Gustl Mollath Superstar

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Frenetischer Applaus, „Bravo“- und „Gustl for President“-Rufe: Rund 1000 Menschen bejubelten am Samstag auf dem Münchener Marienplatz den vor einem Monat aus der Psychiatrie entlassenen Gustl Mollath. Der bedankte sich für die Unterstützung und versprach, weiterkämpfen zu wollen – wie sein Vorbild Tacio Nuvolari.

umjubelte Kundgebung auf dem Münchner Marienplatz

Frenetischer Applaus, „Bravo“- und „Gustl for President“-Rufe: Rund 1000 Menschen bejubelten am Samstag auf dem Münchener Marienplatz den vor einem Monat aus der Psychiatrie entlassenen Gustl Mollath. Der bedankte sich für die Unterstützung und versprach, weiterkämpfen zu wollen – wie sein Vorbild Tacio Nuvolari.

Von stefanie Zipfer

München – Mollaths Bühne ist ein Bierlaster, sein Publikum bunt gemischt: Touristen, die einfach nur stehenbleiben um zu sehen, welcher deutsche Star dort oben denn nun sprechen wird; Fans, die mit selbst gemalten Plakaten zum Teil von weit her nach München kamen, um ihren Helden sprechen zu hören; und Menschen, die sich vom deutschen Staat benachteiligt fühlen und hoffen, von Messias Mollath tröstende Worte zu empfangen.

Mollaths Vorprogramm bilden Hans Well und seine Wellpappn, die in einem Lied über Mollath und dessen Ex-Frau, „de Schwarzgoidschiaberin“, schon einmal die politische Richtung der (eigentlich als unpolitisch angekündigten) Veranstaltung vorgeben: „Oh Heilige Justitia, tu weiterhin dein Werk; und entlass nachm Gustl Mollath, ois nächts de Beate Merk!“

Mollath will anschließend so gar nicht laut werden, im Gegenteil, er spricht leise und der ganze Marienplatz verharrt in ehrfürchtiger Stille. Zunächst dankt er seinen Unterstützern: „Es ist schön, dass es Menschen gibt, die so Anteil nehmen an meinem Schicksal.“

Und dann berichtet er von seinem Martyrium in der Psychiatrie und wie er es nur durch das Wissen um die Wahrheit und die Unterstützung von Außen habe überstehen können. Beispielsweise habe er einmal ein „Care-Paket“ erhalten, das ihm ein achtjähriges Mädchen namens Lilly in die „freiheitsentziehende Maßnahme“ geschickt habe. Darin seien Süßigkeiten, Kaugummis sowie ein Brief gewesen, in dem das Kind geschrieben habe, dass es ihm glaube. „Das war absolut beeindruckend“, erzählt Mollath, von da an habe er gewusst: „Es gibt Menschen, die nicht interessenlos vor sich hin gehen. Man muss sie nur erreichen.“

Sein „großer Wunsch“ sei, dass publik werde, was „in diesen Anstalten“ geschieht. Dass Menschen „im Namen des Volkes“ dorthin eingewiesen und „mit vermeintlich heilsamen Medikamenten“ vollgepumpt würden. „Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn Ihr Euren Körper nicht mehr kontrollieren könnt, wenn Ihr den Harn nicht mehr halten könnt, wenn Euch der Sabber aus dem Mund läuft. Aber tief drin, irgendwo, ist immer ein Mensch gefangen.“

Die Redner, die nach Mollath an das Mikro treten, bekunden unisono ihre Freude über die Freilassung des 56-Jährigen. In Wahlkampfzeiten lässt es sich jedoch nicht vermeiden, dass aus der als „Konsequenzen aus dem Fall Mollath“ angekündigten Kundgebung auch eine politische Veranstaltung wird.

Wilhelm Schlötterer, Ministerialrat i. R. im bayerischen Finanzministerium, etwa mutmaßt, dass falls die CSU an der Macht bleiben sollte, „es keine Schuldigen im Fall Mollath geben wird“. Florian Streibl von den Freien Wählern plärrt in Bierzelt-Manier: „Wollen wir weiter in einer schwarzen Räuberhöhle wohnen?“ Und für Martin Runge von den Grünen gehört „der Seehofer ganz genauso weg wie die Merk“.

Mollath hört seinen Nachrednern erschöpft und nachdenklich zu. Dennoch, verrät er nach der Veranstaltung, habe er den Nachmittag in der Landeshauptstadt „sehr schön, unglaublich“, gefunden. Sein neuer Ruhm, das gibt er zu, sei zwar anstrengend, mache ihm aber noch nicht zu schaffen. Zudem sei er an der enormen Sympathiewelle für seine Person ja auch selbst schuld: „Wenn wir diesen Riegel auf die Orgel werfen, dann muss man auch mit dem Echo rechnen.“ Sein Engagement will der Motorsportfan Mollath daher auf keinen Fall reduzieren. Mit einem lächelnden Verweis auf sein Vorbild Tacio Nuvolari verspricht er: „Ich bin halt einer, der Rennen zu Ende fährt.“

Für alle, denen der Name Nuvolari nichts sagt: Der italienische Rennfahrer galt schon zu Lebzeiten als Legende, weil er selbst in unterlegenen Autos immer wieder als Sieger ins Ziel kam.

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