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Thomas Käsbohrer schreibt über Bayerns Bergwachtler

Buch über Bergretter: Glücksmoment am Geigelstein, schreckliches Drama an der Hochries

Er liebt das Meer und die Berge: der Segler, Bergwanderer und Autor Thomas Käsbohrer, 60.
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Er liebt das Meer und die Berge: der Segler, Bergwanderer und Autor Thomas Käsbohrer, 60.
  • Stefan Sessler
    VonStefan Sessler
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Thomas Käsbohrer aus Iffeldorf hat über 40 bayerische Bergretter getroffen. Sie haben ihm von ihren dramatischsten Stunden, aber auch von Glücksmomenten am Berg erzählt. Ein besonders dramatischer Einsatz, der im Buch beschrieben wird, spielte sich an der Hochries ab. Ein besonders schöner am Geigelstein.

Der Historiker und Journalist Thomas Käsbohrer, 60, aus Iffeldorf im Landkreis Weilheim-Schongau kommt nicht los von ihnen. Von den Erlebnissen und den dramatischen Einsätzen der bayerischen Bergwachtler. Für sein neues Buch ist er mit den Bergrettern und Bergretterinnen wandern gegangen – dabei haben sie ihm vom Einsatz ihres Lebens erzählt. Es ist bereits sein zweites Buch über die Bergwacht. Im Interview erklärt Käsbohrer, warum ihn diese Menschen so sehr faszinieren.

Herr Käsbohrer, gibt es eine Bergwacht-Geschichte, von der Sie manchmal noch träumen?

Thomas Käsbohrer: Es sind nicht die dramatischen Geschichten, die Rettungen, die Abstürze und die Lawinen, von denen ich träume, sondern es sind die Gesichter der Retter, die ich immer wieder vor Augen habe. Ich war immer etwas kritisch mit Bayern, mit der Verbandelung von Politik und Heimattümelei, ich bin hier geboren, aber diese Menschen haben mich vom ersten Moment begeistert. Bergwachtler haben einen ganz anderen Blick auf die Welt. Schon auch leistungsorientiert, aber vor allem tief verwurzelt in dieser Landschaft.

Haben Sie ein Beispiel?

Käsbohrer: Die zweite Geschichte im Buch handelt von der Oberkaser Mare, die 1941 als 17-jähriges Mädel wegen einer unglücklichen Liebe auf die Oberkaseralm am Geigelstein stieg und nie mehr zurück ins Tal wollte. Sommers wie winters lebt sie als Selbstversorgerin auf dem Berg. Der Bergwachtler Hans Feistl aus Sachrang lernt sie irgendwann kennen, damals bewohnt sie ihre Alm auf 1700 Höhenmetern schon seit Jahrzehnten. Bereitschaftsleiter Feistl und die anderen Bergwachtler betreuen sie nebenher, jahrzehntelang. Wenn sie einen Einsatz am Geigelstein hatten, dann haben sie Eier für sie mitgenommen. Oder Mehl. Oder Wiener mit Kartoffelsalat. Oder eine Torte. Die mochte die Oberkaser Mare besonders.

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Eines Tages wird die Alm der Frau von einer Lawine verschüttet.

Käsbohrer: Das war im Winter 2009, vier Mal ging eine Lawine über die Oberkaseralm. Die Sennerin, damals 84 Jahre alt, war plötzlich verschüttet, verschluckt vom Schnee. Von ihrem Haus war nichts mehr zu sehen. Sie war in einer Eiskapsel gefangen. Feistl und seine Männer haben sich metertief zu ihr durchgegraben. Als sie den Giebel ihres Hauses freischaufeln, geht plötzlich das Fenster auf und die Oberkaser Mare reicht drei Flaschen Bier raus. „Habt’s an Durscht, Buam?“, fragt sie. Vollkommen cool, als wäre es das Normalste auf der Welt, drei Tage unter einer Lawine zu hausen.

Für den Bergwachtler ist die Sennerin die Geschichte seines Lebens.

Käsbohrer: „Sie fehlt mir“, das hat mir der Bergretter auf unserer Wanderung erzählt. Wir waren noch mal bei der Oberkaseralm, aber er blieb respektvoll vor dem Gebäude stehen. Als wäre der Ort etwas Heiliges. Die Alm ist jetzt unbewohnt. Mit über 90 Jahren ist die Oberkaser Mare auf dem Berg gestorben. An einem Sonntag. Zufällig fand nur ein paar Meter entfernt eine Bergmesse der Bergwacht Sachrang statt. Die Bergwachtler haben ein paar Schnapserl getrunken, weil es die Sennerin genau so gewollt hätte. Dann haben sie sie in einen Bergesack gepackt und gleich mit ins Tal genommen. Der Hans Feistl hat gesagt: „Die Mare, die kommt uns jetzt nicht woanders hin. Die geben wir nicht in andere Hände.“

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Welche Geschichten haben Sie noch besonders bewegt?

Käsbohrer: Eine Bereitschaftsleiterin aus Traunstein, die im echten Leben Gymnasiallehrerin ist, wird zum Einsatz gerufen. Sie gehört zum Kriseninterventionsteam. Ein Paragleiter fliegt mit einer Frau bei einem Tandemflug. Die Frau hat vergessen, sich anzuleinen. Das merken sie schon beim Abflug. Der Mann krallt die Frau an sich fest. Er versucht zu landen und sie abzusetzen. Genau in dem Moment packt eine Windböe den Schirm und reißt beide hoch. Die Frau fällt auf einen Felsen und stirbt. Der Paragleiter konnte nichts dafür, er hat trotzdem Schuldgefühle. Die Bergwachtlerin kommt zur Hochries in den Chiemgauer Alpen, wo das Unglück passiert ist. Sie redet mit dem traumatisierten Piloten, betreut ihn und streicht ihm tröstend über den Kopf. Sie begleitet ihn auch zu den Angehörigen der Toten.

