Hitzige Debatte um Stolpersteine

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Kleine Gedenkstätten in den Stadtvierteln sollen die Stolpersteine sein. Fotos: DPA, KH, FM, BOD

Zehn Jahre ist es her, dass der Stadtrat Stolpersteine zum Erinnern an die Nazi-Opfer in der Stadt ablehnte. Gestern begann die Debatte mit einer Anhörung von Experten, Befürwortern und Gegnern erneut.

Klar wurde dabei vor allem eines: Von einem Kompromiss ist man noch sehr, sehr weit entfernt.

Erinnerung an den Holocaust

Zehn Jahre ist es her, dass der Stadtrat Stolpersteine zum Erinnern an die Nazi-Opfer in der Stadt ablehnte. Gestern begann die Debatte mit einer Anhörung von Experten, Befürwortern und Gegnern erneut. Klar wurde dabei vor allem eines: Von einem Kompromiss ist man noch sehr, sehr weit entfernt.

Von Felix Müller

Mehr als eine Stunde lang wirkt Dieter Reiters Appell. Dann kommt es zum Eklat. Ganz zu Beginn dieses denkwürdigen Stadtrats-Hearings im Alten Rathaus hatte der OB gesagt, er wünsche sich eine Diskussion „immer getragen von dem Respekt, mit dem wir dem Thema und den Gesprächspartnern begegnen“. Als mit Gabriella Meros von der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) eine klare Gegnerin der Stolpersteine spricht, bricht die Wut einiger Befürworter durch. Meros redet hektisch, greift die Initiatoren sehr scharf an („arrogante Besserwisser“) – und redet deutlich länger als die gewünschten zehn Minuten. Da beginnt es im altehrwürdigen Saal zu grummeln, Besucher verlassen den Saal, rufen „Schluss jetzt!“ oder wie Rosa-Liste-Stadtrat Thomas Niederbühl „Aufhören!“ Eine Frau läuft aufs Podium zu und gestikuliert wild. Schließlich geht der 91-Jährige Peter Jordan am Stock auf die Bühne. Es fällt ihm schwer, das kann jeder sehen, aber Jordan, für dessen Eltern Schüler 2004 auf privatem Grund Stolpersteine verlegen ließen, ist offenbar sehr wütend. Ein Mann bringt ihn schließlich zurück von der Bühne. Meros kann eine gekürzte Fassung ihres Vortrags zu Ende bringen.

Die kurze Eskalation ist ein Sinnbild für diesen Vormittag im Alten Rathaus. Es geht sehr, sehr emotional zu bei dem Thema – und Befürworter und Gegner sind gar nicht gut aufeinander zu sprechen. Die Stolpersteine sind in vielen deutschen und europäischen Städten in Gehwege eingelassen. Sie erinnern in der Regel vor den letzten freiwillig gewählten Wohnhäusern jüdischer Bewohner an die von den Nazis Deportierten. Der Künstler Gunter Demnig will damit den Opfern der Nazis ihre Namen zurückgeben und sie in den Städten sichtbar machen. In München aber bisher nicht auf öffentlichem Grund. Alt-OB Ude warnte 2004 vor einer Inflation des Gedenkens, der Stadtrat war der gleichen Meinung wie er – ebenso die prominenteste Gegnerin des Projekts, Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München.

Knobloch selbst nimmt am „Stadtrats-Hearing“ nicht teil, lässt von Reiter ihre Rede verlesen. Sie lehne „jede Erinnerungsform am Boden ab“, unterstreicht Knobloch. „Die Opfer werden mit Füßen getreten – ob bewusst oder aus Achtlosigkeit.“ Die Hemmschwelle für Schändungen liege bei den Steinen besonders niedrig, ein würdiges Gedenken könne nur „auf Augenhöhe“ stattfinden. Knobloch wirbt dafür, über andere individuelle Erinnerungen nachzudenken – etwa gut sichtbare Tafeln an den ehemaligen Wohnhäusern. Sie betont aber auch, dass sie ein Votum für Stolpersteine des Stadtrats „selbstverständlich akzeptieren“ würde.

Ein solches Votum zeichnet sich bereits vorsichtig ab – spricht man am Rande der Sitzung mit Stadträten. Viele scheinen ihre Meinung in den letzten Jahren geändert zu haben – auch wenn Zweifel im Detail bleiben. Für ein „kommerzielles Kunstprojekt“ (Knobloch) scheinen die Steine in München viele nicht zu halten. Oberbürgermeister Reiter kündigte an, man werde die Diskussion im Stadtrat in den nächsten Monaten in Ruhe führen.

Ernst Grube von der „Lagergemeinschaft Dachau“ wirbt für die Stolpersteine. „In München gibt es mit wenigen Ausnahmen kein individuelles Gedenken an die Opfer des Nazi-Terrors“, sagt er. „Den Opfern wird ein Name gegeben – das Verbrechen wird sichtbar in der Stadt.“Albert Knoll vom „Forum Homosexualität“ spricht für mehrere Opfergruppen. Er sagte, das Projekt treffe auf „große Resonanz und Teilhabe“.

Gabriela Meros betont: Die Ablehnung der Stolpersteine sei keine Einzelmeinung Knoblochs. „Tonnenweise Briefe“ in diesem Sinne habe man erhalten. Viele Gegner würden sich aber nicht trauen, sich öffentlich zu äußern. Sie greift den Initiator der Stolpersteine, Gunter Demnig, scharf an. Er habe Stolpersteine gegen den Willen von Angehörigen durchgesetzt, sagt sie zum Beispiel. Auf seine Texte auf den Steinen habe niemand Einfluss. Mit seinem „einfältigen Monopol“ habe er finanzielle Interessen verfolgt.

Immer wieder kommt am Freitag auch zur Sprache, dass Demnig kürzlich mit Steinen für Empörung gesorgt hatte, auf denen der Grund der Verfolgung durch die Nazis genannt wurde. Dabei benutzte er – wenn auch in Anführungszeichen – die Sprache der Täter. „Gewohnheitsverbrecherin“ stand etwa unter einem Namen – was manchen Nachfahren nicht gefällt.

Terry Swartzberg ist Vorsitzender der „Initiative Stolpersteine“. Er betonte gestern: „Wir alle hier lehnen Tätersprache einheitlich ab.“ Man werde in München keine Steine verlegen, auf denen solche Begriffe verwendet würden.

Überhaupt könnte es gut sein, dass es in München zwar auf die Verlegung von Stolpersteinen hinausläuft – aber nur unter bestimmten Kriterien. CSU-Stadtrat Richard Quaas regte schon an, ob man in München eine Stiftung gründen könnte, die etwa bei den Texten auf den Steinen das letzte Wort haben könnte. Marian Offman, ebenfalls CSU, sagte nach dem Hearing, ein Verlegen von Stolpersteinen gegen den Willen der Nachfahren – oder wenn keine mehr aufzufinden sind – könne er sich in München „überhaupt nicht vorstellen“. Das Kulturreferat hat als Alternative Steine auf Hauswänden auf Augenhöhe ins Spiel gebracht.

„Historische Erinnerung ist immer auch ein politischer Akt“, hatte der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum einleitend gesagt. Wie es gestern schien, dürften noch lange politische Debatten folgen. Es werden für die Betroffenen schmerzhafte sein.

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare