HEIMATKOLUMNE

HeimatKolumne Nach heftiger Kritik von Bezirken und Verbänden ist vor Kurzem das umstrittene Psychiatriegesetz in Bayern entschärft worden.

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Nach heftiger Kritik von Bezirken und Verbänden ist vor Kurzem das umstrittene Psychiatriegesetz in Bayern entschärft worden.

Die Fachleute kritisierten zu Recht die Stigmatisierung von Patientinnen und Patienten, deren persönliche Daten in einer zentralen Unterbringungsdatei gespeichert worden wären. Informationen dieser Art gehören zum Sensibelsten, was einem Menschen zukommt, und bedürfen in der Tat eines besonderen Schutzes.

Anders stellt sich die Lage natürlich dar, wenn ein Betroffener selbst seine Erfahrungen mit der Psychiatrie der Öffentlichkeit mitteilen will, eventuell sogar in literarischer Absicht. Ein wenig bekanntes Beispiel hierfür stellt der Fall des bekannten Schriftstellers Oskar Maria Graf dar. Sein freiwilliges Eintreten in das Bayerische Militär im Dezember 1914 hatte fluchtartige Züge gehabt. Flucht vor Armut und Verelendung, wie er in seiner 1927 erschienenen Autobiografie „Wir sind Gefangene“ rückwirkend schrieb. Eine Flucht, die wenig später desaströs, nämlich in der Psychiatrie, enden sollte.

Nach kurzer Ausbildung war Graf als „Trainsoldat“ in eine Eisenbahnkompanie nach Ostpreußen abkommandiert worden. Sein Überleben war vorerst gesichert, aber von Beginn an erregte er vor allem durch Disziplinarvergehen und Befehlsverweigerungen Aufsehen. Manche Befehle soll er mit schallendem Gelächter quittiert haben. Als Stubenarreste nichts mehr halfen, wurde Graf strafweise an die Ostfront ins litauische Kowno versetzt, wo er erstmals die Gräuel und den Terror des Krieges erlebte.

Wiederum im Militärgefängnis inhaftiert, schrieb er Antikriegsparolen an die Wände, verweigerte die Nahrung und verfiel zunehmend in Lethargie. In diesem Zustand wurde er zwangsweise in die „Preußische Irrenanstalt Görden“ verbracht, wo er fünf weitere Monate in vollkommenem Schweigen verbrachte.

Am 15. April 1916 wurde Graf in seine bayerische Heimat zurück verlegt. Die Heil- und Pflegeanstalt Haar-Eglfing war damals noch relativ neu und wurde kriegsbedingt als Reservelazarett genutzt. Das Eingangsblatt weist „Hysterie“ als Krankheit Grafs aus. Wie weit diese Diagnose zutreffend war, darüber gibt Graf selbst später widersprüchlich Auskunft. In seinem 1940 erschienenen Werk „Das Leben meiner Mutter“ behauptet er, die Krankheit simuliert zu haben, um dem Militär zu entkommen.

In seiner Autobiografie besteht er hingegen auf einer psychischen Erkrankung, hervorgerufen durch traumatische Kindheitserlebnisse und Kriegserfahrungen. In „Wir sind Gefangene“ schreibt er: „In der Heilanstalt besuchten mich meine Angehörigen. Als ich stotterte und in einem fort krampfartig lachte, fingen sie zu weinen an. Sie wussten nichts mit mir anzufangen und fuhren bedrückt wieder ab.“

Im Gegensatz zu anderen traumatisierten und gewalttätigen Kriegsheimkehrern, mit denen sich Graf in Haar angefreundet hatte, galt der 22-Jährige „ledige katholische Bäckergeselle“ in Haar als ruhiger und freundlicher Zeitgenosse, der die meiste Zeit mit Lesen und Zeichnen zubrachte. Nach und nach fand er auch zu seiner Sprache zurück, sodass er am 4. Dezember 1916 – vielleicht wie beabsichtigt als „dienstunbrauchbar“ – entlassen werden konnte.

Sonderausstellung

Das kleine Psychiatriemuseum des Isar-Amper-Klinikums München-Ost, in Trägerschaft des Bezirks Oberbayern (Vockestr. 76, München-Haar, Öffnungszeit sonntags 14 bis 16 Uhr) hat dem Aufenthalt des Schriftstellers eine kleine, dauerhafte Sonderausstellung gewidmet.

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