Das Holz der Frauenkirche wird zu Musik

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Dass Peter Erben ein Cello baut, ist nichts Ungewöhnliches. Der Maxvorstädter ist Geigenbauer. Ungewöhnlich ist dieses Mal aber das Material, das er für die Decke des Instruments benutzt. Das Holz stammt aus einem uralten Balken des Münchner Frauendoms.

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Dass Peter Erben ein Cello baut, ist nichts Ungewöhnliches. Der Maxvorstädter ist Geigenbauer. Ungewöhnlich ist dieses Mal aber das Material, das er für die Decke des Instruments benutzt. Das Holz stammt aus einem uralten Balken des Münchner Frauendoms.

von Sabine Busch-Frank

Man könnte denken, es ist nur irgendein Stück Holz. Roh, hell und grob zugeschnitzt erkennt man schon die Form. Das Holz wird einmal die Oberseite eines Cellos sein. Der Münchner Geigenbaumeister Peter Erben (61) hat es gerade in seiner Werkstatt in der Maxvorstadt zu fertigen begonnen. Das Holz hat eine besondere Geschichte. Es stammt aus einem Balken des Münchner Doms.

Die Platte wurde aus vier Stücken zusammengesetzt, die aus einem einzigen Balken gesägt wurden. Baumeister Jörg von Halspach ließ ihn vor 1488 als Dachbalken verbauen. Mehr als 400 Jahre lang nahm er die Schwingungen von Glocken und Kirchenmusik auf. Dann kam der Zweite Weltkrieg, und unter dem Bombardement der Alliierten stürzte das Dach der Frauenkirche ein. Das Holz wäre wohl von den frierenden Münchnern verfeuert worden, wäre da nicht Franz Fuchs (1899-1975) gewesen.

Der Tonholzhändler aus aus dem tschechischen Schönbach bei Eger hatte sich nach der Kriegsgefangenschaft bei Garmisch angesiedelt. Er brauchte Holz, gut abgelagert, aus Fichte. Münchens Dompfarrer verhalf ihm dazu. 1947 brachte Fuchs das günstige Ruinenholz aus der Stadt. Fuchs erfand das Markenzeichen „Domholz“ und wollte daraus hochwertige Violinen fertigen lassen.

Eine Analyse an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg hat erst jüngst mittels dendrochronologischer Datierungen bestätigt, dass die Balken so alt sind, wie Fuchs annahm. Bei solchen Holzaltersbestimmungen kann der Wissenschaftler aufgrund der Abstände zwischen den Jahresringen datieren, wann ein Baum gewachsen ist, und die Höhenlage eingrenzen. Sie passt bei dem Frauenkirchen-Balken wie das Ei ins Becherchen: Die Fichte wuchs einst 800 Meter über dem Meer – so hoch liegt Kirchbichl bei Bad Tölz. Von dort wurden die Balken 1468 nach München geflößt und verbaut.

Franz Fuchs konnte damals nur etwa 40 Violinen, zwei Celli und zwei Bratschen bauen lassen. Die Instrumente wurden wohl nach Übersee verkauft. Das Geschäft lief schleppend, Fuchs musste die Familie mit anderen Berufen weiterbringen.

Vier Geigen aus dem Dom-Holz sind aber heute noch im Besitz seines Sohnes, und auf dem Dachboden lagert genug für 200 weitere. Der 71-Jährige Gerald Fuchs, höchst vitaler BMW-Entwicklungsmeister im Ruhestand, verhandelt derzeit mit einem Tonholzhändler, der den Bestand weltweit vermarkten soll.

Das erste Domholz-Instrument des neuen Jahrtausends wird Georg Middelhauve (49) gehören. Er hat jenes Cello in Auftrag gegeben, das Erben gerade in seiner Werkstatt an der Gabelsbergerstraße fertigt.

Middelhauve stammt aus der Nähe von Köln und arbeitet als Fahrwerksingenieur seit mehr als 20 Jahren in München. Das Musizieren hat in seiner Familie Tradition – „Cello üben hat bei uns dazugehört wie Zähneputzen“, erzählt er. Ein gutes Instrument hat er schon vom Großvater geerbt. Und weil seine beiden Töchter Streichinstrumente spielen, ist er seit Jahren in Erbens Werkstatt Stammkunde: Als ihm ein befreundeter Bratschist vom Domholz erzählte, fing Middelhauve Feuer. Mit Erben suchte er auf dem Holzlager-Dachboden ein passendes Stück aus. Auch für den Geigenbauer ist es ein besonderes Instrument, „Ich bin sonst überzeugter Selbst-Schläger“, erzählt er. Und dass auch er ein bei abnehmendem Mond geschlagenes Holzlager hat. Drei Monate wird Erben an dem Cello arbeiten. Kosten wird es etwa 28 000 Euro. Nur die sogenannte „Decke“ des Cellos wird dabei aus dem weichen Fichtenholz gefertigt, die restlichen Teile sind aus Hartholz, meist Ahorn. Wie viel die jahrhundertealte Decke für den Klang des neuen Instruments zu bedeuten hat, darauf will sich Erben nicht festlegen. „Es sind 500 Komponenten, die zusammenspielen wie Zahnräder in einer Maschine.“ Er arbeitet nach seinem eigenen Modell, gut 50 Celli hat er bereits gefertigt – und ist überzeugt, dass sein Handwerk die fabrikgesägte Billigkonkurrenz überleben wird: „Wer kann schon mit einer Maschine einem Instrument eine Seele geben?“

Auch Middelhauve, der im März erstmals sein Cello streichen darf, plagen keine Zweifel: „Wenn nicht Leute wie ich – wer sonst setzt so ein Instrument in die Welt?“

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