„Ich lasse mich nicht unterkriegen“

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Sie hat den Albtraum aller Frauen erlebt: Im Dezember 2016 wurde Birgit S. (45) im Englischen Garten vergewaltigt und beinahe zu Tode gewürgt. Den mutmaßlichen Täter sah sie gestern vor Gericht wieder, wo sie als Zeugin gegen Emrah T. (28) aussagen musste.

Vergewaltigungsopfer als zeugin vor Gericht

von andreas thieme

München – Birgit S. ist eine tapfere Frau. Den Überfall vor 16 Monaten habe sie „gut verarbeitet“, berichtet sie. Mehr als eine Stunde lang sagte sie gestern am Landgericht aus. Dabei saß sie zum ersten Mal dem Mann gegenüber, der sie im Englischen Garten brutal vergewaltigt haben soll: Emrah T. (28).

„Ich erkenne seine braunen Augen wieder“, erklärte Birgit S. Einen Zeugenbeistand lehnte sie ab. „Ich lasse mich nicht unterkriegen“, sagte sie. Dabei hat die Fremdsprachenkorrespondentin einen Albtraum erlebt: Am 18. Dezember 2016 joggt Birgit S. abends in Oberföhring. „Meine übliche Runde: Am Wasserwehr entlang.“ Ein Mann folgt ihr im Dunkeln, kommt immer näher. „Ich dachte noch, den lasse ich vorbeiziehen. Doch plötzlich wurde ich von hinten gewürgt.“ Birgit S. versucht sich zu wehren, doch der Angreifer drückt immer fester zu – bis sie zusammenbricht.

Emrah T. (28) steht nun wegen versuchten Mordes vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, dass er aus Heimtücke und Sexgier töten wollte. Laut Anklage würgte er Birgit S. noch 30 Sekunden lang mit ihrem Stirnband, als sie bereits bewusstlos war, und vergewaltigte sie dann. „Davon bekam ich nichts mit“, sagt Birgit S. vor Gericht. Ihre Erinnerung setzt erst wieder ein, als sie Minuten später in einem Gebüsch zu sich kommt. „Ich dachte erst, ich bin zu Hause und muss gleich zur Arbeit. Dann sah ich, dass meine Hose und die Unterhose heruntergezogen sind“, erzählt S. „Ich fühlte mich schwammig und schaffte es nur langsam, wieder aufzustehen.“ Ihr Glück: Ganz in der Nähe des Tatorts liegt die St. Emmeramsmühle. Dort erhält sie Hilfe.

„Im Spiegel sah ich, dass ich ein großes Loch in der Unterlippe hatte“, erzählte die 45-Jährige weiter – Spuren des Kampfes zuvor. Zudem trägt sie starke Würgemale am Hals davon. „Sie war kaum ansprechbar und hatte Schwellungen im Gesicht“, sagte ein Spaziergänger aus, der am Tatort vorbeikam und den Notarzt rief. Laut den Vernehmungen der Polizei war Birgit S. zwar verletzt, psychisch aber in „einem erstaunlich stabilen Zustand“. Auch auf Nachfrage von Richter Michael Höhne sagte sie im Prozess: „Mir geht’s gut.“ Wie ihr das gelingt? „Ich bin mit großen Brüdern aufgewachsen, das hat mich abgehärtet“, erklärt Birgit S. „Heute gehe ich auch wieder auf derselben Strecke joggen, aber ich bin vorsichtiger geworden.“

Emrah T. blickt sie gestern noch einmal tief ins Gesicht. Dann steht sie auf und verlässt den Gerichtssaal. Der Angeklagte selbst schweigt zu den Vorwürfen. Seine DNA hat ihn überführt.

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