HEIMATKOLUMNE

HeimatKolumne Wenn Vergangenheit nur lange genug vergangen ist, gewährt man ihr gerne mildernde Umstände.

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Reliquie zum Anfassen: die Original-Hirnschale des Heiligen Alto. haag

Wenn Vergangenheit nur lange genug vergangen ist, gewährt man ihr gerne mildernde Umstände.

Alte Heimaten werden da verklärt und Lebensumstände gepriesen, die alles andere als preisenswert waren. Das heißblütige Bekenntnis zur „Italianità“ eines italienstämmigen New Yorkers der fünften Generation hat mit der Lebenswelt Siziliens ebenso wenig zu tun wie die Oktoberfest-Seligkeit in Argentinien und Chile mit der bäuerlichen Tradition Altbayerns. Der Nebel der Geschichte verbrämt vieles und baut nicht selten eine milde Gegenwelt zur Tristesse der neuen Heimat.

Ähnliches gilt für unseren Blick auf das vergangene Klosterleben in Bayern. In dem Maß, in dem kaum mehr jemand wirkliche Erfahrung mit dem Leben hinter Klostermauern hat, hat sich in den letzten Jahren eine Verklärung monastischer Traditionen entwickelt, die wenig mit der damaligen, für die meisten Nonnen und Mönche harten Wirklichkeit zu tun hat.

Vergolde- und Kalligrafie-Workshops, Reliquienkapsel-Workshops und Afterwork-Führungen durch Klosterzellen sind ebenso im Kommen wie Seminare zur Herstellung von Eingerichten, Seelen- oder Fatschenkindleins. Auch die Arbeit an Reisealtären und Rosenkränzen ist wieder in Mode gekommen. Im Kloster Beuerberg kann man derzeit an einem Vortrag zum apokryphen Thema „(Jung)Frauenmilch – Maria und die Anderen“ teilnehmen, im Kloster Niederaltaich sich als Benediktiner ankleiden lassen, vielerorts sich von tausend Klosteressenzen und Pulvern heilen und verzaubern lassen.

Bis zu seiner bayernweit bekannt gewordenen Schließung vor wenigen Wochen konnte man sich im Birgittinnen-Kloster Altomünster sogar die Original-Hirnschale des Heiligen Alto aufsetzen lassen, zwecks Segnung der eigenen Hirnwindungen.

Niemand bezweifelt die kulturhistorische Bedeutung, die den Klöstern für die Entwicklung Bayerns zukommt und ihren herausragenden Beitrag für Kunst, Medizin, Geschichtsschreibung und Theologie. Das Leben der einfachen Nonnen und Mönche aber hatte damit wenig zu tun. Es war an einem harten, entbehrungsreichen und monotonen Alltag orientiert.

Wer nicht eine ansehnliche Mitgift mitgebracht hatte, sah sich auch in vielen Ordensgemeinschaften am unteren Rand der Sozialskala angekommen und mit mannigfaltigen Formen von physischer und psychischer Gewalt konfrontiert. Nicht wenige Klöster, die was auf sich hielten, erfreuten sich auch gut besuchter Klosterkerker – letztere meines Wissens als Event-Location noch unentdeckt!

Die Suche nach dem verlorenen Idyll hat seine eigenen Gesetze. Das Vorhandensein von Zeitzeugen, die das schimäre Nostalgiewesen aus eigener Erinnerung madig machen könnten, scheut sie genauso wie nüchternes Quellenstudium. Schon besser, wenn das Ganze mit einem Hauch Esoterik oder einer Prise schicken Lifestyles versehen ist. Also, vielleicht sehen wir uns ja mal bei einer Afterwork-Zellenführung oder einem Klosterkapsel-Workshop!

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