Hebammen entsetzt über Schiedsspruch

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Geburtshilfe lohnt sich für Hebammen finanziell nicht mehr – nach dem Schiedsspruch aus Berlin noch weniger. foto: dpa

Seit langem streiten die Hebammen mit den Krankenkassen über Vergütung und Arbeitsbedingungen. Gestern hat die Schiedsstelle in Berlin entschieden, dass freiberufliche Hebammen höhere Honorare bekommen. Doch die Hebammenverbände sind mit diesem Ergebnis alles andere als zufrieden.

Neue Vorschriften zur Abrechnung

Von Katrin Woitsch

Berlin/München – Die Zahl der Geburten steigt seit 2011. In Bayern war das Jahr 2015 mit 118 300 Kindern sogar das geburtenstärkste der vergangenen 15 Jahre. Man sollte meinen, Hebammen sind gefragt wie nie. Doch immer mehr von ihnen geben auf – wegen der schwierigen Arbeitsbedingungen. Und der Deutsche Hebammenverband fürchtet, dass sich dieser Trend durch das Urteil der Schiedsstelle in Berlin nun noch verschärfen wird.

Seit Monaten ringen Hebammen und Krankenkassen im Streit um Honorare und Arbeitsbedingungen vergeblich um eine Einigung. Nun wurde der Schiedsspruch bekannt. Und er klingt im ersten Moment nach einem Erfolg für die Geburtshilfe: Freiberufliche Hebammen bekommen künftig mehr Geld. Die Honorare für ihre Leistungen werden rückwirkend zum 15. Juli um rund 17 Prozent angehoben. Während der GKV-Spitzenverband gestern von einem guten Ergebnis für die Kassen sprach, kritisiert der Deutsche Hebammenverband die Entscheidung massiv. Die Honorarerhöhung würde wenig Wirkung zeigen, da die Grundvergütung für Hebammen bisher deutlich zu gering war. Bis 2020 sind zudem keine weiteren Steigerungen möglich. Der Bundesverband befürchtet, dass sich nach diesem Schiedsspruch noch mehr freiberufliche Hebammen aus der Geburtshilfe zurückziehen werden.

Und das wird in Bayern wohl deutlicher zu spüren sein als in anderen Bundesländern. Denn im Freistaat stehen freiberufliche Hebammen bei etwa 60 Prozent aller Geburten den Frauen zur Seite. Ihr Problem: Die Prämien für die Berufshaftpflicht sind sehr hoch – für viele Hebammen rechnet sich die Geburtshilfe schlichtweg nicht mehr, erklärt Astrid Giesen, die Vorsitzende des bayerischen Landesverbandes. „Beleghebammen sind Unternehmerinnen“, erklärt sie. „Sie müssen pro Stunde 60 Euro verdienen, um wirtschaftlich zu arbeiten.“

Und das wird künftig – trotz Honorarerhöhung – aufgrund der zweiten Entscheidung der Schiedsstelle nicht mehr möglich sein. Denn zu dem Beschluss gehört auch die Vorschrift, dass freiberufliche Hebammen in der Klinik ab 2018 nur noch die Betreuung von maximal zwei Schwangeren pro Stunde abrechnen können. Damit würden sie auf genau die 60 Euro Stundenlohn kommen. „Allerdings nur in der Theorie“, betont Giesen. Denn besonders in kleineren Kliniken sehe der Arbeitsalltag von Beleghebammen anders aus. „Manchmal müssen zwar drei oder vier Schwangere in einer Stunde betreut werden, dafür gibt es dann aber wieder stundenlang Leerlauf.“ Und in dieser Zeit verdienen die Hebammen nichts – auch nicht für die administrative Arbeit, die sie leisten. Dafür verlieren sie das Honorar, mit dem sie die ruhigen Phasen ausgleichen konnten.

„Es hatte sich angedeutet, dass der Schiedsspruch so ausfallen könnte“, berichtet Giesen. Trotzdem hat sie geschluckt, als sie davon erfahren hat. Denn für sie ist klar, dass er große Konsequenzen haben wird. „In Bayern gibt es 43 Krankenhäuser mit weniger als tausend Geburten pro Jahr“, erklärt sie. „Dort wird sich die Arbeit für Beleghebammen ab 2018 nicht mehr lohnen.“ Die Folge: Ohne Hebammen müssen die Krankenhäuser ihre Geburtsstationen schließen. Für Bayern ist das keine neue Entwicklung. In den vergangenen acht Jahren haben 35 Kliniken ihre Kreißsäle geschlossen – zuletzt in Bad Tölz, Gräfelfing, Bad Aibling und für gewisse Zeit in Erding. „Die Zentralisierung der Geburtsstationen wird sich in Zukunft dramatisch zuspitzen“, prognostiziert Giesen. Und das macht ihr große Sorge. „Vor allem in ländlichen Regionen wird es für schwangere Frauen irgendwann keine Versorgung mehr geben.“ Sie müssen wohl weite Wege ins Krankenhaus auf sich nehmen. Astrid Giesen ist überzeugt: „Die Zahl der Geburten im Auto wird steigen.“

Noch wollen die Hebammen die Hoffnung nicht aufgeben. Man werde sich nun juristischen Beistand holen, kündigt Giesen an. „Um zu prüfen, ob wir gegen die Entscheidung klagen können.“

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