Die grausame List der Isarwinkler

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bayern & seine geschichten . Wie die Schweden 1632 bei Dietramszell in eine tödliche Falle gerieten.

Der Satz hat es in sich. Er steht in einem Bad Tölzer Taufbuch aus dem 17. Jahrhundert: „1632 am Freitag nach der Auffahrt Christi, da die Schweden allhier seindt erschlagen worden.“ Ganz schön brutal, aber was steckt dahinter?

Die Antwort: eine blutige Episode aus dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648). Es geht um plündernde Schweden und um schlaue Tölzer, die den nordischen Feind im Zeller Wald, in der Nähe von Dietramszell, in einen tödlichen Hinterhalt lockten. Weil sie sich dort auskannten, die Schweden aber nicht. Manches, was sich an jenem 21. Mai 1632 zugetragen hat, liegt im Dunkeln. Anderes ist Legende. Fest steht: Im Mai 1632 erreichten schwedische Soldaten den Markt Tölz.

Seit der protestantische Schwedenkönig Gustav Adolf 1630 an der deutschen Ostseeküste gelandet war, hatte er mit seinem Heer Deutschland in Richtung Süden überrollt. Er wollte die Katholiken unterwerfen und nebenbei seinen Machtbereich von Skandinavien über den Ostseeraum bis nach Mitteldeutschland ausdehnen. Seine Soldaten plünderten und brandschatzten – oder ließen sich ihre Gnade von verschonten Städten und Dörfern teuer bezahlen. Über Würzburg und Nürnberg waren sie im Frühling 1632 bis nach München vorgedrungen. Von dort war es nur noch ein Katzensprung in den Isarwinkel und nach Tölz.

Die Tölzer, heißt es, bekamen Wind davon, dass die Schweden nach ihrem Abzug aus München das nur 20 Kilometer von ihnen entfernte Kloster Benediktbeuern geplündert und den Abt ermordet, genauer: aufgespießt hatten. Auch das nur zwölf Kilometer entfernte Kloster Dietramszell wurde von den nordischen Truppen bedroht: Die Schweden hatten den dortigen Probst Georg Wagner gefangen genommen und das Kloster nur deshalb verschont, weil Wagner ihnen den Klosterschatz überließ.

Mehrere Tage hatte der Probst in Geiselhaft ausgeharrt, als die schwedischen Soldaten Tölz erreichten. Die Tölzer Frauen und Kinder flüchteten sich auf den nahen Blomberg. Von den Zurückgebliebenen forderten die schwedischen Soldaten eine Brandsteuer von 500 Reichstalern, damit sie den Markt verschonten. Zum Vergleich: Das Jahresgehalt eines Marktpflegers belief sich auf etwa 140 Reichstaler, die normale Bevölkerung verdiente viel weniger.

Die schwedischen Soldaten drohten, Tölz und die Dörfer Gaißach und Wackersberg in Schutt und Asche zu legen, sollten die Tölzer nicht zahlen. Dann nahmen sie auch noch den Tölzer Marktpfleger Julius Trivelli gefangen und verschleppten ihn auf den Hechenberg ins gleichnamige Dorf – so jedenfalls erzählt es 1885 der Lokalhistoriker Carl Pfund. Trivelli sollte dort als Geisel der Schweden ausharren, bis die Marktbewohner den Tribut zahlten.

Trivelli selbst wollte den Markt retten, indem er seinen gesamten Besitz für die Brandsteuer opferte. Es half nichts. Denn die Schweden, schreibt 1898 der Tölzer Historiker Johann Nepomuk Sepp in „Merkwürdiges an der Bahn von Wolfratshausen nach Kochel“, setzten den Ort trotzdem in Brand und feuerten von einem Hügel mit Kanonen auf den Markt. Dabei sollen sie auch eine Marienstatue am Friedhof beschädigt haben, die den frommen Marktbewohnern heilig war.

Damit waren die Schweden zu weit gegangen. Die Tölzer hatten genug – und schmiedeten einen listigen Plan: Einige schwedische Soldaten wurden laut Sepp zu einem Festmahl geladen, wo man sie betrunken machte. Nachdem sie eingeschlafen waren, wurden sie erschlagen.

Natürlich mussten die Marktbewohner die Rache der übrigen schwedischen Truppen fürchten. Doch den Tölzern half das Umland. Sepp schreibt: „Der ganze Isarwinkel stand auf, zweihundert Lenggrieser kamen den Tölzern zu Hilfe, in allen Quartieren wurden die feindlichen Streitscharen aufgerieben und ihnen beim Abzug in der schauerlichen Schlucht des Zellerwaldes nach einem mörderischen Treffen die Rückkehr verleidet.“

Offenbar trieben die Ortskundigen die Schweden in den dichten Wald rund um den Klosterort Dietramszell. Noch heute ist bekannt, wie leicht man sich dort verlaufen kann. Und so wurden die schwedischen Soldaten in die Falle gelockt. Dass sie zahlenmäßig überlegen waren, wurde ihnen zum Verhängnis. Was damals genau geschah, ist zwar unklar. Aber es scheint, als wären die Schweden den ortskundigen Einheimischen in die Schlucht gefolgt und dort von einem Kugelhagel der Isarwinkler überrascht worden. Die Schweden gerieten in Panik und trampelten sich womöglich in der Enge sogar gegenseitig zu Tode, während die Tölzer und Lenggrieser über versteckte Auswege entkamen.

Durch den Sieg der Isarwinkler kam auch der Dietramszeller Probst nach insgesamt acht Tagen in Geiselhaft wieder frei. Sepp berichtet außerdem, dass die Aufständischen 53 Pferde von den Schweden erbeuten konnten, die dann acht Bürger, wahrscheinlich Tölzer, und dreißig Bauern aus der Umgebung unter sich aufteilten.

Bis heute wird die Zwieselbrücke in der Schlucht „Mörderbrücke“ genannt, und ein schwarzer Gedenkstein erinnert dort an die Tapferen aus Tölz und Umgebung, die ihre Heimat gegen den Feind verteidigten. Doch die Inschrift nennt gleich zwei Daten: „Den Isarwinkler Bauern und Bürgern zum Gedenken, die in den Jahren großer Bedrängnis 1632 und 1742 an dieser Stelle ihre Heimat gegen Schweden und Panduren verteidigten.“

Denn 1742, während des österreichischen Erbfolgekriegs, nutzten die Isarwinkler die Schlucht erneut, um plündernde Soldaten in die Flucht zu schlagen. Diesmal waren es kaiserliche Truppen, die mit ihren Raubzügen den Zorn der Bevölkerung auf sich zogen – und in den Hinterhalt gelockt wurden. Auch diesmal floss Blut. Christina Holzmann

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