Veranstaltungen wegen Coronavirus absagen? Experten aus Rosenheim und Mühldorf uneins

Findet – trotz gegenteiliger Empfehlung durch das Rosenheimer Gesundheitsamt – statt: das Starkbierfest in der Inntalhalle, hier eine Aufnahme vom Auftakt am Freitag. Schlecker
  • Mathias Weinzierl
    vonMathias Weinzierl
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Bislang ist im Kreis Rosenheim nur ein Coronavirus-Fall bekannt, im Kreis Mühldorf keiner. Um die Ausbreitung in der Region klein zu halten, empfehlen einige Mediziner, Großveranstaltungen abzusagen. Andere sehen keine Notwendigkeit. Bundesgesundheitsminister Spahn hat sich nun klar geäußert.

Update 8. März, 18.05 Uhr

Veranstalter wollen Lage am Montag neu bewerten

Gibt es in der Region bereits Reaktionen auf die Aufforderung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn? Er hat am Sonntagmittag die Empfehlung ausgesprochen, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern aufgrund der Coronavirus-Gefahr abzusagen. „Wir haben uns mit Auerbräu darauf verständigt, zunächst keine Presseanfragen dazu zu beantworten“, teilte ein Mitarbeiter des Unternehmens Inngastro, Betreiber der Rosenheimer Inntalhalle, gestern Nachmittag gegenüber den OVB-Heimatzeitungen mit. Ein Sprecher der Brauerei war nicht zu erreichen. In der Inntalhalle findet zur Zeit das Rosenheimer Starkbierfest statt.

Die Starbulls Rosenheim, die am Sonntagabend die Blue Devils Weiden im Rofa-Stadion empfangen haben, wollen sich am Montag intensiv mit Spahns Empfehlung auseinandersetzen, wie Starbulls-Vorsitzender Marcus Thaller erklärte: „Wir werden Kontakt mit den Behörden aufnehmen und das weitere Vorgehen ausführlich besprechen.“ Sollte letztlich eine Entscheidung fallen, die nächsten Spiele ohne Besucher auszutragen, „müssen wir damit leben“. Thaller: „Die Spiele zu verschieben, lässt der Zeitplan gar nicht zu.“

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Rosenheim/Mühldorf – Absagen oder nicht absagen, das ist die Frage für viele Veranstalter in der Region. Ob Starkbierfeste oder Sportveranstaltungen – Großveranstaltungen stehen auf dem Prüfstand. Bislang gab es in den Landkreisen Rosenheim und Mühldorf kaum Absagen. So haben beispielsweise sowohl die Veranstalter in Rosenheim wie auch in Haag erklärt, ihre Starkbierfeste stattfinden zu lassen.

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Organisatoren und Behörden versprechen aber, die Entwicklung im Blick zu behalten. Und die sieht so aus, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn seit Sonntag, 8. März, empfiehlt, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern abzusagen. Und im Landkreis Rosenheim ist nach Angaben des Bayerischen Gesundheitsministeriums (Sonntag, 8. März) ein zweiter Fall einer Coronavirus-Infektion aufgetreten.

Unklare Einschätzung der Behörde?

Für Veranstalter gleicht die Planung von Festen und anderen Ereignisse einer Gratwanderung. Thomas Frank, Braumeister und Geschäftsführer von Auerbräu, zeigte sich am Freitag beim Anstich des Rosenheimer Starkbierfestes jedenfalls erfreut und erleichtert. Er sprach von einer „turbulenten Woche“. In der Diskussion über eine mögliche Absage sei es hin und her gegangen. Die Einschätzung des Gesundheitsamts sei alles andere als klar gewesen. „Wir haben uns nach sorgfältiger Abwägung für die Durchführung entschieden.“

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Das Gesundheitsamt habe bei gemeinsamen Besprechungen unter anderem auch mit dem Ordnungsamt der Stadt Rosenheim von einer „Risikoveranstaltung“ gesprochen, sagte der Leiter des Amtes, Dr. Wolfgang Hierl, auf Nachfrage der OVB-Heimatzeitungen. „Wir hatten am 3. März empfohlen, das Fest nicht abzuhalten.“ Die Lage entwickle sich tatsächlich dynamisch. Allerdings war zum Zeitpunkt der Entscheidung tatsächlich erst ein bestätigter Fall bekannt, sagte Hierl. Der Mann liege isoliert stationär im Romed-Klinikum in Rosenheim, „es geht ihm gut“. Im Kreis Mühldorf gibt es gar noch keinen bekannten Coronavirus-Fall.

„Wir warten ab und beobachten die Lage“

Wie Thomas Frank entschieden andere Veranstalter von Starkbierfesten, etwa in Raubling und in Haag. Aktuell geht zum Beispiel auch der Verein „Ornauer Buam“ aus Obertaufkirchen davon aus, dass er sein Starkbierfest am Samstag, 14. März, durchziehen kann. „Wir gehen fest davon aus, dass wird das Fest machen“, sagte der Vorsitzende Josef Müller.

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Auch andere Organisatoren halten sich bereit. „Wir warten ab und beobachten die Lage genau“, sagt Alexander Schungl vom Wissensforum am 27. März im Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrum. „Solange Großveranstaltungen wie in der Allianz-Arena oder bei den Star Bulls stattfinden, sehen wir recht nicht ein, warum wir etwa das Wissensforum nicht ausrichten sollen. Es gibt noch keine verbindliche Entscheidung der Politik.“

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Die Meinung von Ärzten in der Region ist gespalten. Petra Jas aus Rosenheim etwa rät zur Zurückhaltung. „Ich würde versuchen, Großveranstaltungen zumindest in den nächsten 14 Tagen zu vermeiden, um das Risiko rauszunehmen. Die Situation ist noch nicht klar. Wir können noch nicht abschätzen, wie viele Fälle es wirklich gibt.“ Im übrigen gelte: Wenn es wärmer wird, ist das Risiko wieder geringer.

