„Ich werde diesen Einsatz nie vergessen“

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Grausiger Fund: Am 14. Juni 1985 entdeckten Dieter Heumann (hier am Zaun) und ein Kollege Michaelas Leiche. rk

Heute vor 28 Jahren fanden zwei Polizisten die Leiche von Michaela Eisch. Einer von ihnen ist Dieter Heumann. Für ihn wurde der Mord an dem kleinen Mädchen zum bewegendsten Fall seiner Karriere. Bis heute jagt die Polizei den Täter – und Dieter Heumann hofft, ihm eines Tages ins Gesicht zu blicken.

Mordfall Michaela Eisch

Heute vor 28 Jahren fanden zwei Polizisten die Leiche von Michaela Eisch. Einer von ihnen ist Dieter Heumann. Für ihn wurde der Mord an dem kleinen Mädchen zum bewegendsten Fall seiner Karriere. Bis heute jagt die Polizei den Täter – und Dieter Heumann hofft, ihm eines Tages ins Gesicht zu blicken.

von ann-kathrin gerke

Der 14. Juni 1985 ist ein warmer Frühlingstag, die Polizisten der Baldewache sind in kurzärmeligen Hemden unterwegs. Dieter Heumann ist 21 Jahre alt, ein junger Beamter, erst seit wenigen Wochen mit der Ausbildung fertig. Gemeinsam mit seinem erfahrenen Kollegen Klaus M. fährt er an diesem Nachmittag Streife durch das Revier in der Isarvorstadt. Gegen 15 Uhr empfangen sie einen Funkspruch in ihrem 5er-BMW. Die Einsatzzentrale schickt sie zur Braunauer Eisenbahnbrücke, mit den Worten: „Dort zeigen Ihnen die Beschäftigten vom E-Werk ein totes Reh im Gebüsch.“ Was zunächst unspektakulär klingt, wird sich zu einem der größten Mordfälle entwickeln, die es in München jemals gab – und Dieter Heumann wird diesen Einsatz nie mehr vergessen. Denn an dem Bahndamm unweit der Isar werden die Polizisten in wenigen Minuten kein Reh finden. Sondern die Leiche der achtjährigen Michaela Eisch.

Noch heute, 28 Jahre später, kennt wohl jeder Polizist in der Stadt den Namen des kleinen Mädchens. Ihr Tod ist der einzige Sexualmord an einem Kind, den die Münchner Mordkommission bisher nicht aufklären konnte. Michaela Eisch verschwand am 17. Mai 1985. Die Beamten haben diesen Tag im Laufe der Jahre rekonstruiert: Die Achtjährige verließ am Vormittag gegen 10.30 Uhr das Haus ihrer Großeltern an der Höhenstadter Straße in der Maikäfersiedlung (Berg am Laim). Sie durfte an diesem Tag zum ersten Mal alleine mit der U-Bahn fahren, um ihre Mutter an ihrem Arbeitsplatz im Hotel Alpenhof in der Innenstadt abzuholen. Die zwei wollten Schallplatten kaufen gehen, Michaela war aufgeregt. Ihr Großvater war bis zuletzt dagegen, das Kind alleine gehen zu lassen – doch als Michaela weinte und quengelte, gab er nach. Es war das letzte Mal, dass er seine Enkelin sah.

Bis heute ist unklar, ob Michaela zur U-Bahnstation Michaelibad oder Innsbrucker Ring ging, Zeugen widersprachen sich. Doch fest steht: Am U-Bahnhof verliert sich ihre Spur erst einmal. Gesehen wird Michaela erst Stunden später wieder – und zwar gegen 17.30 Uhr am östlichen Isarufer. Zwei Zeuginnen sehen sie mit einem Mann zwischen 25 und 35 Jahren, den sie als gutaussehend beschreiben. Er hebt das Kind nahe des Kiosks an der Eisenbahnbrücke über den Zaun. Der Umgang miteinander wirkt vertraut. Vier Wochen später finden Dieter Heumann und sein Kollege nur wenige hundert Meter entfernt die Leiche des Kindes.

Heumann erinnert sich bis heute an den Geruch, der ihm am Nachmittag des 14. Juni an der Braunauer Eisenbahnbrücke in die Nase stieg – und der die Mitarbeiter des E-Werks dazu gebracht hatte, die Polizei zu rufen. Der Gestank nach Verwesung. „Die Beschäftigten erzählten uns, dass dieser Geruch schon länger in der Luft hing. Sie glaubten, es sei ein totes Reh“, sagt Heumann. Er ist mittlerweile 49 Jahre alt und Polizeihauptkommissar auf der Giesinger Inspektion, leitet dort den Kontaktbereich. Die Baldewache gibt es längst nicht mehr, der 14. Juni 1985 ist mehr als ein halbes Berufsleben her – doch was damals passierte, schildert Dieter Heumann so klar, als sei es gestern gewesen. „Ich werde diesen Einsatz nie vergessen.“

