Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Das Heimweh bleibt

Wenn Angela Kemper aus München die Bilder der Flüchtlingsströme im Fernsehen sieht, ärgert sie sich. Darüber, dass die Welt sich nie für das Schicksal ihrer eigenen Landsleute, der Donauschwaben, interessiert hat.

Das will sie ändern. Auch noch mit 93.

Wenn Angela Kemper aus München die Bilder der Flüchtlingsströme im Fernsehen sieht, ärgert sie sich. Darüber, dass die Welt sich nie für das Schicksal ihrer eigenen Landsleute, der Donauschwaben, interessiert hat. Das will sie ändern. Auch noch mit 93.

Von Gundula Herget

Das Foto fällt ihr erst ganz am Schluss ein, da hat sie ja schon so viel erzählt. Aber das Foto, das ist jetzt doch noch wichtig. Im Schlafzimmer hängt es, hinter der Tür. Es zeigt zwei Kinder, herausgeputzt für den Fotografen, ernst schauen sie in die Kamera. Ihre Mutter hat es damals auf dem Misthaufen gefunden.

Sie kommt nicht mit ins Schlafzimmer, das Bild ist ja leicht zu finden. Das Aufstehen vom Sofa ist mühsam, sie ist jetzt 93, ohne Rollator geht nichts mehr.

Das Bild hinter der Schlafzimmertür ist fast genauso alt, vor 90 Jahren wurde es aufgenommen. Links, das ist sie selbst mit drei Jahren. Runde Wangen, feine Haare, Stupsnase. Rechts der ältere Bruder mit kräftigen Locken, Matrosentücherl und verträumtem Blick.

Aus ihrer Kindheit besitzt sie kaum etwas. Das Foto von sich und dem Bruder. Einen Ring mit Brillanten und ein Holzkreuz, eine befreundete Serbin hat beides für die Eltern aufbewahrt, nicht alle haben damals die Deutschen gehasst. Zwei Stickereien in runden Rahmen, schwarz-weiße Konterfeis von Mozart und Schubert, selbstgestickt in der vierten Klasse. Und den Rosenkranz, den sie zur Erstkommunion bekam. Ein kinderkopfgroßer Holzengel an der Wohnzimmerwand trägt ihn heute um den Hals.

Die Oma hat ihr den Rosenkranz zur Erstkommunion in der Stadt gekauft, es musste unbedingt ein roter sein. Jahre später im Lager hat sie ihn verloren, draußen im Schnee auf dem Weg in die Kohlen war er ihr aus der löchrigen Tasche gefallen. Lieber Gott, lass mich doch den Rosenkranz wiederfinden, hat sie damals gebetet, er ist doch das einzige, das ich von Daheim noch habe. Und wirklich: Der liebe Gott hat sie den Rosenkranz wiederfinden lassen, im nächsten Frühling ging sie denselben Weg zum Bergwerk und sah sie ihn rot zwischen den Schneeresten blitzen, und da weint sie jetzt doch, ganz kurz.

Gerade erinnern die Flüchtlingsströme im Fernsehen sie jeden Tag daran, wie es ist, wenn einem das Leben zerbricht in ein Davor und ein Danach, auseinandergerissen vom Krieg, verbunden nur durch ein paar Dokumente, die sie gesammelt hat über die Jahre. Sie stecken in Klarsichthüllen, sortiert und gestapelt im großen Vitrinenschrank im Wohnzimmer: Fotos, Zeitungsartikel, Briefe von Landsleuten, eigene Aufzeichnungen.

Aber zuerst gibt es Mittagessen. Der Besuch soll sich satt essen, das ist jetzt wichtig. Anna, ihre ungarische Haushaltshilfe, serviert „Krumpere und Knedle“, ein Leibgericht aus der Heimat, aber sie hat’s verbessert, macht’s mit Quark, dann werden die Nockerl so locker. Nockerl auf Kartoffeln, darüber gebratene Zwiebeln mit Paprika und saurer Sahne, herzhaft, deftig, nahrhaft.

Ein Eindruck, der sich verfestigt, je mehr Zeit vergeht, ist: Haltung. Groß war sie immer, auf Fotos mit Freundinnen überragt sie alle um einen Kopf. Im Alter ist sie kleiner geworden und der Körper schwer. Und trotzdem: Haltung. Nach innen und nach außen. Man kann sie sich nicht unbeherrscht vorstellen, oder unhöflich. Energisch aber, das ist sie heute noch, und wenn sie lacht, dann laut.

