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„Gegen uns Bauern wird oft Stimmung gemacht“

Vier Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Bayerische Bauernverband gegründet worden. Wie hat sich der Verband seither verändert? Wir sprachen im Rahmen unserer Serie mit Bauernpräsident Walter Heidl.

Serie: 70 Jahre Bayerischer Bauernverband (2. Folge)

Vier Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Bayerische Bauernverband gegründet worden. Wie hat sich der Verband seither verändert? Wir sprachen im Rahmen unserer Serie mit Bauernpräsident Walter Heidl.

- Kaum war der Krieg beendet, wurde der Bauernverband aus der Taufe gehoben. Warum ging das so schnell?

Ich bin sicher, das schnelle Vorgehen zeigt, wie notwendig dieser Schritt war. Die Versorgungslage war dramatisch, das können wir uns heute gar nicht mehr vorstellen. Auch die Amerikaner wussten, dass Wohl und Wehe der Menschen in dieser Situation von den Bauern abhängt und die Landwirtschaft die Ernährung sicherstellen muss. Sie haben deshalb die Gründung eines Bauernverbandes zur Unterstützung der Landwirtschaft vorangetrieben. Der Schlüssel für die erfolgreiche Arbeit war, dass 1945 endlich ein Einheitsverband geschaffen wurde. Aus der Erfahrung der Weimarer Zeit hatte man erkannt, dass eine Zersplitterung nicht zum Ziel führt.

-Wie hat sich der Verband verändert?

Der Verband hat sich so weiterentwickelt, wie sich auch die Landwirtschaft und die Gesellschaft verändert haben. Nach dem Krieg waren die Lebensmittelversorgung und die Steigerung der Produktion oberstes Ziel. Die Landwirte waren fleißig und haben entsprechend produziert. Nach den Wirtschaftswunderjahren hatten sich die Rahmenbedingungen dann geändert, die EU-Agrarpolitik musste nun Lösungen für Butterberge und Milchseen finden. Ab 1992 erfolgte deshalb die Abkehr von der Preisabsicherung. Und heute sehen sich die Bauern weitgehend mit den Chancen und den Risiken freier Märkte konfrontiert. All diese Veränderungen waren Herausforderungen für den ganzen Berufsstand. So ist der Bauernverband heute neben der Interessenvertretung auch ein verlässlicher Berater und Betreuer für die Bauern vor Ort.

- Was leistet der Verband für seine Mitglieder?

Die politische Arbeit ist nach wie vor ganz wichtig. Zum Beispiel bei der Düngeverordnung ringen wir seit mehr als drei Jahren um passende Lösungen. Wir kümmern uns darum, dass Ideen und Vorschläge auch wirklich zu Ende gedacht werden. Manches, was in Amtsstuben entwickelt wird, ist eben nicht unbedingt praxistauglich. Wir müssen uns deshalb aus dem Blickwinkel der Landwirtschaft einbringen und konstruktiv mitwirken. Aber es geht nicht um eine Verweigerungshaltung beim Wasserschutz, das ist mir ganz wichtig. Außerdem werden die Landwirte ganz individuell von den Geschäftsstellen vor Ort beraten – dabei kann das gesamte Netzwerk unserer Körperschaft aufgeboten werden. Darüber hinaus betreut der Verband die Bauern mit Dienstleistungsunternehmen wie zum Beispiel Steuer- oder Unternehmensberatung und Versicherungsservice.

-Heute gibt es Haupt-, Neben- und Zuerwerb-Betriebe, konventionelle und Biobetriebe, große und kleine Höfe. Schwierig, alle unter einen Hut zu bekommen!

Früher war ein Bauernhof ja ein „Gemischtwarenladen“ mit Milch, Schweinen, Hühnern oder Ackerland. Je mehr sich die Betriebe aber spezialisieren, umso vielfältiger wird auch die Verbandsarbeit. Aber die Belange, die uns Bauern alle gemeinsam betreffen wie Eingriffe ins Eigentum, Steuerthemen, die EU-Agrarpolitik, die Düngeverordnung oder die Öffentlichkeitsarbeit überwiegen ganz klar. Das ist die große Klammer, die uns zusammenhält. Wenn es um die politische Marschrichtung geht, müssen wir alle an einem Strang ziehen und dieses Miteinander auch mit Leben füllen. Ein Nebeneinander wäre mir zu wenig.

-Es gab aber Befürchtungen, dass der Verband nur die großen, wachsenden Betriebe im Blick hat. „Wachsen oder Weichen“ war das Stichwort.

Das war nie die Philosophie des Bauernverbands. Uns war von Anfang an bewusst: Gerade bei den Strukturen hier in Bayern brauchen wir die gesamte Vielfalt. Es gibt ja auch überhaupt kein Patentrezept, jeder Landwirt und jede Familie muss ihren ganz eigenen Weg einschlagen. Den Betrieb zu vergrößern ist da nur eine Lösung unter vielen – wenn man bei hohen Pachtpreisen und großen Investitionen blind auf Wachstum setzt, kann das schnell schiefgehen.

-In letzter Zeit geraten Landwirte unter Druck: Es wird gewettert über Turbo-Kühe, Antibiotika-Einsatz, Pflanzenschutzmittel. Sogar die Milch soll ungesund sein. Pressen die Bauern das letzte raus aus Tier und Pflanze? Oder was ist mit den Verbrauchern los?

Das Grundprinzip der Landwirtschaft ist nachhaltiges Wirtschaften, um der Bauernfamilie ein Einkommen zu sichern. Und ganz davon abgesehen hat ja jeder Bauer ein eigenes Interesse, dass es seinen Tieren gut geht und sie gesund sind. Wenn einzelne Medien oder Nicht-Regierungs-Organisationen Horrorbilder verbreiten, dann wehre ich mich mit aller Macht dagegen, dass solche Einzelfälle verallgemeinert werden! Schließlich denken Bauern in Generationen: Der Bauer übernimmt den Betrieb von seinen Eltern und gibt ihn an den Sohn...

- – oder die Tochter...

(lacht) … oder an die Tochter weiter. Der Landwirt will also auch, dass seine Böden fruchtbar bleiben oder der Wald nachhaltig bewirtschaftet wird.

-Aber warum hat das Image der Bauern gelitten?

Da gibt es aber einen klaren Unterschied zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung. Bei einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung haben über 80 Prozent der Befragten angegeben, dass sie großes Vertrauen in die Arbeit von uns Bauern haben. Aber spätestens mit der BSE-Krise im Jahr 2000 wurde deutlich, dass oft der Bezug zur Landwirtschaft verloren gegangen ist. Wir haben wohl auch einen gewissen Anteil daran, dass diese Situation erst entstehen konnte. Die Landwirtschaft hat sich weiterentwickelt und verbessert, aber der Kontakt zu den Verbrauchern wurde vernachlässigt. Deswegen verstärken wir seit Jahren die Öffentlichkeitsarbeit. Aber leider wird oft auch ganz gezielt Stimmung gemacht und der modernen Landwirtschaft einfach mit Schlagworten wie Massentierhaltung oder industrialisierte Landwirtschaft ein Stempel aufgedrückt.

- Können Sie das näher erklären?

Was im übrigen Berufsleben selbstverständlich ist, nämlich der Einsatz von moderner Technik und Computern, ist plötzlich „industrialisierte Landwirtschaft“, wenn ein GPS-gesteuerter Traktor oder Mähdrescher zum Einsatz kommt. Das ist ein Widerspruch in unserer Gesellschaft. Fakt ist doch: Heute werden Verbraucher wie selbstverständlich mit sicheren Lebensmitteln versorgt. Die Lebenserwartung steigt und unsere Lebensmittel sind so gut und sicher wie noch nie. Dafür sorgen auch unsere Qualitätssicherungsprogramme, etwa beim Fleisch.

-Aber dann gibt es ein, zwei schwarze Schafe, die alles in Frage stellen.

In der Regel sind es ja nicht die Landwirte, die einen Skandal verursachen. Das wurde zum Beispiel auch beim Gammelfleisch deutlich. Trotzdem geraten die in die Kritik, die mit ihrer täglichen Arbeit das Füllhorn nicht leer werden lassen. Aber diese Leistung wird schnell vergessen, wenn gleichzeitig eine politische Partei ihr Leib- und Magenthema Kernkraft verloren hat und die Landwirtschaft als neues Thema für sich entdeckt...

- Sie meinen die Grünen?

Ja – oder wenn irgendwelche Tierschutz-Organisationen mit einem neuen Skandal ihre Spendenkasse füllen wollen. Dafür wird auch schon mal in einen Stall eingebrochen, um dann die illegal entstandenen Bilder sogar in öffentlich-rechtlichen Medien zu verbreiten. Das kann nicht sein. Auch für die Landwirte müssen die Regeln unseres Rechtsstaats gelten. Ich nehme niemanden in Schutz, wenn in einem Stall Tierschutz-Anforderungen nicht beachtet werden. Doch Missstände müssen über die Veterinärämter geahndet werden.

-Wie stehen Sie denn zum Fall wie Bayern-Ei und der Verbreitung von Salmonellen? Der Verbraucher bringt das schon mit Massentierhaltung in Verbindung!

Auch ich habe ein Problem mit der Dimension dieser Ställe. Das ist keine bäuerliche Landwirtschaft mehr! Im Zusammenhang mit dem Begriff „Massentierhaltung“ stellt sich trotzdem die Frage: Wie definiert man Masse?

-Ich meine nicht die 3500 Legehennen beim Landwirt um die Ecke...

Was ist mit dem jungen Landwirt in meiner Heimat, der sich mit dem Einstieg in den elterlichen Betrieb ein weiteres Standbein geschaffen hat und 40 000 Hähnchen hält? Ist das schon Massentierhaltung?

-Wo ziehen Sie die Grenze?

Der entscheidende Punkt ist, dass der Betrieb Fläche hat, um Futter zu produzieren und um Gülle oder Mist zu verwerten. Es muss eine Kreislaufwirtschaft entstehen. Und natürlich muss dabei der Tierschutz eingehalten werden. Aber zurück zu Bayern-Ei. Das ist der Klassiker. Am Anfang gab es ein Salmonellen-Problem. Inzwischen wird nur noch über Tierschutz diskutiert. Die Krux daran ist, dass die Haltungsform, die jetzt zur Diskussion steht, zumindest unter Hygieneaspekten sogar besser ist. Wenn ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz vorliegt, ist das nicht in Ordnung und muss geahndet werden – keine Frage! Aber jetzt zu sagen, dass die Haltungsform an den Salmonellen schuld ist, geht an der Realität vorbei.

-Vor fünf, sechs Jahren kochte die Auseinandersetzung mit dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter um die Milchpolitik hoch. Wie ist das Verhältnis heute?

Ich sage ganz offen: die Aggressivität ist damals nicht von uns ausgegangen. Ich habe nach meiner Wahl Gespräche geführt, Berührungsängste kenne ich nicht. Ich will aber nicht über die Arbeit des BDM philosophieren, sondern unsere Arbeit erläutern. In der Zielsetzung, dass wir bessere Preise für unsere Milchbauern wollen, sind wir uns einig. Nur bei den Mitteln, der Auswahl der Verbündeten und bei der Vorgehensweise – da gibt es Unterschiede.

Interview: Claudia Möllers

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