Bergwachtler erleben heftige Situationen.

Käsbohrer: Die Bereitschaftsleiterin hat mir erzählt, dass sie Wochen später ihrem eigenen Mann beiläufig über den Kopf gestreichelt hat. Plötzlich war die Geschichte wieder da. Es fühlte sich an wie beim verzweifelten Paragleiter. Sie ist zurückgezuckt und musste weinen. Sie hat plötzlich gemerkt, dass auch sie posraumatisch betroffen ist.

Bergwachtler sind Ehrenamtler, die gerufen werden, wenn die Not am größten ist. Aber an ihre Gefühle wird oft am wenigsten gedacht.

Käsbohrer: Es gibt Gesichter von Bergwachtlern, die sind gezeichnet von ihrem Leben. Ein gestandener Bereitschaftsleiter vom Watzmann hat mir die Geschichte erzählt, wie sein damaliger Bereitschaftsleiter und bester Freund bei einem Einsatz neben ihm abgestürzt ist. Ich habe den Retter fotografiert, als er von dem Tag erzählt hat. 40 Jahre danach kann man in seinen Gesichtszügen immer noch die Empfindungen und seinen Schmerz sehen.

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Sind Bergwachtler Helden?

Käsbohrer: Held ist ein viel zu häufig gebrauchtes Wort. Sie sind für mich eher Vorbilder. Sie sind das Beste an Bayern. Sie sind selbstlos. Wir rennen in der Freizeit auf den Berg und sie holen uns in ihrer eigenen Freizeit vom Berg, wenn wir uns das Sprunggelenk verstauchen.

Ihre Bücher heißen „Sturm“, „Am Berg“ oder „In Seenot“. Es geht immer um Situationen, bei denen es um alles geht. Um Leben und Tod. Warum immer dieses Thema?

Käsbohrer: Ein Psychologe und Unfallforscher, mit dem ich fürs Buch ein Interview geführt habe, hat mir gesagt: „Forschung ist immer auch die Suche nach sich selbst.“ Da ist was dran. Was mich immer wieder reizt, ist die Frage, wie Extremmomente Menschen geformt haben, welche Spuren sie in einem Leben hinterlassen haben. Wir leben in einer Welt der scheinbaren Sicherheit. Der Zug kommt laut Fahrplan und der Flieger hebt pünktlich ab. Aber der Zug kommt manchmal nicht. Das Handy-Netz ist plötzlich weg und wir merken, dass alles eine ziemlich wacklige Angelegenheit ist. Wir leben anders als Großfamilien mit sieben Kindern vor 150 Jahren. Damals wurde der Tod der Großmutter und vielleicht auch die Zeugung der Geschwister live miterlebt. Heute ist das Leben ein aseptischer, ein möglichst keimfreier Raum.

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Sind Bergwachtler für Sie Menschen, die noch in diesem ursprünglichen Raum leben, in dem das Ende immer mitgedacht wird?

Käsbohrer: Ja, Bergwachtler gehen dem Tod nicht aus dem Weg. Mir ist etwas aufgefallen bei meinen Besuchen bei den Rettern. Viele von ihnen leben fernab des Dorfes. Oben auf dem Grat oder im allerletzten Haus der Straße nach zehn Kehren. Oder auf einem Bauernhof irgendwo außerhalb. Untereinander haben sie einen irren Zusammenhalt, sie vertrauen einander am Berg ihr Leben an, aber wohnen tun sie auf eine bestimmte Art anders und außerhalb dessen, was wir die Mitte nennen.

Bergrettung ist eines der anspruchsvollsten Ehrenämter, das man sich aussuchen kann. Warum macht man das?

Käsbohrer: Das habe ich die Bergwachtler auch immer gefragt – und immer ein Wort als Antwort bekommen. Kameradschaft. Eine junge Bergwachtlerin hat zu mir gesagt: „Wir sind gleich, eine ähnliche Art Mensch. Gleich ist, dass jeder das Beste für jemanden anderen macht. Nicht seine eigenen Interessen in den Vordergrund stellt, auch wenn wir alle Eigenbrötler sind.“ Sie hat mir auch erzählt, dass sie die meiste Zeit ihres Berufslebens im Büro verbringt. Aber über ihre Kollegen wisse sie viel weniger als über die Kollegen bei der Bergwacht. Denn die erlebe sie in Extremsituationen.

Waren Sie selbst schon mal am Berg in Not?

Käsbohrer: Nein, aber ich wandere gerne. Meine Standard-Tour ist die über den Herzogstand zum Heimgarten. Ich habe jetzt über 40 Bergwachtler getroffen. Seit ich bei ihnen war, überlege ich vor unbekannten Touren ganz genau, wo ich lang laufen will. Die Retter haben meinen Blick auf die Berge verändert.

„Der Einsatz meines Lebens – Bergretter erzählen“ von Thomas Käsbohrer. Millemari. 272 Seiten, 24,95 Euro.

Das Buch

„Der Einsatz meines Lebens – Bergretter erzählen“ von Thomas Käsbohrer. Millemari. 272 Seiten, 24,95 Euro, ISBN-10 ‏: ‎ 3967060047.

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