Die gute Nachricht: Handschrift ist wieder da

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München – Stirbt die Handschrift doch nicht aus?

Vor drei Jahren alarmierte der Deutsche Lehrerverband die Öffentlichkeit mit einer Umfrage: Vier von fünf Lehrern, so hieß es 2015, gaben an, dass sich die Handschrift ihrer Schüler seit Jahren verschlechtert habe. Nur 22 Prozent der Lehrer an weiterführenden Schulen stuften die Handschrift ihrer Schüler als „zufriedenstellend“ ein.

Nun gibt es neue Nachrichten, die für die Kulturtechnik hoffen lassen. „Immer mehr ältere Jugendliche scheinen sich auf die Handschrift zu besinnen“, meldet Michael Schwägerl vom Bayerischen Philologenverband. „Die eigene, individuelle Schrift von jungen Menschen wird zunehmend als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und Kreativität geschätzt und wiederentdeckt.“ Das sei gerade in Zeiten digitaler Euphorie ein ermutigendes Signal. Die Jugendlichen tippen und wischen also nicht nur wie wild am Handy rum.

Ein Indiz für die Renaissance der Handschrift ist ein neuer Trend unter Jugendlichen, das sogenannte Handlettering. Das ist, ähnlich wie bei der Kalligrafie, das kunstvolle Schreiben, ja Konstruieren einzelner Buchstaben. Seit einigen Jahren üben immer mehr Schüler Handlettering. Es gibt auf Youtube und Instagram regelrechte Kurseinheiten. Kurse im Programm haben auch einige Volkshochschulen und Schreibwerkstätten wie die der Designerin Petra Wöhrmann in München, die seit zwei Jahren Workshops anbietet. „Meist sind sie schnell ausgebucht, es gibt eine ganz große Nachfrage“, berichtet sie. Auffallenderweise meist von Frauen („vom Mädchen bis zur Omi“), Männer sind die große Ausnahme. Es gibt schon Mütter, die ihren Töchtern einen Handlettering-Kurs als Geburtstagsgeschenk spendieren. „Es rufen auch manchmal Eltern an, die fragen, ob ich ihren Kindern Schreibkurse geben könnte“, berichtet Wöhrmann. Das hat sie aber nicht im Programm. „Je mehr man digital unterwegs ist, desto mehr wird die Rückbesinnung auf die Handschrift offenbar zum Bedürfnis“, sagt Wöhrmann. Geradezu Mode geworden ist Handlettering bei Restaurants, deren Speisekarten kaum noch mit Druckbuchstaben beschriftet werden.

Der Deutschlehrer Benedikt Karl kann die Rückkehr der Handschrift nur bestätigen. Hefteinträge, Überschriften, ganze Aufsätze – vor allem Oberstufen-Schülerinnen geben sich beim Schriftbild wieder große Mühe. „Ich habe das subjektive Gefühl, dass das auch mit dem Trend Handlettering zusammenhängt“, sagt der Lehrer am Memminger Vöhlin-Gymnasium. Dennoch würde er nicht vollends Entwarnung geben. Handlettering könnte auch eine Mode sein, der Alarm-Befund von 2015 sei noch nicht überholt. In seinen fünften Klassen etwa klaffe die Qualität der Handschrift weit auseinander.

Das nicht zufällig vom Stiftehersteller Schwan-Stabilo unterstützte Schreibmotorik-Institut im fränkischen Heroldsberg hat eine „Aktion Handschreiben 2020“ ins Leben gerufen. Die Forderungen, ein flächendeckendes Programm zur Förderung des Handschreibens zu initiieren und auch einen Universitäts-Lehrstuhl zur Handschrift zu etablieren, blieben bis jetzt aber ungehört. dirk walter

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