Hinter seinem Kollegen kraxelt der junge Beamte den Bahndamm hinauf, die Männer gehen in das Gebüsch. Der Geruch wird stärker. „Plötzlich sagte mein Kollege Klaus: Bleib stehen. Ich glaube, das ist kein Reh. Das ist das Mädchen, nach dem alle suchen.“ Er hat Recht. Dort, im Unterholz, liegt die achtjährige Michaela Eisch. Rechtsmediziner werden später feststellen, dass sie missbraucht und erdrosselt worden ist. „Ich habe den Körper nur schemenhaft gesehen“, sagt Heumann. „Mein Kollege hat sofort an ihren Ballerina-Schuhen erkannt, dass es sich um Michaela handelte.“

Schwarze Ballerinas, eine dunkelblaue Strickjacke, ein weißer Faltenrock und ein T-Shirt mit Kuschelbären-Aufdruck – jeder Polizist in der Stadt wusste in diesen Tagen, was Michaela zuletzt getragen hatte. Nach ihr war mit Spürhunden und Hubschraubern gefahndet worden, es war die größte Suchaktion, die es bis dahin in der Geschichte der Münchner Polizei gegeben hatte. Doch Michaela war vermutlich längst tot – die Polizei geht heute davon aus, dass der unbekannte Mann vom Isarufer sie noch am Tag ihres Verschwindens tötete.

Die Mordkommission jagt diesen Mann bis heute. Über die Jahrzehnte hinweg wurden Spuren aufbewahrt, immer wieder neu ausgewertet, Hinweise geprüft. Vor zwei Jahren gelang es dank verbesserter Technik, eine DNA-Spur am Beweismaterial zu sichern. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter sie hinterlassen hat – und leitete den größten DNA-Massentest ein, den es in München jemals gab. Alle Männer im passenden Alter, die 1985 in der Maikäfersiedlung gewohnt oder gemeinsam mit Michaelas Mutter gearbeitet haben, sollen freiwillig eine Speichelprobe abgeben. Rund 1900 Männer haben das laut Mordkommission bislang getan, etwa 800 Proben fehlen noch – weil die Männer aus München weggezogen sind und nun erst einmal gefunden werden müssen, erklärt Kriminalhauptkommissar Stephan Meyer. „Es wird alles getan und versucht, dieses Tötungsdelikt doch noch aufzuklären“, sagt er. „Der Täter könnte möglicherweise noch einmal zuschlagen.“ Doch bislang gab es keinen Treffer.

Unterhalb der Braunauer Eisenbahnbrücke erinnert heute ein Mahnmal an Michaela Eisch. Ein Münchner Familienvater, der nicht genannt werden möchte, hat es aufgestellt und pflegt das Holzkreuz liebevoll. Außerdem betreut er ein Trauerbuch im Internet, wo alle Informationen zum Fall Eisch gesammelt werden (http://trauerbuchmichaelaeisch.npage.de). Er kannte Michaela nicht, aber er sagt: „Wenn meinen Kindern so etwas passieren würde, würde ich auch wollen, dass sich jemand kümmert.“

Michaelas Mutter kann sich nicht mehr kümmern – sie starb wenige Jahre nach ihrer Tochter. „Aus Kummer“, glaubt Dieter Heumann. Der Fall bewegt ihn bis heute: „Ein unschuldiges Mädchen ist ermordet worden. Ich habe nicht nur als Polizist, sondern auch als Privatperson ein Interesse daran, dass der Täter gefasst wird.“ Dieter Heumann hat selbst drei Kinder, sein ältester Sohn wurde drei Jahre nach dem Tod von Michaela Eisch geboren. „ Mit den Vatergefühlen kamen die Erinnerungen an den Fall wieder hoch“, sagt er. „Da wurde mir die ganze Dramatik erst richtig bewusst.“ Zufällig verbindet ihn der Fall zudem mit einer guten Freundin, auf deren Hochzeit Michaela im November 1984 Blumenmädchen war.

Etliche Male hat Dieter Heumann über die letzten Stunden im Leben von Michaela Eisch nachgedacht. Er kennt die Wohngegend gut, lebt selbst in der Nähe. „Ich sehe es wie einen Film vor meinem inneren Auge. Wie sie die Straße entlang geht, den U-Bahnabgang sieht, mit der Rolltreppe herunter fährt. Aber dann, am Bahnsteig, endet der Film.“ Der Polizist hat bis heute keinen Verdacht, wer der Täter sein könnte. „Nach so langer Zeit ist die Suche schwierig, vielleicht ist der Mörder längst tot.“ Doch Dieter Heumann hofft, dass seine Kollegen von der Mordkommission den Mann finden – und er ihm eines Tages im Gerichtssaal in die Augen schauen kann. „Das wäre eine Genugtuung.“

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare