Girgl Jennerwein, der unvergessene Wilderer

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Heuer jährt sich der Todestag von Jennerwein zum 140. Mal – er ist längst nicht vergessen. Schorsch Kirner hat uralte Akten gelesen, ein Gewehr gefunden und unzählige Anekdoten über jenen Wilderer gesammelt, der ihn schon ein Leben lang verfolgt. In acht Kapiteln erzählt er pünktlich zum Jubiläumsjahr Jennerweins Schicksal.

Von Schorsch Kirner

Jedes Land und jede Zeit hat seine Volkshelden hervorgebracht. Bei uns in Bayern war es zum Beispiel der Räuber Kneißl – oder der Wildschütz Girgl Jennerwein. Der galt als Volksheld, Wilderer, Frauenschwarm, aber auch als arbeitsscheuer Herumtreiber, der erst durch seinen frühen Tod zu Ruhm kam. Aber wer war dieser Mann wirklich? Da ich in dieser Gegend, wo der Girgl lebte, auf einer Alm als Hirte aufgewachsen bin, erfuhr ich von Jägern und Holzfällern sehr viel von ihm. Das alles habe ich damals schon aufgezeichnet.

Durch Zufall erfuhr ich, wo er 1848 geboren wurde, nämlich in Haid, einem Ortsteil von Holzkirchen, als lediger Sohn einer armen Gütlerstochter – auch ich wurde in Haid als lediger Sohn einer Bauernmagd geboren. Aber erst 88 Jahre später. An meinem 25. Geburtstag passierte ein unvorhersehbares Ereignis: Meine Taufpatin, die Anni Jennerwein, geboren 1899, war eine bekannte Frau aus einem Kaufhaus in Holzkirchen – und sie hatte Kontakt zum „Hennerer“, einem Wirtshaus, bei dem die verschiedenen Wildschützen ein- und ausgingen. Sie übergab mir einen schon arg vergilbten Zettel, auf dem ein alter Heustadl im Leitzachtal eingezeichnet war und die Beschreibung, dass dort oben am Sims etwas versteckt ist, was niemanden etwas angeht, denn es stammt vom Wildschütz Jennerwein.

Was war es? Es war eines von den drei Gewehren, die Jennerwein besessen hat. Jetzt gehört es mir. Meine Taufpatin sagte mir nie irgendwelche Details darüber, nur, dass sie dieses Gewehr von ihrer Freundin, der Hennerer Lisl, bekommen hat.

Erst jetzt traute ich mich endlich, einen Artikel über Girgl Jennerwein zu schreiben, obwohl schon oft über den Fall geschrieben wurde. Aber die meisten Unterlagen waren über 100 Jahre im Forstamt Schliersee unter Verschluss. Dann kam mir das Glück zu Hilfe, denn die kleinen Forstämter wurden alle zentralisiert, und ich hatte jetzt im Staatsarchiv Zugang zu den Dokumenten. Dort heißt übrigens sein Mörder Pföderl nicht Johann Joseph, sondern nur Joseph, also Sepp, aber das dürfte wohl nicht der Grund sein, warum man der Öffentlichkeit nicht alles so bekannt gibt, wie es damals wirklich war.

Kapitel I: Jennerwein kehrt vom Krieg heim

Da knieten drei Bauernburschen vor dem Gnadenbild in der Wallfahrtskirche in Birkenstein. Alle drei sind beim Frankreich-Feldzug dabei gewesen. Dass sie alles heil überstanden haben, dafür dankten sie jetzt in der Wallfahrtskirche – und sie schworen sich, dass sie nie mehr „schiass’n“ werden. Wer waren die drei Burschen? Es war Markus Hofreiter, dann Joseph Pföderl, er war Fuhrknecht beim Sägemüller in Reichersbeuren. Und der Dritte im Bunde war Girgl Jennerwein, er konnte damals praktisch umsonst bei einem Kriegskameraden in Unterschwaig wohnen. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass es vom Unterschwaiger bis zum „Hennerer“, nur rund 2,5 Kilometer sind. Beim „Hennerer“ spielte sich in der Geschichte vom Wildschütz Jennerwein sehr viel ab. Heute ist dieser Ort nach wie vor ein beliebtes Ausflugsziel.

Aber bleiben wir doch zuerst beim Pföderl Sepp. Er war als Holzfuhrknecht kein großes Talent. Ausgerechnet am Leonharditag 1876 wurde er entlassen. Es war ein schöner Herbsttag, an dem in Tölz der große Leonhardi-Ritt stattfand. Natürlich gab es auch ein Wirtshaus, wo zum Tanz aufgespielt wurde. Dorthin ging der Pföderl Sepp aus einem besonderen Grund – er hatte sich mit dem Agerl von der Sigrizalm verabredet. Nach und nach fanden die beiden Gefallen aneinander. Er schüttete ihr sein Herz aus, dass er davon träumte, einmal Jäger zu werden. Ja, er ging sogar soweit, dass er dem Agerl einen Heiratsantrag machte. Ziemlich diplomatisch sprach sie ihn auf seine ramponierte Kleidung an, träumte aber wohl doch davon, eines Tages als Jägersfrau in einem Häuschen im Gebirge wohlversorgt zu sein.

Kapitel II: Streit ums Agerl von der Alm

Mit dieser Frau begann die Tragödie. Plötzlich tauchte Jennerwein auf dem Fest auf. Er ging an den Schießstand. Die geschossenen Blumen verschenkte er an die hinter ihm stehenden Madln. Das Schicksal wollte es wohl so, dass auch das Agerl mit ihrem Sepp dort stand. „Du, des is fei da Wildschütz Jennerwein“, wurde sie von einer Freundin gewarnt. Jetzt bemerkte auch der Girgl das hübsche Agerl – sie fanden sofort Gefallen aneinander. Das blieb Pföderl nicht verborgen, er bat sie um einen „Ehrentanz“, aber sie hatte sich bereits für den Girgl entschieden. Pföderl schwor seinem alten Freund Rache. Er hatte ihm die Zukunft genommen.

Kapitel III: Der Girgl singt – und provoziert

Sepp Pföderl bekam tatsächlich eine Stelle als Jagdgehilfe, hatte eine schöne Uniform. Aber glücklich war er nicht, denn er hatte erfahren, dass „sein“ Agerl ein Kind von seinem Todfeind hatte. Er wusste auch, dass der Girgl immer noch als Wildschütz unterwegs war – und wartete sehnlichst auf den Tag, an dem er ihn beim Wildern treffen würde. Dann könnte er mit ihm abrechnen, ganz legal. Pföderl saß eines Tages wieder mal beim „Hennerer“, als unvermutet der Girgl erschien. Der holte seine Zither und sang. Dann nahm er seinen Hut vom Kopf, strich damit dem Sepp über das Kinn und sagte: „Solch’ scheene Bleamal wachsen bei Eich im Garten, aber Pflücken tua’s i.“ Das Gelächter war groß beim Hennerer – und der Sepp blamiert.

Kapitel IV: Gerüchte machen die Runde

Plötzlich verschwand Jennerwein. In und um Schliersee kamen schon bald allerhand Gerüchte auf. Der Girgl ist seit dem Leonhardtag abgängig! Bald wurde dieses geredet, bald jenes behauptet. Kameraden rotteten sich schließlich zusammen und man ging auf die Suche. Sie zogen hinauf durch das Tufttal, durchstreiften die Wälder, verfolgten Spuren und gelangten dann hinüber in das Kühzagltal.

