„Ich lebe viel mehr im Jetzt“

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Melanie Brandl hat gelernt, mit ihrem Gehirntumor zu leben. Und sie hat ihre Erfahrungen in einem Roman verarbeitet. Dieses Wochenende wird er vorgestellt. Foto: kirmaier

Drei Kinder, eine glückliche Ehe, Erfolg im Beruf. Alles schien in Ordnung zu sein. Da erfährt Melanie Brandl, dass sie einen Tumor im Kopf hat. Sie übersteht die Operationen, kämpft sich mühsam zurück in den Alltag. Ein Teil des Tumors ist geblieben – aber sie hat gelernt, mit ihm zu leben.

Diagnose Gehirntumor

Von Conny Kirmaier

Dachau – Melanie Brandl ist 40, steht mitten im Leben. Die Kinder sind auf den Weg gebracht, die Zeit für sich selbst und ihren Mann Thomas wird mehr, sie arbeitet gerne. Alles ist gut. Doch dann kommt die Schockdiagnose: Gehirntumor. Heute, fünf Jahre nach der schlimmen Nachricht, hat die dreifache Mutter ihr Schicksal angenommen – und aus ihren Erfahrungen ein Buch gemacht. Sie sieht gut aus – gesund und lebensfroh. Sie lacht viel, erzählt ihre Geschichte ehrlich und direkt. Aber es kostet die 45-Jährige Mut, über ihr Schicksal zu sprechen. Über die Tiefen, über die Zukunft. Brandl hat diesen Mut. Heute mehr als damals, 2013. Als ein Arztbesuch ihr Leben auf den Kopf stellte.

Rückblick: Melanie Brandl zieht 2007 mit ihren drei Kindern, ihrem Mann und ihrem Hund von München in den Landkreis Dillingen. Sechs Jahre lang genießt die Familie das Landleben. Dann sieht sie plötzlich Doppelbilder. „Ich dachte, ich brauche eine Brille“, sagt sie. „Ich hab mir meinen Termin beim Augenarzt extra so gelegt, dass ich hinterher zum Optiker gehen konnte.“ Doch dazu kommt es nicht. „Die Ärztin hat sofort gesagt: Schlaganfall oder Gehirntumor. Sofort in die Klinik, sofort ins MRT.“

Sie fühlt sich wie in einem Film. „Das war wirklich surreal.“ Schon am nächsten Tag fährt Melanie Brandl ins Krankenhaus, wo der Gehirntumor diagnostiziert wird. Er ist groß, etwa acht Zentimeter, und sitzt vorne links im Kopf. Sie wird nach Großhadern geschickt. Die Ärzte entfernen in zwei langen Operationen das gewachsene Gewebe. Zwei Jahre lang darf sie danach nicht Autofahren, kann eine ganze Zeit lang nichts lesen. „Da war das Landleben mit drei Kindern gar nicht mehr romantisch. Denn es gab außer dem Schulbus nichts. Ich konnte nicht zum Einkaufen fahren, ich konnte die Kinder nicht zum Sportverein oder Verabredungen fahren, ich konnte nicht zum Arzt. Ich brauchte immer jemanden, der mir hilft.“

Melanie Brandl bekommt Unterstützung von anderen Müttern, ihren Eltern, die in der Nähe wohnen. Sie bringen die Zwillinge Jonas und Lukas, damals 14, zum Fußballtraining, den siebenjährigen Felix zu Spielkameraden. „Ich war zwei Jahre im Prinzip nur daheim.“ In dieser Zeit fängt die studierte Literaturwissenschaftlerin an, einen Roman zu schreiben. „Es ist nicht meine Geschichte, aber die fließt mit ein.“ Genau wie der Kontrast zwischen ihrer eigenen Reaktion auf die Diagnose und der ihres Umfeldes. „Ich hatte ja keine Beschwerden, ich habe nur nicht so gut gesehen“, erinnert sie sich. „Aber viele Leute um mich herum waren in Panik: meine Familie, meine Eltern, Freunde. Manche haben plötzlich angefangen zu weinen, ich selbst aber war relativ ruhig. Das war bizarr.“

Schnell wird Melanie Brandl klar: „Ich bin 40. Meine Entscheidungen sind gefallen. Ich habe drei ganz tolle Kinder, einen tollen Mann, einen Job. Ich habe mein Leben gelebt. Natürlich wünsche ich mir noch ganz viele Jahre zusammen mit meiner Familie. Aber ich habe viel mehr gehabt, als andere ihr ganzes Leben lang haben.“ Sie stellt sich eine Frage: Was wäre, wenn sie Anfang 20 wäre? Würde sie Kinder bekommen mit dem Tumor im Kopf? „Wenn ich einen Typen kennenlernen würde, würde ich es ihm sagen? Und wenn ja, wann?“ Aus diesen Fragen entsteht die Idee zu ihrem Buch. Wichtig ist ihr, dass es kein Betroffenheitsbuch wird. „Das ist nicht meins. Mein Buch sollte unterhalten. Aber es kursierte eben auch diese Frage in meinem Kopf, was wäre, wenn ich 20 Jahre jünger gewesen wäre?“

Die Hauptfigur im Roman ist die Studentin Franka, die mit ihrer Tumordiagnose sehr offen und fast witzig umgeht. „Franka entwickelt einen schwarzen Humor, wenn es um ihre Krankheit geht.“ Doch dann lernt sie Leon kennen – und erzählt ihm nichts von ihrem Tumor. Melanie Brandl schreibt jeden Tag ein Kapitel aus dem Leben von Franka und Leon. Es flutscht. Schwieriger ist es hingegen, einen Agenten und dann einen Verlag zu finden. Das dauert knapp zwei Jahre lang.

Inzwischen ist die Familie nach Dachau gezogen. Hier beginnt das Leben danach. Es geht bergauf. Sie geht regelmäßig zum MRT, der verbleibende Tumor wächst nicht weiter. „Das Positive ist: Ich lebe viel mehr im Jetzt als vorher“, sagt sie. „Mein Sohn Lukas hat mal zu mir gesagt: Das ist zwar schon scheiße mit deinem Tumor, aber du hast noch nie so geil reagiert, wenn ich mit einer 5 nach Hause gekommen bin.“ Sie arbeitet in einem Dachauer Buchladen, schreibt für unsere Zeitung. Mit ihrer Krankheit geht sie offen um – auch zwangsläufig. Denn ihr erstes Buch stellt sie an diesem Wochenende auf der Buchmesse in Leipzig vor. Ein Neuanfang mit 45. Auch als Buchautorin, denn das nächste Werk ist schon in der Mache – und der Tumor spielt darin keine Rolle mehr.

Das Buch

„Mittendrin ein neuer Anfang“ von Melanie Brandl ist ab 10. April im Handel erhältlich und bereits vorbestellbar/7,99 e. Verlag: Tinte & Feder, ISBN 9782919800131.

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