Freudloser Verzicht als Risikofaktor?

Joachim Schöngut, Allgemeinarzt am MVZ Isental, sieht dagegen im freudlosen Verzicht seinerseits einen Risikofaktor: „Wenn ich mir die Freude nehme, dann schwäche ich auch meine Abwehr.“ Gegen große Grippeepidemien habe man im übrigen bislang auch nichts unternommen. „Nach bisherigen Erkenntnissen sind vor allem vorerkrankte Menschen gefährdet.“ Wenn man lediglich zusammensitze und einander „nicht gegenseitig anniest“, könne nicht viel passieren. Gerd Wiechert aus Rosenheim nimmt einen anderen Standpunkt ein: „Ich bin kein Freund von Großveranstaltungen, ich würde aber auch sonst derzeit nirgendwo hingehen.“

Fachleute wie der Kassenarztpräsident Andreas Gassen gehen davon aus, dass sich ein Großteil der Bevölkerung anstecken wird, bevor die Ausbreitung zu einem wirklichen Halt kommt. „Das mag für den Laien schockierend wirken, ist aber nüchtern betrachtet nichts Bedrohliches: Es gibt Viren, die praktisch jeden mindestens einmal befallen. Zum Beispiel Herpes und Influenza.“

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Panik könnte schlimmeren Schaden anrichten als die Krankheit selbst, warnt Dr. Thomas Geppert, Bezirksvorsitzende der Mittelstands-Union Oberbayern (MU Oberbayern). Selbstverständlich müsse Gesundheit immer höchste Priorität haben, sagt der Bad Aiblinger laut Pressemitteilung. „Genauso selbstverständlich sollten aber alle zu treffenden Maßnahmen aufeinander abgestimmt sein.“

Existenzbedrohende Auswirkungen

Wenn das Robert Koch-Institut beispielsweise die Situation in Südtirol mit der in Wuhan gleichsetzt, sei es eine Frage der Zeit, bis das nur 50 Kilometer entfernte Oberbayern ebenfalls als Risikogebiet eingestuft wird. „Die dann von den Behörden zu treffenden Maßnahmen hätten existenzbedrohende Auswirkungen auf unsere gesamte Wirtschaft. Es drohen Insolvenzen, Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Schäden in noch nicht absehbaren Dimensionen.“

Empfehlungen des bayerischen Coronavirus-Krisenstabs

Der bayerische Coronavirus-Krisenstab hat mittlerweile beispielsweise eine Empfehlung ausgesprochen, den Starkbieranstich auf dem Nockherberg in München azusagen. Auch das Robert-Koch-Institut rät zu Prüfungen im Einzelfall. Eine enge Abstimmung zwischen Veranstaltern und Gesundheitsbehörden sei nötig. Als Maßnahmen könne man gute Belüftung, Information über Hygiene und Abstandhalten sowie eine Beschränkung der Teilnehmerzahl empfehlen.

Menschen mit Symptomen wie Husten sollten vorsorglich nicht eingelassen werden. Veranstalter sollten Tische und Türklinken desinfizieren. Genau darin liegt allerdings eine Herausforderung: Ärzte berichten von anhaltenden Engpässen, etwa bei Desinfektionsmitteln.

Allgemeinverfühung für Kinder und Jugendliche

Während es zum Thema Veranstaltungen bis nur Empfehlungen gibt, hat die bayerische Staatsregierung jetzt beschlossen, dass Kinder und Jugendliche, die sich jüngst in einem Risikogebiet wie beispielsweise Südtirol aufgehalten haben, nach ihrer Rückkehr zwei Wochen lang der Schule und anderer Betreuungseinrichtungen wie Kindergarten oder -krippe fernbleiben müssen.

Auch die staatlichen Schulämter der Region informieren über diese Allgemeinverfügung auf ihrer Internetseite. So rät das Rosenheimer Schulamt Betroffenen, sich mit der Schule in Verbindung zu setzen und verweist darauf, dass betroffene Schüler, die trotzdem zum Unterricht kommen, „nicht betreut“ und nach Hause geschickt werden.

Schuleinschreibung: Kontakt mit der Einrichtung aufnehmen

Auch die Schuleinschreibung direkt in der Schule ist bei Kindern, die in einem Risikogebiet waren, Kontakt zu einem Corona-Erkrankten hatten oder selbst erkrankt sind derzeit nach Angaben des Schulamtes nicht möglich. Auch hier sollen sich die Erziehungsberechtigten telefonisch mit der jeweiligen Schule in Verbindung setzen.

Mögliche Infektion: Anruf vor Arztbesuch

Wer Symptome wie Husten und Fieber feststellt, außerdem annehmen muss, dass er Kontakt mit Menschen aus Risikogebieten gehabt oder sich selbst in Risikogebieten afgehalten hat, der möge die Telefonnummer 116 117 anrufen. Dort enthält er weitere Infos.

Nach Auskunft des Kassenärztlichen Verbandes gibt es auch für die Regionen Rosenheim und Mühldorf einen mobilen Dienst, der mögliche Patienten zu Hause besucht und gegebenenfalls Tests vornimmt.Das Gesundheitsministerium rät davon ab, Ärzte ohne telefonische Rücksprache aufzusuchen

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