Kapitel V: Es sieht wie Selbstmord aus

Zwei Tage vergingen noch, dann wurde Jennerwein gefunden. Oben am Peißenberg, am sogenannten Schwarzholzeck. Der untere Teil des Gesichtes war verstümmelt, das Kinn von einer Kugel zersprengt. Die Leiche war gefroren, eine Hand hielt den Gewehrlauf umklammert, seine rechte große Zehe klemmte am Abzugshahn. Erschüttert umstanden Kameraden die Leiche. Also hatten sich die Befürchtungen bestätigt. Der Girgl erschossen. Und – dem ersten Anschein nach – hatte er sich selbst den Tod gegeben. Der Schuss ging durch das Kinn aufwärts durch die Schädeldecke. Doch plötzlich rief einer: „Herrgott, Leut, da schaugt’s!“ Er zeigte auf die Leiche, die er umgedreht hatte. Zu sehen war: ein Schussloch im Rücken. Eine Kugel hatte den Jennerwein von rückwärts durchbohrt – wahrscheinlich die erste. Das Wort „Selbstmord“ wurde nie mehr ausgesprochen.

Mit einer Bahre aus Fichtenzweigen trugen sie ihn ins Tal. Noch am selben Tag wurden die Behörden verständigt. Die Sektion ergab, dass auf Jennerwein drei Schüsse abgegeben worden waren. Eine Kugel hatte die linke Brust und die Lunge durchbohrt. Außerdem stieß das Seziermesser auf eine eingeheilte Kugel, die schon lange in seinem Körper war.

Kapitel VI: Der Mörder gesteht

Am 6. November 1877, mittags um 11 Uhr wurde Girgl Jennerwein mit 29 am Peißenberg am Schwarzholzeck erschossen. Das ergaben die Ermittlungen. Der Mörder? Der Pföderl Sepp. Als er später gefragt wurde, warum, da sagte er: „Der hat es schon lange verdient, der Lump.“

Kapitel VII: Das Urteil gegen Pföderl fällt

Nachdem die gerichtliche Kommission die Leich freigegeben hatte, wurde Jennerwein am Friedhof in Schliersee in geweihter Erde bestattet. Auch die Gerechtigkeit ging ihren Gang. Eines Tages wurde der Jagdgehilfe Pföderl des Mordes an Jennerwein angeklagt, und am 20. November 1878 das Urteil verkündet. Wegen Körperverletzung bekam er eine achtmonatige Gefängnisstrafe. Nicht mehr. Aber Pföderl kam die Untat trotzdem teuer zu stehen, denn nachdem er seine Strafe abgesessen hatte, wurde er in das Forstrevier Valepp versetzt, wo er zuerst in strenger Pflichterfüllung seinem Beruf nachging. Er blieb aber ein einsamer Mensch, verachtet, gequält von Gewissensbissen.

Er ergab sich dem Alkohol, bis ihn der Säuferwahnsinn erfasste. In den 1880er-Jahren verstarb Pföderl im Tegernseer Krankenhaus. Sein Ende war grauenhaft. Während eines schweren Gewitters rief er verzweifelt um Schutz gegen den Teufel, der ihn holen wollte. Dann sank er tot in die Kissen. Das Agerl hat später noch einen strammen Floßmeister geheiratet und ist mit ihm glücklich geworden. Die Sigrizalm existiert aber nicht mehr, sie ist durch eine Lawine verschüttet worden.

Kapitel VIII: Patronen am Grab – noch heute

Das Jennerwein-Grab am Westenhofener Friedhof wird nicht nur wunderschön gepflegt, sondern auch von Besuchern aus Amerika, Australien und von überall her besucht. Es kommt immer wieder vor, dass ein Wilderer-Kollege oder ein treuer Jennerwein-Anhänger in der heutigen Zeit einen Gamsbock, den Lauf eines Hirschen oder eine Patrone auf seinen Grabstein ablegt. Und das 140 Jahre nach seinem Tod. Auf einer Patrone, die erst vor einiger Zeit abgelegt wurde, steht eingraviert: „für deinen Mörder“.

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare