„Ich habe Spaß am Tabubruch“

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Die legendäre Chanson-Sängerin und Wirtin „Schwabinger Gisela“ wird heute 85 Jahre alt Das wilde Schwabing der 50er, 60er und 70er Jahre ist untrennbar verbunden mit Gisela Dialer.

Mir ihrem Lokal „Bei Gisela“ in der Occamstraße wurde sie international berühmt. Dort trat die Chanson-Sängerin auch jeden Abend selbst auf – und sang die Männer um den Verstand. Heute wird die „Schwabinger Gisela“ 85 Jahre alt. Wir haben sie besucht.

-Sie werden oft als Schwabinger Legende bezeichnet. Ehrt oder nervt Sie das?

Naja, kann man mit leben.

-Ihr ehemaliges Lokal jedenfalls ist legendär. Es gibt kaum jemanden, der damals nicht Gast bei Ihnen war.

Ja, es waren viele Leute da in den Jahren. Kirk Douglas, Orson Welles, Edward Kennedy, Franz Josef Strauß. Strauß kam meistens mit Gästen, zog sich in eine Ecke zurück und blieb da lange. Ein ruhiger Mann eigentlich, der immer so da saß. (Gisela Dialer verschränkt die Arme, lehnt sich auf den den Tisch, schaut finster und bläst die Backen auf.) Juri Gagarin war auch mal da.

-Der erste Mann im Weltall und Held der Sowjetunion war in München bei Ihnen im Lokal?

Ja, mit Dolmetscher. Aber ich hatte den Eindruck, dass der immer nur das übersetzt hat, was Gagarin hören wollte.

-Sie waren Anfang Zwanzig, als Sie ihr Lokal eröffneten. Was hat Ihren Laden so einzigartig gemacht?

(Gisela Dialer lässt sich mit der Antwort Zeit, zündet sich eine Zigarette an, bläst langsam den Rauch in den Raum.) Naja, das war eben mein Leben. Ich denke, vielleicht die Aura des Verruchten. Die Leute waren neugierig, sie haben sich gefragt, was da wohl passiert, in diesem Lokal in Schwabing. Eine junge Frau, die erotische Texte singt. (Sie schweigt lange...dann ruft sie nach ihrem Pfleger) Philip, ich brauche einen Schnaps! Mir ist was auf den Magen geschlagen.

-Ich hoffe, ich war nicht schuld?

Doch, natürlich. Wollen Sie auch einen?

-Gerne. Was trinken wir?

Einen doppelten Sliwowitz.

(Pfleger Philip kommt mit einer Flasche Sliwowitz, schenkt zwei Gläser ein.)

-Was hat man damals eigentlich getrunken?

Whiskey, viel Whiskey.

- Mit Cola?

(lächelt) Cola gab es in meinem Lokal nicht. Pur natürlich. Wein gab es damals auch nicht als Achterl oder Vierterl, sondern nur in der Flasche. Und Bier nur zum Essen, aber nicht beim Weggehen.

-Es gab in den muffigen 50ern viele Menschen, denen überhaupt nicht gepasst hat, was da in ihrem Laden vor sich ging. Mit dem Lied „Der Nowak“ wurden sie als Sängerin berühmt. Darin enttarnen Sie äußerst elegant die Enge einer bürgerlichen Ehe, verklemmte Sexualmoral, die Dominanz des Mannes.

Eines Morgens stand plötzlich die Polizei vor meiner Tür und beschlagnahmte alle Platten mit diesem Lied. Manche hatten wohl Angst, dass ich die jungen Männer sexuell zu sehr verwirre. Ich musste wegen Unzüchtigkeit vor Gericht.

-Wie ging es damals für Sie aus?

Der Richter hat mich freigesprochen. Er war einer meiner Stammgäste.

-Würden Sie sich eigentlich als Feministin bezeichnen?

Das Wort mag ich schon gleich gar nicht. Ich bin eine Frau.

-Aber Sie haben sich nicht in die damals typische Frauenrolle à la Putzen, Waschen, Kochen, Kinder, pressen lassen.

Wissen Sie, ich habe mit 16 mein Dorf verlassen, bin in die Welt hinausgegangen und nie mehr zurückgekommen.

-Sie waren in den 50ern die jüngste Wirtin Deutschlands, hatten davor eine Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin gemacht. Keine typischen Frauenberufe.

Ja, das ist richtig. Diese Berufe waren damals für Frauen verpönt. Aber ich habe eben Spaß am Tabubruch.

-Hatten Sie viele Verehrer?

Das darf man wohl laut sagen. Manche Männer haben sich einen Besuch in meinem Lokal von ihren Frauen zum Geburtstag gewünscht. Im Ernst: Damals war richtig viel los bei mir. Künstler, Schauspieler, Bosse aus der Wirtschaft, ganz normale Leute – alle kamen zu mir.

-Gab es einen Abend, an den sie sich ganz besonders gerne erinnern?

Das klingt jetzt komisch, aber alle Abende waren besonders.

Ich habe den Laden meistens um drei Uhr zugesperrt und bin dann mit Gästen und Freunden noch um die Häuser gezogen. Das war wie ein Ritual, ohne das bin ich eigentlich nie ins Bett.

-Wo ging man damals noch hin?

Ich bin meistens in die Schwabinger Sieben. Die hatten oft bis sechs, sieben Uhr morgens auf. Da gab es oft noch Champagner und Kaviar.

-Ich bin 29 Jahre alt, Leute in meiner Generation denken oft, dass das Leben damals irgendwie wilder war, unverstellter. Stimmt das?

Mhm, weiß ich nicht. Vielleicht ein wenig wilder. Weil es ja auch viele Verbote und Tabus gab, an denen man sich abarbeiten konnte. Schwabing war sehr besonders. Damals hieß es, dass Schwabing kein Stadtteil ist, sondern ein Zustand.

Das Gespräch führte

Patrick Wehner

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