Die Hochleistungs-Hoppler von Erding

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Wenn Donar, Noa und Griesl losziehen, kommen ihre Frauchen kaum hinterher. Die Kaninchen springen über Hindernisse, bis zu einem halben Meter hoch. Kaninhop nennt sich die Sportart. In Erding gibt es dafür einen eigenen Verein. Mit jungen Hüpfern und alten Hasen.

von Dominik Göttler

Während rings um ihn alles hüpft und hoppelt, hat der Donnergott eine Pause eingelegt. Donar, ein dunkelgraues Kaninchen, benannt nach der germanischen Gottheit, hat sich vor dem Hindernis auf den Boden gelümmelt und lässt ein Ohr hängen, während das andere wie eine Antenne steil nach oben ragt. Doch für gutes Zureden ist Donar nicht empfangsbereit. Auch einen liebevollen Stups ignoriert er. „Manchmal mag er einfach nicht“, sagt Nadine Kölle, die neben ihrem störrischen Kaninchen kniet.

Aber latente Lustlosigkeit lässt sich ein Donnergott natürlich nicht nachsagen. Aus dem Nichts, ohne Anlauf und das rechte Ohr immer noch auf Halbmast, macht Donar einen mächtigen Satz über das gesamte Hindernis vor ihm, ohne auch nur eine der kleinen Stangen dabei abzuwerfen. Er blickt zurück als wolle er sagen: „Unterschätzt mich bloß nicht.“ Dann hoppelt er aufs Sofa und macht es sich bequem. Auch ein göttlicher Athlet braucht Regeneration.

Dass Kaninchen gerne hoppeln ist bekannt. Dass es dafür eine eigene Sportart gibt, weniger. Kaninhop nennt sich die Gaudi, die man sich wie eine Miniatur-Variante des Springreitens vorstellen kann. Schwedische Kaninchenzüchter haben die Disziplin Ende der 70er-Jahre erfunden, um ihre Tierchen zu beschäftigen. Mittlerweile misst sich die Hoppel-Szene in Landes- und Europameisterschaften und es sind Kaninhop-Vereine in ganz Europa entstanden. Einer davon in Erding.

Marina Huber, 29 Jahre alt, Realschullehrerin, steht am Fuße einer Holztreppe in einem kleinen Innenhof mitten in Erding. Auf dem Arm trägt sie Noa, einen Polish Rabbit mit weißem Fell und roten Augen, und krault ihm die Löffel. „Hier lang“, sagt sie und geht die Treppe zu einer alten Werkstatt hinauf. Auf ihrem T-Shirt steht: „Kaninchensport Erding e.V.“ Marina Huber ist Gründungsmitglied.

Für Kaninchen hatte sie schon früh ein Faible. Als sie dann vor rund 13 Jahren im Fernsehen einen Beitrag über Kaninhop sah, wurde sie neugierig. „Ich fand das interessant. Also habe ich zu Hause im Garten Stöcke gestapelt und geschaut, ob meine Kaninchen wirklich drüber hüpfen.“ Sie hüpften. Marina Huber gründete zuerst eine eigene Kaninhop-Gruppe bei den Züchtern – und vor fünf Jahren schließlich den eigenen Verein. Der hat zur Zeit gemütliche zehn Mitglieder. Und trifft sich regelmäßig zum Training.

Die Regeln beim Kaninhop sind eigentlich ganz simpel: Es gibt verschiedene Disziplinen, etwa das Parcoursspringen, vergleichbar mit dem Springreiten, oder, wie gerade in Erding aufgebaut, die lange Bahn. Die Kaninchen werden dann entweder mit Leine und Geschirr durch den Kurs geführt – manche absolvieren den Parcours aber auch frei. Die Tiere starten je nach Können in verschiedenen Klassen. So sind die Hindernisse bei der „leichten Klasse“ maximal 25 Zentimeter hoch, in der „Elite Klasse“ bis zu einem halben Meter. Eigens ausgebildete Schiedsrichter überprüfen bei Turnieren, ob der Rammler auch ja nicht das Hindernis streift. Für die Wertung zählt zuerst die Fehlerzahl, bei Gleichstand außerdem die Zeit. Und es gibt sogar Weltrekorde im Weitsprung (drei Meter) und im Hochsprung (106 Zentimeter). Da muss selbst Donar noch ein bisschen üben.

