Gestapelt statt geradelt

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Der Start des Leihrad-Anbieters Obike in München war holprig. Zu viele Räder in zu kurzer Zeit, so die einhellige Meinung. Auch weiterhin sorgen die gelben Räder für Ärger: Immer häufiger werden sie verunstaltet, gestapelt und sogar auseinandergesägt.

Vandalismus an Obike-Rädern

Von Hüseyin Ince

München – Seit der Leihrad-Anbieter aus Singapur im August 2017 seine auffällig gelben, an allen Ecken Münchens aufgestellt hat, ist ein seltsames Phänomen zu beobachten: Statt gefahren zu werden, stehen viele der mittlerweile 6800 Leihräder oft verkehrt herum, hängen an Bäumen oder Verkehrsschildern, ihre Felgen sind krummgetreten, sie werden aufeinandergestapelt, der Sattel wird abgerissen oder sie werden sogar in zwei Teile gesägt.

Mitarbeiter von Obike haben trotzdem ihren Humor nicht verloren: „Die Räder stehen auf Hartgummireifen. Zumindest die kann man also nicht zerstechen“, sagt Obike-Sprecherin Maria Bause, um dann wieder ernster zu werden: „Wir bringen jede Beschädigung zur Anzeige, wenn wir die Hoffnung haben, dass der Fall aufgeklärt wird.“ Über die Anzahl der Schadensfälle könne sie derzeit keine Auskunft geben.

Eine seltsame Form der Selbstjustiz breitet sich in München aus, gerichtet gegen Leihräder, die ja eigentlich dazu beitragen sollen, den Verkehr zu entzerren. „Dass der Start holprig war, wissen wir “, sagt Bause. Zu viele Räder in zu kurzer Zeit mit zu wenigen Infos für die Münchner, das sei ein Fehler gewesen. Die Menschen fühlten sich offenbar von den Rädern überschwemmt. „Es war eine Nacht-und-Nebel-Aktion, ein PR-Desaster. Unsere aktuellen Mobilitätspartner vor Ort sorgen dafür, dass die Räder besser in der Stadt verteilt und kaputte Räder schneller eingesammelt werden“, sagt Bause.

Das klappt nicht immer und sorgt für Ärger: Die beschädigten Fahrräder bleiben oft wochenlang stehen und verunstalten das Stadtbild. „Das liegt daran, dass wir sie häufig erst suchen müssen“, sagt Bause, „Wir können nur den Ort feststellen, wo die Räder auf- oder zugesperrt wurden. Wenn sie jemand wegträgt und beschädigt, ist es für uns schwierig, sie wiederzufinden.

Das Baureferat hat theoretisch das Recht, Schrotträder zu entsorgen. Aber: „Ein Schrottrad muss so kaputt sein, dass man es als Fahrrad nicht wiederherstellen kann. Das ist bei den verunstalteten Obikes häufig nicht der Fall“, sagt Lukas Raffl, Koordinator der Bürgeranliegen für Radverkehr. Auch den Stadtmitarbeitern ist die Aggression der Münchner gegen Obike nicht entgangen. „Wir erhalten etwa zwei Beschwerden oder Hinweise pro Woche auf kaputte Obikes“, sagt Raffl. Den schlechten Stand, den das Unternehmen in München hat, sieht er zum großen Teil selbst verschuldet: „Obike hätte sich zum Marktstart besser erkundigen können, wie viele Fahrräder wo gebraucht werden, statt einfach eine große Anzahl in die Stadt zu stellen.“

Auch eine Absprache mit den drei anderen Anbietern Donkey-Bike, Call-a-Bike und MVG Rad hätte Raffl sinnvoll gefunden. Denn fest steht: „Derzeit haben wir etwa 10 000 Leihräder in München. Laut Studien braucht die Stadt bis zu 30 000“, sagt Raffl, der auch die Qualität der Obikes bemängelt: „Sie sind für den europäischen Markt eigentlich ungeeignet. Die Räder haben keine Schaltung, sind etwas zu klein und das hintere Schutzblech fällt schnell ab. Und weil der Reflektor dort montiert ist, ist es laut Straßenverkehrsordnung dann nicht mehr verkehrssicher.“ Das alles rechtfertige natürlich keinen Vandalismus.

Ein Datenleck Ende vergangenen Jahres hat zum schlechten Image von Obike beigetragen. Zehn Tage lang konnte man bei etwa hundert Nutzern auf die persönlichen Daten wie E-Mail-Adressen, Telefonnummern oder Profilbilder zugreifen. Bei der Social-Media-Funktion der Obike-App klaffte damals eine Sicherheitslücke. „Diese Lücke ist schon lange geschlossen“, sagt Bause. Doch seither ist in München oft zu hören: „Obike, sind das nicht diese Datensammler, die damit Geld verdienen?“ Das Gerücht verbreitete sich so schnell, dass der Obike-Deutschlandchef Marco Piu nun die Scherben zusammenkehren muss: „Wir verkaufen die Daten nicht und geben sie auch nicht weiter“, wiederholt er immer wieder.

Doch wie geht es weiter? In der Millionenstadt Berlin, wo das Unternehmen seit Kurzem ebenfalls aktiv ist, stehen zwar lediglich 600 Obikes, „aber bislang registrieren wir dort kaum Vandalismus“, sagt Bause. Daher werte das Unternehmen derzeit aus, wie hoch die optimale Zahl an Rädern für die Landeshauptstadt sei. Danach werde man die Anzahl anpassen, so Bause, ohne einen genaueren Zeitplan zu nennen. Zudem möchte Obike künftig auf ein Franchise-System setzen. „Im Idealfall kauft dann die jeweilige Stadt unsere Räder und kann die Anzahl nach Bedarf dosieren“, sagt Bause. Für München jedenfalls seien keine weiteren Obikes geplant.

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