„Hass ist ein Gift“

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Eine starke Persönlichkeit: Anita Lasker-Wallfisch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Gedenkstunde im Bundestag. foto: dpa

Anita Lasker-Wallfisch ist eine der letzten Überlebenden des Holocaust. Im Bundestag warnte die 92-Jährige gestern vor neuem Hass. Sie erzählte von unverhohlenem Antisemitismus, der ihr kürzlich begegnet ist – ausgerechnet in Rosenheim.

gedenken an die opfer des nationalsozialismus

von Aglaja Adam

Berlin/Rosenheim – Sie hatte sich geschworen, nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen. Zu viel Leid ist ihr und ihrer Familie während des Dritten Reiches angetan worden. Die Eltern wurden von den Nationalsozialisten ermordet, Anita Lasker-Wallfisch und ihre Schwester Renate entkamen nur mit Glück dem Massenmord in den Gaskammern von Auschwitz. Die Geschwister überlebten auch das drastisch überbelegte Konzentrationslager Bergen-Belsen. „Dort sind die Menschen einfach krepiert.“

Aufrecht und mit fester Stimme erinnerte Lasker-Wallfisch gestern bei der Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag an die Verbrechen der Nationalsozialisten und an ihre eigenen grauenhaften Erfahrungen. Anlass war der 73. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. „Ich bin eidesbrüchig geworden“, sagte die 92-Jährige. Denn seit 1994 reist die nach London emigrierte Deutsche jüdischer Abstammung regelmäßig für Vortragsreisen nach Deutschland. „Antisemitismus ist ein 2000 Jahre alter Virus, anscheinend unheilbar“, sagte sie. „Ein Skandal, dass jüdische Schulen, sogar jüdische Kindergärten, polizeilich bewacht werden müssen.“

Nach dem Krieg habe sich Deutschland „exemplarisch“ verhalten. „Nichts wurde geleugnet.“ Doch auch heute begegne ihr Antisemitismus. Dann erzählt sie von einem Erlebnis, das sie vor zwei Wochen in Rosenheim hatte. Im Rahmen einer Lesereise, die sie zusammen mit Niklas Frank, dem Sohn des Naziverbrechers Hans Frank, dem „Schlächter von Polen“, in die Stadt am Inn führte. Die beiden sehr unterschiedlichen Zeitzeugen trafen sich im Hotelrestaurant, als sich plötzlich Folgendes ereignete: „Ein Mann in der Nähe hatte die Ohren gespitzt und kam wütend an unseren Tisch“, berichtete sie im Bundestag. „Er beschwerte sich, dass wir mit unseren Auschwitz-Geschichten die schöne Atmosphäre verderben würden.“ Es mache ihr Sorgen, dass Menschen heute wieder den Mut hätten, so etwas zu sagen. „Hass ist ganz einfach ein Gift. Und letzten Endes vergiftet man sich selbst.“

Lasker-Wallfisch erinnerte daran, wie die Judenverfolgungen in den 30er Jahren ihrem Familienleben in Breslau ein jähes Ende setzten. „Wir mussten unsere Wohnung räumen und zurück ins Mittelalter: Wir mussten den gelben Stern auf unserer Kleidung tragen.“ Als „dreckiger Jude“ sei sie beschimpft worden, Tochter eines Rechtsanwaltes und einer Geigerin, bildungsbürgerlich und unreligiös.

„Wir müssen immer wieder verstehen, wie es dazu kommen konnte“, sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in seiner Ansprache. Er warnte davor, sich auf die Beständigkeit demokratischer Institutionen zu verlassen. „Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Demokratie brauchen unser Engagement.“

Auschwitz zeige, dass es keine Gewissheit gebe, und wie nah Gut und Böse sich sind. „Musikalische Empfindsamkeit und bestialische Grausamkeit, diesen Tätern war beides möglich.“

Dass sie Cello spielen konnte, hat Anita Lasker-Wallfisch das Leben gerettet. Das Lagerpersonal leistete sich Orchester, „um sich zu erholen von der Ermordung der Häftlinge“, so Schäuble. Nach dem Krieg gründete Lasker-Wallfisch das Londoner English Chamber Orchestra mit und war erfolgreiche Cellistin.

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