Hans Well und sein Herzensprojekt

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Hans Well, bekannt durch die Biermösl Blosn, kann mehr als bayerische Musik und Kabarett. Der Künstler hat am Ammersee ein denkmalgeschütztes Häusl hergerichtet. Nun wurde er dafür ausgezeichnet. Ein Hausbesuch.

Denkmalgeschütztes haus saniert

Von klaus Mergel

Dießen – Der Dachbalken ist selbst für Hans Well, der ja kein Riese ist, mit 1,70 Meter Höhe etwas zu niedrig. „Wie oft wir uns da bei der Arbeit den Kopf angehauen haben“, erinnert er sich. Aber wie es so oft ist: Schmerzen verblassen, schöne Momente bleiben. Und wenn Well das alte Häusl in Dießen betritt, erinnert er sich statt an die Beulen lieber an die Gaudi, die er mit seinen Helfern hatte. Wenn einer zum Arbeiten kam und flachste: „Liegt’s ihr allerweil auf der faulen Haut? Ist ja nix passiert in der letzten Woche.“

Es ist was passiert – jede Menge. Hans Well hat innerhalb eines Jahres das denkmalgeschützte Blaicher-Haus in Dießen am Ammersee hergerichtet. Ein sogenannter Dreiundzwanzigstel-Hof, der Tagelöhnern ein Dach über dem Kopf bot. Nur rund 90 Quadratmeter groß. Aber mit rund 300 Jahren ein Baudenkmal, das eine Menge darüber erzählt, wie man früher lebte. Gewohnt habe dort, soviel weiß Well, die Blaicher Zenzi. „Die hat den Dießenern im angrenzenden Bach die Wäsche gebleicht.“ Ein ehemaliger Geißenstall zeugte davon, wie armselig sich weniger Begüterte in Bayern früher durchbrachten.

Das Gebäude war reichlich baufällig, als Well es 2016 kaufte: die Tuffsteinwände durchfeuchtet, der Putz zum Teil abgefallen, das Dach marode. In Abstimmung mit den Denkmalbehörden hat der Musiker ein Schmuckstück draus gemacht: mit Kastenfenstern, geölten Dielenböden, freiliegenden Deckenbalken und Lehmputz an der Wand. Aber mit moderner Heizung und einer hocheffektiven Dachdämmung aus Holzfaserplatten – ökologisch sinnvoll soll es sein. Und bewohnbar, kein Museum. „Für die nächsten hundert Jahre wird es herhalten“, sagt Well. Die niedrigen Decken zwingen große Besucher zur Demutshaltung. Und besagter Dachbalken muss drinbleiben, weil er tragend ist. Aber gerade diese vermeintlichen Schwächen machen den Charme aus.

Wer meint, der 64-Jährige habe von der Studierstube aus nur Instruktionen erteilt, irrt gewaltig. Well ist einer, der hinlangt. „Vier bis fünf Tage pro Woche hab ich in dem Jahr auf der Baustelle verbracht.“ Zusammen mit Sohn Jonas, 21, die Böden innen ausgegraben. Mit Pickel und Schaufel, den Dreck mit der Schubkarre rausgefahren. Fensterläden gestrichen, verputzt, ausgeweißelt – Well hat was drauf bei der Sanierung alter Bausubstanz. Er hat ja schon sieben alte Häuser hergerichtet. Aber Selbermachen zählt: „Du musst dir das erarbeiten, sonst hast du keinen Bezug dazu“ , sagt er.

Für seine Familie war diese Leidenschaft nicht immer leicht. Als seine drei Kinder klein waren, bürdete er sich eine Renovierung in Finning auf. „Meine Frau war damals alleinerziehend, da ich immer auf der Baustelle war.“

Well kennt viele Handwerker, so konnte er auch in diesem Fall auf denkmalerfahrene Helfer zählen. „Du brauchst gute Leute, sonst tust du dich schwer.“ Auch die Nachbarn in Dießen seien während der Baustelle sehr hilfsbereit und offen gewesen.