Nach dem Essen sucht sie ein paar maschinengeschriebene Seiten heraus. Den Text hat sie geschrieben, 1998, mit 75. Plötzlich war es da, das Bedürfnis, ihr Leben festzuhalten, für ihren Sohn. Geheult hat sie dabei wie ein Schlosshund, sagt sie, und lacht ihr entschlossenes Lachen. 15 Seiten hat sie in die Schreibmaschine getippt, eine Kurzfassung steht sogar im Internet, seit sie bei einem Biografiewettbewerb mitgemacht hat. Sie will, dass die Menschen vom Schicksal ihrer Landsleute erfahren. Es werden ja immer weniger, bald ist niemand mehr da, der davon berichten kann. 2007 schafft sie es, dass der Bayerische Rundfunk einen Beitrag sendet, das Sendeprotokoll hat sie noch.

Das Lager, immer das Lager. Am Zweiten Weihnachtsfeiertag 1944 wurden alle jungen Frauen deportiert, nachdem „der Tito uns an die Russen verschachert hat“. 21 Jahre ist sie alt, als sie nach drei Wochen Fahrt im Viehwaggon bei Wasser und Brot und ersten Toten im sowjetischen Arbeitslager, heute Donezk-Gebiet Ukraine, ankommt. Fünf Jahre Zwangsarbeit im Bergwerk liegen da noch vor ihr.

Kohlen schaufeln, Loren schieben, Lorenstrecken bauen. Schwerstarbeit in drei Schichten, manchmal knietief in kaltem Wasser stehend oder bei schneidendem Frost in Steppjacken und löchrigen Filzpantoffeln.

Morgens Tee, mittags Graupen und dünne Krautsuppe, abends ein Brocken nasses, schweres Brot.

Krätze, Hunger, im Winter Frostbeulen an den Füßen. Nachts suchen die Frauen sich gegenseitig die Läuse aus den Haaren.

Schließlich wird sie schwer krank, bekommt Ruhr, Malaria, Gelbsucht, Lungenentzündung, Rippenfellentzündung. Ein Geschwür unter dem Arm, die Ärztin schneidet ohne Narkose.

Anna serviert Kaffee. Danke, Anna.

Sie erinnert sich, wie sie damals in einem Krankenhausbett auf dem Flur lag und Hunger hatte. Sie bat um eine Suppe und hörte eine Krankenschwester zur anderen sagen: „Gib ihr halt die Suppe, die stirbt eh bald.“

70 Jahre später haut sie mit der Hand so fest auf den Wohnzimmertisch, dass die Tassen klirren. Denn eins ärgert sie bis heute: „Dass so wenige von uns wissen.“ Von einem vergessenen Völkermord, an den Donauschwaben.

Vor 300 Jahren begannen die Schwabenzüge, aus deutschen Gebieten wanderten Zigtausende aus, ins heutige Ungarn, Rumänien – und Ex-Jugoslawien. Dort wächst Angela Kemper auf. Dann kommt der Zweite Weltkrieg, den Hass auf die Nazis spüren auch die Volksdeutschen, so nennt man sie damals. 64 000 jugoslawische Donauschwaben werden zwischen 1944 und 1948 von serbischen Partisanen ermordet, wie Angela Kempers Bruder Niklos. Oder sie sterben während der Zwangsarbeit an Hunger und Krankheit. Tausende werden ins ebenfalls kommunistische und befreundete Russland deportiert. Die Alten und Schwachen sterben in Titos Hungerlagern bei Wassersuppe auf gammeligem Stroh einen langsamen Tod – wie Angela Kempers Großeltern. Die Kinder kommen in serbische Familien oder in Heime – oder gleich zu den Großeltern zum Verhungern ins Todeslager.

Sie wird ärgerlich, wenn das Gespräch auf die Diskussion um die heutigen Flüchtlinge kommt. Sie zögert, was sie sagen will, ein schwieriges Thema. Man muss ja helfen, das ist schon klar, den Menschen geht es ja schlecht. Aber ganz Recht hat die Merkel nicht. Man kann nicht alle aufnehmen, das können die Deutschen nicht verkraften. Auch in Deutschland gibt es viele arme Menschen, das darf man nicht vergessen. Da muss schon ganz Europa helfen. Außerdem muss man mit den Waffenlieferungen aufhören, damit endlich Ruh ist!

