Als die „G’spinnerten“ siegten

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Gegen die Atomkraft: Demonstranten stehen in dem Waldstück, auf dem die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf entstehen soll, Polizisten gegenüber. FOTO: dpa

bayern & seine geschichten . Kreis Schwandorf will an Kampf gegen Wackersdorf erinnern.

Wackersdorf, 1984: „Junger Freund, deine Sinne sind etwas vernebelt.“ Ministerpräsident Franz Josef Strauß tadelt den jungen Bürgermeister Jakob Scharf in väterlicher Manier. Der lässt sich aber nicht von seinem Kurs abbringen – und stellt sich gegen eine Wiederaufbereitungsanlage, kurz WAA, in Wackersdorf. „Manchmal war es ein bisschen hart, gegen die Parteikollegen zu arbeiten“, erzählt Jakob Scharf, 67, stellvertretender Landrat im Kreis Schwandorf – damals wie heute CSU-Mitglied.

Das alles ist lange her, und doch ist das Thema wieder präsent: Der Kreistag von Schwandorf in der Oberpfalz diskutierte in den vergangenen Wochen, ob die Region nicht eine Gedenkstätte bräuchte. Das Franziskus-Marterl gibt es schon, vielen reicht das aber nicht. Immerhin war damals ein ganzes Land in Aufruhr.

Strauß brachte Bayern als Standort für eine WAA ins Gespräch. Als Wackersdorf 1981 in die engere Auswahl kam, gründete sich bereits eine erste Gegeninitiative. Jakob Scharf war damals schon für die CSU Kreisrat in Schwandorf: „Ich habe mir meine Haltung lange überlegt und dazu viele Veranstaltungen besucht.“ Festgelegt hat er sich dann darauf, gegen den CSU-Strom zu schwimmen – und „dafür zu kämpfen, dass dieses Projekt nicht in den Landkreis kam“.

Landesvater Strauß war von der WAA überzeugt. Er versuchte, die Bevölkerung mit Arbeitsplätzen zu ködern. Rund 20 Prozent waren in Wackersdorf ohne Job. Als der Verwaltungsgerichtshof in München am 10. Dezember 1985 die Rodung des Taxöldener Forstes genehmigte, errichteten Atomkraftgegner dort nur vier Tage später ein Hüttendorf. 1000 Menschen übernachteten aus Protest. Zwei Tage später räumten es fast viermal so viele Polizisten, nur eine Woche darauf stand schon das nächste Hüttendorf. „Wir Oberpfälzer haben ganz friedlich demonstriert“, erzählt Scharf. Dass es mit der Zeit immer gewalttätiger wurde, habe nicht an den Einheimischen gelegen: „Die Gewaltbereitschaft ging von einem kleinen Teil aus. Da kamen Vermummte aus Berlin, denen es nur um die Gewalt ging.“ So kam es dann im März 1986 zu zwei Toten: Eine Frau starb an einer Herzattacke am Bauzaun, ein Mann erlag einem Asthma-Anfall, der mit dem gegen die Demonstranten eingesetzten CS-Gas in Verbindung gebracht wird. Auch Teile der Polizei, erzählt Scharf, „vor allem die Sondereinheiten, waren extrem aggressiv“. Der Konflikt eskalierte 1986 im Mai zur Pfingstschlacht. Demonstranten schossen mit Stahlkugeln, die Polizei setzte über 40 Wasserwerfer und CS-Gas ein. Bei einem Unfall kurz darauf starb ein Polizist. Dass nur diese Szenen im TV gezeigt wurden, machte Scharf sauer – vor allem, da sich die friedlichen Demonstranten von der Gewalt distanziert hätten.

Scharf, damals als junger Bürgermeister im Zentrum der Tumulte, hatte keine Angst vor der Aufgabe, Respekt aber schon: „Ich war ja noch jung“, erzählt Scharf und lacht. Er habe sich bemüht, „zu ent-emotionalisieren. Mit den Spitzenvertretern der Demonstranten habe ich nie Probleme gehabt, wir standen immer im Austausch. Wir haben uns gegenseitig einfach fair behandelt.“

Ministerpräsident Strauß wurde mit der Zeit hingegen immer wütender: „Nur G’spinnerte können etwas gegen die ungefährliche Atomfabrik haben.“ Nach seinem Tod im Oktober 1988 kippte die Stimmung. Im Mai des folgenden Jahres stand fest: Die WAA wird nicht gebaut – obwohl schon 10 Milliarden Mark investiert worden waren. Jakob Scharf: „Da sind nicht nur bei mir Tränen der Erleichterung geflossen. Das war ein sehr glückliches Ende für den ganzen Landkreis.“

Daran erinnert momentan das Franziskus-Marterl im „Blaubeerwald“ in Altenschwand. Zu wenig, meinen einige Kreisräte. Die einen wollten einen Erinnerungspfad – nicht zu realisieren, weil er durch Firmengebiet führen würde –, andere wiederum waren für eine Gedenktafel. „Sehr lange“ habe man darüber diskutiert, erzählt Scharf. „Wir haben einen Kompromiss gefunden.“ Im geplanten „Museum der Bayerischen Geschichte“ in Regensburg, das 2018 eröffnet werden soll, werde der Kampf gegen die WAA wissenschaftlich aufbereitet, im Innovationspark Wackersdorf zudem eine Gedenktafel aufgestellt. Und vielleicht bekommt auch das Franziskus-Marterl noch eine Info-Tafel. Damit konnten dann alle leben. Es kam zum „ersten einstimmigen Beschluss im Kreistag seit 30 Jahren“. Anton Hirschfeld

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