Der geheime Bilderschatz

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„Mein lieber Florian – recht fröhliche Ostern“, so lautet der Anfang des Textes zu dieser Zeichnung, auf der sich Olaf Gulbransson in eine Blumenwiese einbettet. Er schickte an den Zahnarzt oft Grüße zu Ostern, Weihnachten, zum Namens- und Geburtstag. Im Hintergrund sind die Tegernseer Berge zu sehen.Es gibt mehrere Zeichnungen dieser Art (zum Beispiel „Die Füße zum Himmel“) – das hier war bisher unbekannt.

Vom genialen „Simplicissimus“-Zeichner Olaf Gulbransson gibt es hier nun Neues zu entdecken. Den legendären Buddha vom Tegernsee verband eine innige Freundschaft – ausgerechnet – mit seinem Zahnarzt. Als dieser starb, hinterließ er seinen Erben einen kleinen Kunstschatz: Dutzende bis heute unbekannte Bilder von Gulbransson und seinem Meisterschüler.

Vom genialen „Simplicissimus“-Zeichner Olaf Gulbransson gibt es hier nun Neues zu entdecken. Den legendären Buddha vom Tegernsee verband eine innige Freundschaft – ausgerechnet – mit seinem Zahnarzt. Als dieser starb, hinterließ er seinen Erben einen kleinen Kunstschatz: Dutzende bis heute unbekannte Bilder von Gulbransson und seinem Meisterschüler.

von dirk walter

Manch einer nannte ihn seinen „Hof- und Leibzahnarzt“: Der Münchner Zahnarzt Florian Graf (1895–1967), der aus dem Dorf Rehschaln bei Fürstenzell in Niederbayern stammte, hatte seine Praxis in der Münchner Brienner Straße. Sein herrschaftliches Domizil erstreckte sich auf zwei Etagen – oben die Wohnung, unten die Praxis. Graf behandelte viele Künstler: zum Beispiel den Maler Toni Roth (Bruder von Eugen Roth), den Bildhauer Bernhard Bleeker oder den Komponisten Arthur Piechler, einer seiner engsten Freunde. Sein Lieblings-Patient aber muss Olaf Gulbransson gewesen sein, jener Norweger, der schon 1902 nach München gezogen war und damals sogleich zum wohl bedeutendsten Zeichner der bedeutenden Satirezeitschrift „Simplicissimus“ avancierte.

Graf war ein Promi-Zahnarzt, so würde man heute sagen. Aber das trifft es nur teilweise. Graf war keiner fürs Jetset-Leben. Er war ein ehrlicher Freund der Musen – im Nationaltheater waren dem Zahnarzt und seiner Frau Marianne die Plätze sieben und neun in Reihe 1 reserviert.

Mit Gulbransson und seinem Meisterschüler, dem Kunstprofessor und Glasmaler Josef Oberberger (1905–1994), wurde es eine spezielle Sache: Es entstanden dicke Freundschaften. Die drei – später vier, denn auch Gulbranssons Sohn Olaf Andreas (1916–1961) stieß dazu – waren Geistesverwandte, grob im Umgang, aber immer herzlich, bajuwarisch schwer, fast barock, mit Sinn für Genüsse aller Art. „Ewig Dein Alter“, schrieb Gulbransson an Graf. Oder auch: „Dein Alter Olaf“. An anderer Stelle umschwärmte er das Ehepaar Graf: „Ihr seid ja zwei wunderbar-tragende Engel! Gott liebe und segne Euch.“ Oberberger widmete seinem Hof- und Leibzahnarzt „huldvollst“ Zeichnungen. Auf dem Schererhof – dem 1929 erworbenen Wohnsitz Gulbranssons am Tegernsee – reihte sich Fest an Fest. Der Alkohol floss immer mal wieder reichhaltig, auch mitten im Krieg. „Ich hörte heute, daß du krank bist“, heißt es in einer Notiz „Waggi“ Oberbergers an Graf vom 5. Juni 1943. Und dann spöttisch: „Wie viele Flaschen waren es? Gute Besserung!“ Und Gulbransson trat wie selbstverständlich auch vor der mit an den Tegernsee angereisten Damenwelt nur mit seinem legendären Lederschurz bekleidet auf. So erzählte es Grafs Witwe später ihren Verwandten.

Einmal zeichnete sich Gulbransson in einer Blumenwiese liegend und eins mit seinen geliebten Blaubergen. Man sieht: Er fühlte sich am Tegernsee einfach sauwohl.

Dutzende Bilder und Zeichnungen schickten Gulbransson, sein Sohn Olaf Andreas und Oberberger im Laufe der 1940er- und 1950er-Jahre an Graf, der sie in dicken Mappen sammelte. Manches ist schnell dahin gezeichnet, auf der Rückseite von Kalenderblättern oder Postkarten. Manches ist auch mit Ölfarbe gemalt oder auf dickem Papier mit Tusche gezeichnet. Auf der Rückseite der größeren Bilder gibt es meist einen Gruß, irgendwas Witziges. „Gebiss verloren, Gesicht verloren“, schrieb Olaf Gulbransson zum Beispiel, der da wohl tatsächlich tiefgreifende Probleme mit seinen Zähnen hatte, im Juni 1957, ein Jahr vor seinem Tod, an den Zahnarzt – und malte sich ohne Gesicht.

Als Graf starb, erbte seine Frau die Mappen: Als diese 1999 kinderlos verstarb, ging ein Teil der Blätter an den heutigen Besitzer, der westlich von München lebt, und sich 25 Jahre lange fürsorglich um die Witwe gekümmert hatte. Graf war sein Großonkel, den er von Kind auf kannte und liebte. „Für uns war das der Onkel Florian.“

Unsere Zeitung hat den heutigen Besitzer mehrmals zu Hause besucht. Er ist ein freundlicher Herr, Mitte 50, der diesen kleinen Kunstschatz sorgsam hütet. Längst nicht alles kann er in seinem Haus ausstellen, dafür ist die Sammlung an Bildern und Zeichnungen dann doch zu umfangreich. Unsere Zeitung kam mit ihm im vergangenen Jahr in Kontakt, als er zu unserer Weltkriegs-Serie zur Illustration ein Bild von Alfred Kubin schickte – auch der berühmte österreichische Künstler, ebenfalls „Simplicissimus“-Zeichner, war bei Zahnarzt Graf in Behandlung. „Von meinem Großonkel habe ich eine große Anzahl von Farbzeichnungen und Ölbildern von Oberberger und Olaf Gulbransson“, schrieb der Besitzer damals. „Gerne zeige ich Ihnen meine Sammlung.“ Und weiter: „Es ist von beiden Künstlern ein reger und amüsanter Schriftwechsel mit meinem Großonkel vorhanden. Keines dieser Bilder wurde bisher in der Öffentlichkeit präsentiert.“

Es sind dicke Kunstsammelmappen, in rotem oder grauen Karton eingeschlagen, die Blätter mit Seidenpapier geschützt, aber ungeordnet und nicht inventarisiert. Oft liegen Oberbergers und Gulbranssons wild übereinander – so wie sie die Zahnarzt halt früher aufbewahrt hat.

Einen Wunsch hätte der Erbe wohl schon: Er würde seinen Besitz gerne einmal ausstellen. Doch alle Vorstöße blieben bisher erfolglos. Die Staatliche Graphische Sammlung München hat kein Interesse gezeigt. Selbst das Gulbransson-Museum am Tegernsee winkte ab – keine Zeit.

Keine Zeit, um diesen Kunstschatz zu heben? Das kann es doch wohl nicht sein.

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