Irritiert ist sie, wie wenig kontrolliert wird: „Wir sind kontrolliert worden nach Strich und Faden. Und wir waren ja Deutsche!“ Als sie 1949 aus dem Lager entlassen wird, versucht sie, Beweisfotos vom Lager in ihrer Kleidung eingenäht nach Deutschland zu schmuggeln. Aber an einer Grenze werden die Bilder entdeckt, man droht ihr mit Sibirien. Am Ende hat sie Glück, man nimmt ihr nur die Fotos weg.

Nach der Entlassung 1949 kommt sie von der Ukraine nach Niederbayern, dort lebt ihre Schwägerin. Zwischenstation in Hof-Moschendorf, bis 1957 das größte Durchgangslager für Flüchtlinge in Bayern. In den ersten Kriegsjahren werden zwei Millionen Menschen hier durchgeschleust, schlafen in Auffanglagern, werden weiterverteilt.

Ganz ähnlich wie heute?

Sie nickt. Genau, genau. Mit einer Einschränkung: Die Angekommenen waren auf sich alleine gestellt, niemand hat sich für sie interessiert. Ansprüche stellen ging schon gar nicht: „Wir waren bescheiden. Wir haben net sagen können, des passt uns net. Ich hab ein paar Schuhe gekriegt, die waren zu klein, und an Mantel, der war zu eng, und zu kurz.“

Im ersten Jahr ist sie zu krank zum Arbeiten. Es gibt ein bisschen Geld von der Krankenkasse, 30 Mark im Monat, zu wenig zum Leben, und ein Zimmer zugewiesen bei Leuten, die sich nicht freiwillig dafür entschieden haben, eine Fremde aufzunehmen. Nicht willkommen zu sein, das kennt sie gut: „Wir waren für die nur Zigeuner. Es hieß, weil wir daheim nichts hatten, sonst wären wir nicht weggegangen.“

In Niederbayern bemüht sie sich um die Familienzusammenführung. Die deutsche Staatsbürgerschaft hilft damals, anders als heute, gar nichts. Drei Jahre ist es den Eltern, die immer noch in Jugoslawien interniert sind, nicht erlaubt, zur Tochter nach Deutschland zu reisen. Drei Jahre kämpft sie, rennt zu den Behörden, schreibt nach Jugoslawien, stößt stets auf Gleichgültigkeit. Erst 1952, der Krieg ist schon sieben Jahre zu Ende, hat sie den Eltern genug Geld geschickt, dass die sich freikaufen können. Und sie muss garantieren, dass sie für die Eltern aufkommt, bevor sie ausreisen dürfen.

Sie will nichts Böses sagen über die Menschen, sie hat viele gute Menschen getroffen. Aber einmal, da war sie sehr enttäuscht. Denn als sie den Bauern, bei dem sie das Zimmer hat, fragt, ob die Eltern vorübergehend auf dem Hof wohnen können, will der, wie so viele, keine Familie aufnehmen. Er stößt sie weg, so grob, dass sie in Schneematsch fällt.

Und das restliche Leben? Sie arbeitet viel, im Hotel, in der Gastronomie, wird ungeplant schwanger und kauft nach der Geburt ihres Sohnes die Drei-Zimmer-Wohnung in München-Sendling, in der sie heute noch lebt. Das Kind zieht sie alleine groß. Wenn die Leute reden, ist ihr das egal. Als alleinerziehende Heimatvertriebene in den frühen 60er- Jahren gehört man eh nicht dazu. Das Kind aber ist das Glück ihres Lebens, bis heute haben sie ein gutes Verhältnis.

Überhaupt Glück: Sie findet, dass sie viel davon hatte, und lacht ihr kämpferisches Lachen. „Ich hab nicht nur einen Schutzengel gehabt! Ein ganzes Bataillon hab ich gehabt, sag ich immer.“

Nur eins gelingt nicht: zu vergessen, selbst wenn sie wollte. Denn sie träumt noch immer vom Lager. Vor allem, wenn die Gesundheit gerade schlecht ist: „Oft denke ich im Traum, ah, jetzt musst schon wieder unter Tage, die Kohlen schaufeln.“ Auch vom Zuhause träumt sie, dem verlorenen Elternhaus im Banat. Entschädigung für den verlorenen Besitz gab es kaum. Das ist schon ungerecht. Aber sie will nicht jammern: „Ich war zufrieden. Ich hab immer gesagt, ich brauch nicht hungern. Nicht frieren. Das ist schon viel.“

Ist sie denn heimisch geworden in diesem zweiten Leben? Zögernd und etwas erstaunt, dass sie nichts anderes sagen kann, stellt sie fest: Sie hat immer noch Heimweh.

Kommentare