Im ersten Stock des alten Stadls in Erding ist alles in Bewegung. Zwischen Werkbank und Kreissäge sind zwei Parcours mit allerlei Hindernissen aufgebaut. Viele von ihnen aufwendig bemalt und mit liebevollen Details wie kleinen Holzbienen oder Drachenköpfen ausgestattet. Marina Huber hat sie über die Jahre fast alle selbst gebastelt. Hier und da hoppelt ein Kaninchen über die Stangen. Jede Rasse hat ihren eigenen Sprungstil, erklärt Nadine Kölle, die auch schon seit der Gründung mit dabei ist. „Widderkaninchen hüpfen wie ein Flummi. Stehohrkaninchen eher wie ein Pferd.“

Fünf Vereinsmitglieder sind heute zum Training gekommen, alles Frauen, zwischen 16 und 29 Jahre alt. Einige von ihnen gleich mit mehreren Kaninchen. Im Einsatz ist jedes von ihnen aber nur kurz.

„Man darf es nicht übertreiben“, sagt Marina Huber. Dass es den Kaninchen bei aller Herausforderung gut geht, ist ihr sehr wichtig. Denn es gibt auch kritische Stimmen zu dem Hobby. Der Deutsche Tierschutzbund etwa lehnt die Sportart ab. Weil die Kaninchen nach Ansicht der Tierschützer einem zu hohen Stress ausgesetzt werden und sich zudem beim Tragen von Geschirr und Leine leicht verletzten könnten. Gerade Kinder, die zu Hause versuchen, Kaninhop nachzumachen, seien meist nicht in der Lage, die Bedürfnisse der Kaninchen klar zu erkennen.

Auch Marina Huber sagt, es müsse immer ein Erwachsener dabei sein. Außerdem könne man den Hindernis-Lauf nicht mit jedem Kaninchen erzwingen. „Die Tiere müssen schon Spaß an der Bewegung haben.“ Sie selbst hat sechs Tiere zu Hause. Davon springt sie nur mit vieren. Ein Kaninchen hat sich als Baby mal den Fuß gebrochen – allerdings nicht beim Kaninhop. Das wird geschont. Und das zweite ist schlicht zu faul zum Hoppeln. „Die beiden werden deshalb nur gestreichelt“, sagt Huber und lacht.

Die Wertschätzung für das einzelne Tier war auch der Grund, warum Marina Huber sich schließlich von den Züchtern gelöst hat. „Für sie ist das einzelne Kaninchen oft nur eine Nummer. Für uns ist jedes Tier viel wert.“ Gezwungen oder gedrängt wird bei den Erdinger Hopplern kein Tier. Wen das Leckerli oder das gute Zureden nicht über die Stange lockt, der setzt eben diesmal mit dem Training aus.

Extra aus Regensburg ist die 19-jährige Nikola Strobel nach Erding gefahren, so wie sie das vor ihrem Studium noch jedes Wochenende für ihr Hobby getan hat. Mit dabei hat sie den Stallhasen Griesl. Die betagte Kaninchen-Dame mit dem grauen Fell hat den Zenith ihrer Spitzensportler-Karriere bereits überschritten. Doch eine einstige Vizemeisterin in der schweren Klasse verlernt auch mit vier Jahren und ein paar Gramm zu viel auf den Rippen nicht die Technik. Und so lässt sich auch sie sich routiniert von ihrem Frauchen durch den Parcours führen.

Aber zehn Minuten später, während die jungen Hüpfer ihre Grenzen ausloten und der schlappohrige Donnergott zum Sprung ansetzt, hält die alte Griesl lieber ein Nickerchen.

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