Hitlers größenwahnsinniger München-Plan

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Das Stadtarchiv hat 2000 Dokumente der „Sonderbehörde für die Hauptstadt der Bewegung“ veröffentlicht. Wie das Monster aussehen sollte, hat der Führer und Reichskanzler noch im Kriegsjahr 1939 höchstpersönlich mit Bleistift bestimmt.

Die Skizze befindet sich heute, noch unveröffentlicht, im Hauptstaatsarchiv im Hitler-Nachlass. Technische Zeichner der größten deutschen Stahl- und Stahlbetonfirmen haben danach verschiedene Entwürfe für den künftigen Münchner Hauptbahnhof unter dem Aktenzeichen „Mü-Hbf-Neu“ angefertigt und diese schon mal auf grauem Papier vergleichsweise neben die größten Gebäude der damaligen Welt gestellt; Roms Petersdom und der Pariser Triumphbogen erschienen da wie Zwerge. Zum ersten Mal wurden jetzt mehr als 2000 Pläne der „Sonderbehörde für die Hauptstadt der Bewegung“ und des „Generalbaurats“ Hermann Giesler öffentlich ausgelegt, kommentiert und von einem offenbar sachkundigen Publikum diskutiert. Sie seien seinem Amt „zugeflogen“, verriet Matthias Röth, der die Plan-Sammlung des Stadtarchivs leitet.

Wahrlich gigantisch – ein Lieblingswort der Nazi-Propagandisten – sollte der neue zentrale Bahnhof von Hitlers Lieblingsstadt werden. Nahe der Friedenheimer Brücke sollte er unter einer 141 Meter hohen, aus der Schalterhalle herauswachsenden, mit Aluminium bedeckten Kuppel entstehen. Die Pläne zeigen unterschiedliche Durchmesser, 285 Meter und mehr. Zwei Türme sollten den Koloss flankieren: einer für ein „Kraft-durch-Freude-Hotel“, der andere für den NS-Parteiverlag. Eine sogenannte „Große Straße“ sollte ihn beiderseits umschlingen. Im Westen wäre die ab Stachus acht Kilometer lange und 120 Meter breite Prachtpromenade durch ein „Forum der SA“ und ein „Burgunder Tor“ abgeschlossen worden. Dahinter wäre sie eingemündet in eine Autobahn-Spange, die nach Stuttgart und nach Lindau gewiesen hätte. Auf Führerbefehl und mit Hochdruck arbeiteten 150 Leute seit September 1938 in der Prinzregentenstraße 2 bis 4 an dem gewaltigsten Projekt in der Münchner Baugeschichte seit Ludwig I.

Reichsbahn und Stadt hatten sich dem Generalbaurat Giesler, ein Bruder des Hochland-Gauleiters, unterzuordnen. Opponierende Meinungen wurden unterdrückt. Denn der Bahnhof sollte, so die penible Planvorgabe, am 1. August 1948, spätestens aber am 1. Januar 1949 in Betrieb gehen. Nicht nur den Fernverkehr sollte der Hauptbahnhof Neu im Untergrund aufnehmen, sondern auch S- und U-Bahnen, was rote und blaue Linien auf den Plänen anzeigen. Sie lassen auch andere Großplanungen erkennen, beispielsweise wollte man den Schlacht- und Viehhof aufs Oberwiesenfeld verlagern. An der Stelle des alten Hauptbahnhofs hatte Chefarchitekt Albert Speer ein „Denkmal der Bewegung“ entworfen. Der 212 Meter hohe Obelisk sollte mit so genanntem V-2-Stahl verkleidet und mit dem Reichsadler gekrönt werden; im Sockel wollte Hitler die „Blutfahne“ vom Novemberputsch 1923 aufbewahren. In Flügelhallen sollten sich die deutschen „Gaue“ präsentieren. Wiederum nach persönlichem Wunsch des Möchtegern-Baumeisters Hitler sollten vier Gleise mit einer Spur von drei Metern im Zentrum der normalen Fernbahntrasse mittig verlaufen. Dieses Projekt ging als „Reichsspurbahn“ unrühmlich in die Verkehrsgeschichte ein: Bis zu 1200 Meter lange Züge mit 41 Meter langen Wagen sollten nach dem Endsieg zwischen Spanien, St. Petersburg und Donezk rollen, später vielleicht bis Afghanistan und Indien, München wäre Drehscheibe geworden. Für Personen waren doppelstöckige Wagen vorgesehen, einige mit Wannenbädern, Friseur, Kino – und Flak. Für einen „Ostarbeiterzug“ genügte eine primitivere Ausführung, aber mit Großküche.

