Hetze im Internet wegen Kontoauszug von Flüchtling

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Dieser Kontoauszug hat die Hasskommentare ausgelöst. FKN

Daiting – Als der 18-jährige Darwish N. vor ein paar Wochen die Kontoauszüge in der Sparkassenfiliale abholte, konnte er nicht ahnen, welche Folgen ein kleiner Fehler haben sollte, den er machte: Er warf den Kontoauszug in den Mülleimer der Sparkasse.

Wenige Tage später prangte ein Foto davon im Internet. Denn auf dem Kontoauszug ist eine Gutschrift von 1780,35 Euro an Asylgeldleistungen vermerkt. Plus eine Gutschrift über 77,20 Euro von der Gemeinde.

Der Afghane Darwish N. lebt mit seinen Eltern und vier kleineren Geschwistern als Asylbewerber in Daiting (Kreis Donau-Ries). Sein Vater Fazil arbeitet für 80 Cent die Stunde beim Gemeindebauhof, 30 Stunden die Woche. Dafür bekam er die 77,20 Euro überwiesen. Dazu kommt das sogenannte Taschengeld, das die Familie wie alle anderen Asylbewerber auch überwiesen bekommt. Es liegt bei 375 Euro pro Erwachsenem und knapp 100 bis 300 Euro pro Kind – je nach Alter und Lebenssituation. Als Familienvater hat Fazil N. den Betrag für alle komplett überwiesen bekommen – deshalb sind es insgesamt 1780,35 Euro für die siebenköpfige Familie.

Vor einigen Tagen tauchte der Kontoauszug dann auf Facebook auf. Mit vollem Namen der Familie, IBAN und SWIFT. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Wut-Kommentare darunter standen: „Ich koche über vor Wut“, schrieb ein Facebook-Nutzer. Es folgten weitere Hasskommentare, auch in rechtsradikalen Foren wurde gehetzt mit Kommentaren wie diesem: „Und wenn man dann sieht, was hilfsbedürftige Deutsche vom Staat bekommen, dann weiß man, wer hier was wert ist.“

Dabei ist der Satz, den Asylbewerber bekommen, erst nach 15 Monaten identisch mit dem von Hartz-IV-Empfängern. Allerdings stellt das Landratsamt Donau-Ries klar: „Asylbewerber erhalten in der Regel kein Kindergeld. Wenn doch, wird die Sozialleistung um das Kindergeld reduziert.“

Für die afghanische Familie ist das Geschehen ein Albtraum: „Viele Leute haben schlechte Kommentare über uns geschrieben und sagen: Warum kriegen die Ausländer so viel Geld. Die wissen nicht, dass wir sieben Personen sind“, sagt Darwish N. gegenüber dem Augsburger Radiosender RT1. Mittlerweile musste die Familie ihr Konto ändern. Auch weil Unbekannte die Daten genutzt haben, um Waren per Nachnahme zu bestellen.

Daitings Bürgermeister Roland Wildfeuer, früher Polizist in München, ärgert sich über die Diskussion, die mit den Kontoauszügen der Familie N. angestoßen wurde. „Das sind nette Leute, ein Paar mit fünf Kindern. Das Geld, das sie bekommen, sind die Regelsätze, die Asylbewerbern zustehen“, erklärt er. Familienvater Fazil habe schon arbeiten wollen, als er frisch zugezogen war, durfte das aber nicht. „Er half dann Nachbarn beim Holz machen.“ Seit 1. Januar dieses Jahres hat er die Stelle beim Gemeindebauhof.

Die Sache hat ein juristisches Nachspiel. Das Landratsamt meldete den Vorfall der Polizei, die wegen der unautorisierten Veröffentlichung persönlicher Daten ermittelt – ein Verstoß gegen das Datenschutzgesetz. Außerdem wird wegen der missbräuchlichen Verwendung persönlicher Daten ermittelt. Facebook hat das Bild von dem Kontoauszug mittlerweile gelöscht. Johannes Welte

Katrin Woitsch

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare