Harte Strafe: „Waldläufer“ wandert ins Gefängnis

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Muss hinter Gitter: der bekannte „Waldläufer“. dpa

gericht . Hof – Sein blonder Bart ist lang, das Haar ebenso.

Der Angeklagte macht einen schüchternen, ja fast scheuen Eindruck. Er trägt die Anstaltskleidung aus der Untersuchungshaft – ein grünes schlichtes Hemd, blaue Hose. Eigene Kleidungsstücke besitzt er nicht. Als „Waldläufer“ vom Kornberg im Landkreis Wunsiedel ist Jan M. bekannt geworden. Zehn Monate lang zog er im Fichtelgebirge umher und brach in Wochenendhäuser sowie Jagd- und Fischerhütten ein. Dabei stahl er, was er zum Überleben im Wald benötigte: Lebensmittel, Werkzeug, Kleidung. Gestern verurteilte das Amtsgericht Hof den 62-Jährigen für seine Taten zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten.

Über seinen Anwalt Walter Bagnoli ließ der Mann aus Tschechien bei der Verhandlung ein Geständnis vorlesen. Zur Sprache kam auch seine Vergangenheit: Von den Kommunisten seien seine Eltern, die als Landwirte ihr Geld verdienten, enteignet worden. Er selbst habe zwar einen Schulabschluss, jedoch keine Berufsausbildung. Und irgendwann sei er schließlich durchs soziale Netz gefallen.

Seit 2006 war er arbeits- und obdachlos. Deshalb entschloss er sich, in den Wald zu gehen und sein Überleben mit Einbrüchen zu sichern. Zweimal wanderte er dafür in Tschechien schon ins Gefängnis, einmal in Österreich. Im März 2014 zog es ihn ins Fichtelgebirge. Kontakt mit Menschen habe er bewusst vermieden, lässt der Angeklagte mitteilen. Er habe niemanden erschrecken wollen.

Der Schaden, der durch die Diebestour entstand, liegt bei 1200 Euro, an den Hütten beläuft er sich auf 6400 Euro. Angesichts der Beweggründe des „Waldläufers“ warb dessen Anwalt um Verständnis für seinen Mandanten. Immerhin habe dieser nicht gestohlen, um sich zu bereichern, sondern schlichtweg um zu überleben. An Wertgegenstände habe er sich bei den Beutezügen nie bereichert. Sein Antrag: zweieinhalb Jahre Gefängnis.

Die Staatsanwaltschaft argumentierte allerdings anders: „Es ist egal, wo ein Straftäter lebt. Einbruch ist Einbruch.“ Sie plädierte für ein härteres Urteil. Der tschechische Mann soll vier Jahre hinter Gittern verbringen. Soweit ging Richter Gerhard Severin nicht und verwies auf die bereits verbüßten Haftstrafen. Trotzdem entschied er sich dazu, den 62-Jährigen für mehr als drei Jahre hinter schwedische Gardinen zu schicken.

Richter Severin duldete keine Entschuldigungen. Einbrechen statt Arbeiten sei eben keine gangbare Alternative. Das Gericht ließ auch die Zeit nach der Haftstrafe nicht außer Acht. Was wird sein, wenn er diese verbüßt hat? Wird er dann in das gleiche Muster zurückfallen? Oder gibt es eine Chance, im Rentenalter ein geordnetes Leben zu führen? Der Verurteilte selbst schwieg dazu.

Während dem Seriendieb nun die Gefängnisszelle blüht, schlägt ihm eine Welle an Sympathie entgegen. Viele Zuschauer sind zwar nicht in den Gerichtssaal gekommen, doch manche zeigten Verständnis für den Angeklagten, der sogar Fußfesseln tragen musste. „Och“, schluchzte eine Frau, als das Urteil verkündet wurde. Eine andere sagte: „Der arme Mann.“ Schon als der „Waldläufer“ noch umherstreifte und sich abzeichnete, dass ein Einsiedler einbrach, um zu überleben, hatten die Menschen ihm Lebensmittel vor die Hütten und Häuschen gestellt. So musste er nicht eindringen, sondern konnte sich das Essen einfach abholen. Wie der Anwalt erzählte, wurden in seiner Kanzlei sogar Kleidung und Geschenke abgegeben. Stiliana Doynova/ Kathrin Zeilmann

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