An „Hitlers Spielzeug“, wie überforderte Ingenieure spotteten, wurde noch bis 1945 gearbeitet. Durch die Verschiebung des Hauptbahnhofs um vier Kilometer wären 800 000 Quadratmeter Baugrund gewonnen worden. Dort, zwischen Landsberger- und Arnulfstraße, sollte die „Große Straße“ in neoklassizistischem Stil entstehen, die größte Prachtstraße des germanischen Reiches. Und an ihr sollte ein Geschäfts- und Vergnügungszentrum heranwachsen. Vorgesehen waren unter anderem: eine Reihe erstklassiger Hotels, eine Stadthalle, zwei Premierenkinos, die größte Oper der Welt mit eigenem Hotel, ein Operettentheater, ein Großvarieté, ein großes Konzerthaus mit vielen kleineren Sälen für Faschingsbälle, Ausstellungen und Künstlerateliers zur Herstellung von 20 Meter hohen Friesen für all die Weihe- und Lusttempel. Außerdem war gedacht an einen Eislaufpalast, einen Bierpalast, ein Haus des Verkehrs, zwei Ausstellungshallen für die Autoindustrie, eine Zentralbadeanlage und sogar Thermen. Über den Opernplatz sollte eine Nord-Süd-Achse kreuzen, wobei die Theresienwiese zum größten Aufmarschplatz Deutschlands geworden wäre und die größte Messehalle der Welt bekommen hätte. Zur Lindwurmstraße hin wäre eine monströse Versammlungshalle entstanden, hinter dem neuen Südbahnhof die „KdF-Stadt“.

Beginnen wollte die Sonderbaubehörde dieses größte Münchner NS-Projekt im Jahr 1940, wie der damals neue (und noch nach 1945 im selben Amt tätige) Stadtbaurat Karl Meitinger im Oktober 1938 dem Oberbürgermeister Karl Fiehler vortrug. Noch war mit den Großbrauereien und anderen Grundbesitzern, mit Reichsbahn und Reichspost zu verhandeln. Im Juli 1941 waren tatsächlich 2484 Deutsche, 1983 „Fremdarbeiter“ und 1507 Kriegsgefangene im Einsatz. Tag und Nacht sollte geschuftet werden. Realisiert wurde von dem ganzen braunen Wahnsinns-Projekt, wie ein früherer Eisenbahner wusste, allein ein Gleisstück, das später für den Rangierbahnhof Allach verwendet wurde, und der Betriebsbahnhof Pasing-West, „aber der auch nur ansatzweise“. Nach Hitlers Anweisung sollten nach dem Hauptbahnhof auch die „Große Straße“ und ein auf der Theresienwiese geplantes Ausstellungsgelände für die „Weltschau 30 Jahre NSDAP“ im Jahr 1950 fertiggestellt sein. Doch in diesem Jahr sah Münchens einst so stolzer Hauptbahnhof ganz anders aus: Durch 112 gezählte Bombentreffer waren im Direktionsbezirk fast zwei Millionen Kubikmeter umbauten Raumes – einer Stadt mit 15 000 Einwohner entsprechend – völlig zerstört. KARL STANKIEWITZ

BÜCHER ZUM THEMA

„Eine Stadt für tausend Jahre“, Hans-Peter Rasp, Süddeutscher Verlag. „Der Architekt Hermann Giesler, Leben und Werk“, Dissertation von Michael Früchtel, Architekturmuseum München. „München – Stadt der Träume“, Schiermeier Verlag, „Das Bahnhofsviertel“, Sutton Verlag, beide von Karl Stankiewitz

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