Tourismus konnte in der Region dann aufholen, während in der Stadt Hotels und Gaststätten zurückhängen, wie auch alles, was mit Festen und Tracht zu tun hat. Wer glaubt, dass sich das schnell normalisiert, täuscht sich. Dazu muss sich erst das Verhalten der Menschen wieder normalisieren. Wann gehe ich wie früher in ein Kino, in ein Theater, in ein Konzert? Das wird dauern.

Wie lang?

Gößl:Wir müssen schauen, was im Herbst passiert. Es wird vom Verhalten der Menschen und vor allem von der Impfquote abhängen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass im Herbst die Infektionszahlen wieder steigen, sie tun es ja teilweise jetzt schon. Wenn wir es gut überstehen, können wir im Frühjahr nächsten Jahres langsam zur Normalität zurückkehren.

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Wenn alles von der Impfquote abhängt, was halten Sie dann vom Standpunkt von Wirtschaftsminister Aiwanger, der mit dem Impfen lieber noch zuwarten möchte?

Gößl:Das ist seine persönliche Entscheidung. Wenn allerdings jeder diese Haltung hätte, dann würden wir nicht aus der Krise kommen.

Wirklich offensiv wirbt die IHK ja auch nicht fürs Impfen.

Gößl:Impfen ist eine persönliche Entscheidung, die jeder für sich treffen muss. Aber: Die Wirtschaft, die Unternehmen, haben ein Interesse daran, dass Mitarbeiter und Kunden gesund bleiben. Wer sich in der Welt umschaut, sieht, wie mit fortgeschrittener Impfkampagne das öffentliche Leben wieder losgeht. Impfen ist die beste Vorbeugung, damit können wir schwere Erkrankungen und eine Überlastung des Gesundheitssystems vermeiden. Ich kann nur sagen: Je höher die Impfquote ist, desto niedriger der Schaden für Jobs, Wohlstand und Gesellschaft. Einen weiteren Lockdown kann und darf es nicht geben.

Wir Deutschen sind eher Risikovermeider

Haben Sie Verständnis, wenn sich Unternehmer enttäuscht von der Politik abwenden?

Gößl:Wir müssen differenzieren. Wir Deutsche sind eher Risikovermeider. Aber einen absoluten Son-derweg haben wir hierzulande nicht bestritten. Es kam kaum ein Land in der Welt ohne Restriktionen aus. Wer die Pandemie zunächst nicht ernst genommen hat, musste irgendwann zurückrudern. Viele Unternehmer hatten durchaus Verständnis für die Schutzmaßnahmen. Sie haben uns gesagt: Das schlimmste wäre ein Jo-Jo-Effekt, also ein ständiges Auf- und wieder Zusperren. Dann lieber vier Wochen konsequent dichtmachen, so dass man unter anderem sein Personal planen kann. Im Nachhinein lässt sich zudem immer leicht urteilen. Wir als IHK stehen mit der Politik in Kontakt und haben konkrete Vorschläge für kontrollierte Öffnungen gemacht.

Zum Thema: Bars und Clubs aus Rosenheim hoffen auf Öffnung im Herbst

Wie sieht es mit der Nachtgastronomie aus?

Gößl: Da bleibt es schwierig. Die große Hoffnung ist die steigende Impfquote. Es ist wichtig, dass sich junge Leute treffen können. Gerade in Städten ist es oft nicht gut, dass man dem Treiben auf Straßen und Plätzen einfach sich selbst überlässt. Ich finde, dass man das kanalisieren sollte durch kontrollierte Öffnungen von Bars und Clubs für vollständig Geimpfte. Es gibt ja auch immer mehr junge Erwachsene, die sich impfen lassen. Ich kann denen nur sagen, macht weiter so.

Sie haben vor unserem Interview in Rosenheim noch Landrat Otto Lederer und Oberbürgermeister Andreas März getroffen. Um was ging es in Ihrem Gespräch?

Gößl: Wir haben über die Auswirkungen der Pandemie auf Wirtschaft und Gesellschaft gesprochen, auch über die Schulen. Viele Schüler sind derzeit verunsichert, wie es nach der Schule weitergehen soll. Viele haben den falschen Glauben, es gebe nicht genug Ausbildungsplätze. Dabei haben wir auch in Stadt und Landkreis Rosenheim mehr offene Lehrstellen als Bewerber. Auf einen Bewerber kommen 1,2 unbesetzte Lehrstellen. Das ist ein Riesen-Problem, denn wir brauchen in der Wirtschaft jeden jungen Menschen.

Die Bundestagswahl steht vor der Tür, ein Hauptthema könnte der Klimawandel sein. Droht da der nächste Stresstest?

Gößl: Ja, vor allem wegen der Energiepreise. Wir haben international die höchsten. Das Thema brennt unseren Mitgliedsunternehmen, vor allem aus der Industrie, auf den Nägeln. Die Mehrheit der Unternehmer steht dazu, wir müssen vom Kohlendioxid-Verbrauch runter. Wir müssen das aber über die Marktwirtschaft lösen, also über den Preis und nicht über Verbote. Und noch ein weiteres Thema, um das sich die neue Bundesregierung kümmern muss…

Schießen Sie los!

Gößl: Der Mangel an kommenden Fachkräften, den ich bereits angesprochen habe. In Bayern gehen in den nächsten zehn Jahren 1,3 Millionen Menschen mehr in Rente als Jugendliche aus den Schulen kommen. Schulabgänger. Dafür gibt es keine schnelle Lösung. Jeder, der bereits heute von Fachkräftemangel redet, muss wissen: Jetzt geht’s er richtig los! So viele Fachkräfte aus dem Ausland gibt es gar nicht, dass wir diese Lücke schließen können. Auch deshalb kommt uns die Digitalisierung genau recht.

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