Hochsaison für Steinmetze

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Wolfram Maria Felder, 51, kann sich vor Arbeit kaum retten. Er ist Steinmetz – vor Allerheiligen herrscht Ausnahmezustand. Alle Gräber müssen bis dahin fertig werden. Er sagt: In seiner Branche findet gerade ein Umbruch statt. Seine Hauptkonkurrenz: Grabsteine aus Indien.

„An Allerheiligen leg’ ich die Füße hoch“

Wolfram Maria Felder, 51, kann sich vor Arbeit kaum retten. Er ist Steinmetz – vor Allerheiligen herrscht Ausnahmezustand. Alle Gräber müssen bis dahin fertig werden. Er sagt: In seiner Branche findet gerade ein Umbruch statt. Seine Hauptkonkurrenz: Grabsteine aus Indien.

Von Stefan Sessler

Gmund – Das Sterben war in Oberbayern schon immer eine ernste Sache. Früher, da war Allerheiligen der Tag, an dem man auf den Putz gehauen hat. „Da hat man auf dem Friedhof gezeigt, was man hat“, sagt Steinmetzmeister Wolfram Maria Felder, 51. „Da haben die großen Bauern die Pelze ausgeführt.“ Der Gräberbesuch war auf manchen Friedhöfen ein regelrechtes Schaulaufen. Als die Bauern Anfang des 20. Jahrhunderts reicher wurden, erzählt Felder, haben sie sich erst einen neuen Hof gebaut, dann haben sie ins Familiengrab investiert. Aus schwarzem Basalt, riesengroß und mit wuchtiger goldener Schrift, erzählt der Steinmetz aus Gmund am Tegernsee. „So haben alle Gräber ausgesehen.“ Das Grab – als Statussymbol für die Ewigkeit.

Lange, lange her. Heute sieht das anders aus, ganz anders. „Wir erleben einen Umbruch in der Bestattungskultur“, sagt Felder, der schon seit 19 Jahren auf den Friedhöfen rund um den Tegernsee arbeitet. „Es gibt eine Abwendung von der Kirche.“ Neuerdings lassen sich viele Menschen in Friedwäldern bestatten oder in Urnengräbern. „Früher gab es zum Beispiel am Friedhof in Rottach-Egern drei Wartelisten – heute ist so viel Platz, dass die Leute freie Auswahl haben.“

Das ist anders. Aber noch was ist anders. Der Naturwerkstein-Verband schätzt, dass bis zu 50 Prozent der Grabsteine in der Republik aus Indien kommen. Andere Experten sprechen sogar von 80 Prozent. Ersparnis für den Kunden: bis zu einem Drittel. 100 000 indische Kinder arbeiten Schätzungen zufolge in Steinbrüchen und Ziegeleien, um die westliche Welt mit billigen Grabsteinen zu versorgen. „Die Steine sehen dann alle gleich aus“, sagt Felder. Die Schwemme an indischen Grabsteinen treibt inzwischen sogar die Politik um. Die bayerische SPD fordert eine Änderung des bayerischen Bestattungsgesetzes. Den Gemeinden soll die Möglichkeit an die Hand gegeben werden, solche Grabsteine per Friedhofssatzung zu verbieten.

Indische Grabmale kommen Wolfram Maria Felder sowieso nicht ins Haus, auf keinen Fall. Der Steinmetz- und Steinmetzbildhauermeister versteht sich als Handwerker, nicht als Händler. „90 bis 95 Prozent der Grabsteine mache ich selbst“, sagt er. „nach eigenen Entwürfen.“ Materialien: Bayerwald-Granit, Kalkstein oder auch Muschelkalk. Preis: ab 1500 Euro, aber, sagt er, „nach oben natürlich offen“. Sein Stil: „schlicht und einfach. Das entspricht am ehesten der Pietät.“ Weil: „Ein schlichter Grabstein ist in 30 Jahren noch ein schlichter Grabstein.“

Aber es ist schon so, der Kampf um Kundschaft treibt im Steinmetz-Gewerbe mitunter seltsame Blüten. An einigen seiner Kollegen lässt Felder kein gutes Haar. Manche, erzählt er, blättern jeden Tag die Todesanzeigen durch und schicken den Familien nach einer Schamfrist dann ihre Kataloge zu. „Das könnt’ ich nicht“, sagt Felder, der seinen Beruf von Herzen liebt. „Auf dem Friedhof arbeiten ist genau so schön wie auf den Berg gehen.“ Vor allem, wenn das Wetter schön ist. Und wer mal auf dem Bergfriedhof in Gmund war, glaubt Felder aufs Wort. Wunderschön hier. Man sieht die Berge, den Tegernsee, der Panoramablick ist gigantisch.

Manchmal, erzählt er, ist der Steinmetz sogar so was wie ein kleiner Star. Immer wieder kommen Besucher, oft Touristen, zu ihm, wenn er an den Grabsteinen Schriften haut – und fragen: „Dürfen wir ein Foto von Ihnen machen?“. Klar dürfen sie. Steinmetz – es ist ein ehrwürdiger Beruf, ein magischer Beruf. Aber so langsam braucht Felder eine Verschnaufpause. „Ich bin ein bisserl ausgezehrt“, sagt er. Vor Allerheiligen herrscht bei ihm Ausnahmezustand, da ist eine Sechs-Tage-Woche die Regel. Schriften müssen nachgezogen, wacklige Grabsteine gerichtet und neue Steine behauen werden. Soll ja alles schön sein beim Gräberbesuch.

Felder sagt: „Der Verstorbene braucht das Grab nicht – sondern die Hinterbliebenen.“ Das ist seine Aufgabe: das Trauern ermöglichen; das Trauern, wenn so was überhaupt möglich ist, ein bisschen schöner machen, würdevoller. Aber, sagt er, „an Allerheiligen leg’ ich die Füße hoch“. Irgendwann kann selbst ein Steinmetz den Friedhof nicht mehr sehen.

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