Trotz der Helfer bedeutete das Häusl in Dießen wieder viel Mühsal. Kein Wunder, dass Gattin Sabeeka dem Erwerb mit Skepsis sah. „Aber nur, wenn wir’s gesehen haben. Aber dann ist irgendwann mal Ruh!“, sagte sie. Letztlich bekam er den Segen. Sie teilt seine Liebe zum Alten, lebt mit ihm in einem der letzten Mittertennhöfe im Brucker Land.

Hans Well – der bayrische Heimatbewahrer. Diesen Ruf hatte er sich mit den Brüdern Christoph und Michael auf der Bühne erarbeitet. Musikalischer Einsatz gegen Profitsucht, politisches Lobbyistentum und rücksichtslose Landwirtschaft. Die Kunst gegen den Strich ging so weit, dass der BR einstmals ein Sendeverbot verhängte. Regt sich da auch Sendebewusstsein, wenn es um die Erhaltung alter Häuser geht? Well winkt ab. „Mir haben die alten Sachen halt schon immer gefallen. In einem alten Haus fühlt man sich doch wohler als in einem Betonbunker.“

Die Leidenschaft erbte er von der Mutter, die schon alte Bauernschränke sammelte. Well gesteht: „Ich bin ein alter Sammler.“ Halbmeterbreite Dielen, gezeichnet von zahllosen Schritten. Eine alte Treppe, schmal wie eine Hühnersteige. Handgezwickte Solnhofer Platten – alles alte Baumaterialien aus seinem Fundus, die er hier verarbeitet hat. Die Klotür etwa wird zum Unikat, weil ein gewisser „Sepperl“ vor langer Zeit seinen Namen in Sütterlin-Schrift eingeritzt hat.

In jedem Raum gibt es etwas zu bestaunen. Wo einst der Ziegenstall war: heute ein heimeliges Wohnzimmer. Oben zwei Schlafkammern. In der einen fällt der Boden schräg ab. In der anderen sind die Balken teils angestückelt, manche rußgeschwärzt. „Die Häusler konnten sich keinen Kamin leisten“, erklärt Well. Die Fensterlaibungen: abgerundet. Der Hausherr widersetzt sich dem „Triumph des rechten Winkels“. Das macht es urgemütlich. Man kann fast die Menschen spüren, die hier lebten, liebten, litten und dann die karge, bäuerliche Welt wieder verließen.

Auch wenn Dießen dank Künstlerkolonie, Töpfermarkt und Ammersee-Ufer einen romantischen Zauber hat, die millionenschweren Investoren haben das einstige Fischerdorf längst entdeckt. Wie inzwischen überall im ländlichen Oberbayern, wo ein Neubau die billige Variante darstellt. „Die Dörfer verlieren ihre Gesichter“, bedauert Well. Ein beliebtes Motto pragmatischer Grundbesitzer: ‚Schieb’s weg, des alte Glump!’

Aber was weg ist, ist weg. Ein Grund mehr für Well, ein altes Haus zu erhalten. Das sehen inzwischen auch andere so. Gerade hat der Dießener Heimatverein seine Sanierung mit der Plakette „Haus des Jahres“ prämiert. Neben dem eher feudalen „Ölmüller“-Haus mit Türmchen und Erkern kam die kleine Tagelöhnerbude der Blaicher Zenzi aufs Treppchen. Es ist nicht immer das Großartige und Pompöse, was Kultur ausmacht. „Das freut einen dann doch“, sagt Well.

Das größte Kompliment aber, so erzählt er mit einem Lächeln, habe ihm der Wirt vom Wirtshaus am Kirchsteig berichtet. Dort habe man am Stammtisch über sein Projekt gesprochen. Und zwar mit folgenden Worten: „Des hat er net schlecht g’macht, der Well.“

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