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Besucherrückgang und Unfälle bei Fahrgeschäften

Gäubodenfest kein „Superspreading“? Wie gefährlich sind Volksfeste in Bezug auf Corona wirklich?

Besucher des Gäubodenvolksfestes feiern in einem Festzelt. Das Gäubodenvolksfest gilt als zweitgrößtes Volksfest in Bayern.
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Besucher des Gäubodenvolksfestes feiern in einem Festzelt. Das Gäubodenvolksfest gilt als zweitgrößtes Volksfest in Bayern.
  • Markus Zwigl
    VonMarkus Zwigl
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Trotz Virus und Hitze ließen sich etwa 1,3 Millionen Menschen das Gäubodenvolksfest nicht entgehen. Dirndl und Lederhose, Bier und Brezn, Riesenrad und Schießbude - im niederbayerischen Straubing durfte nach der Corona-Zwangspause wieder ausgelassen gefeiert werden. Doch offenbar nicht in dem erwarteten Ausmaß, weiter bleibt abzuwarten wie sich die Corona-Zahlen in den kommenden Tagen und Wochen entwickeln - eine Tendenz ist bereits zu erkennen.

Straubing - Rund 1,3 Millionen Menschen haben in Straubing in diesem Jahr das Gäubodenvolksfest besucht. Das teilte Oberbürgermeister Markus Pannermayr (CSU) bereits am Montagnachmittag (21. August) mit. Das Fest ging am Wochenbeginn mit einem Feuerwerk zu Ende. Beim letzten Gäubodenvolksfest vor der Corona-Unterbrechung 2019 waren noch 1,45 Millionen Besucher gezählt worden. Die Freude der Menschen darüber, dass das Volksfest wieder stattfinden durfte, sei dennoch spürbar groß gewesen, sagte der Rathaus-Chef.

Die Corona-Inzidenz in Stadt und Landkreis liege aktuell etwa im bundesweiten Durchschnitt. Allerdings ist ein erster Anstieg bereits zu erkennen. Zu Beginn der elftägigen Sause lag die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis Straubing-Bogen noch bei 255,5, jetzt (Stand 24. August) meldet das RKI einen Wert von 457,0.

Mögliche weitere Nachwirkungen in den kommenden Wochen bleiben abzuwarten. Allerdings kann es gut sein, dass die Zahlen aufgrund der Inkubationszeit und Verzögerung der Symptomentwicklung die kommenden knapp 14 Tage noch deutlich ansteigen.

Vergleich zu Kulmbach: „Bierfest hat einen Effekt auf die Inzidenz“

Das gleiche Phänomen wurde erst vor kurzem im Kreis Kulmbach beobachtet. In Kulmbach stieg die Inzidenz innerhalb weniger Tage auf 1426,6 - bundesweit mit Abstand höchster Wert zu diesem Zeitpunkt. Kurz vor diesem Anstieg hatte es dort die Kulmbacher Bierwoche gegeben. „Natürlich hat das Bierfest einen Effekt auf die Inzidenz, das ist völlig klar“, war sich Landrat Klaus Peter Söllner sicher.

Diese Erfahrungswerte und die weiterhin existierende Verunsicherung der Bevölkerung durch das Virus könnten zum Besucherrückgang in Straubing beigetragen haben. Vor allem seien weniger ältere Menschen unter den Festbesuchern gewesen, so Pannermayr. In Zahlen handele es sich um einen Rückgang von etwa 10 Prozent.

Kein Anstieg in Straubinger Klinikum

Auf der anderen Seite gehört es auch zur Wahrheit, dass im Straubinger Klinikum St. Elisabeth nach elf Tagen Gäubodenvolksfest noch kein relevanter Anstieg an Corona-Patienten zu verzeichnen ist bzw. war. Das teilte eine Klinikumssprecherin am Montag auf BR-Anfrage mit. Gut angekommen sei außerdem die Idee der Stadt Straubing, rund 10.000 kostenlose Corona-Selbsttests für den Volksfest-Besuch in Impfstationen und beim Tourismus-Amt zur Verfügung zu stellen, sagte Julia Hempel, die Leiterin der Impfstation in Straubing. Am Montag seien nur noch wenige Tests übrig gewesen.

Christian Thiel, ärztlicher Leiter im Notfallzentrum im Straubinger Klinikum St. Elisabeth, hatte kurz vor dem Volksfest noch erklärt: „Wir erwarten im Rahmen des Gäubodenvolksfestes leider auch vermehrt Personalausfall durch Covid-Infektionen beziehungsweise Quarantänepflichten der Covid-positiven Mitarbeiter. Zeitgleich wird der Patientenzustrom steigen.“

Gäubodenfest: Allgemeiner Besucherrückgang

Der allgemeine Besucherrückgang spiegele sich auch bei Ausschank und Essenskonsum, bilanzierte der OB - allerdings stand hier der letzte Festabend noch aus. Demnach waren bis zu diesem Zeitpunkt 7800 Hektoliter Bier und Radler (2019: 8500 Hektoliter) getrunken, 34 Ochsen (2019: 38) und 50 000 Gickerl (Für Nicht-Niederbayern: Grillhähnchen/2019: 60 000) verspeist worden. Das zweitgrößte Volksfest Bayerns galt im Vorfeld als „Test-Fest für die Wiesn 2022“ in München und Rosenheim. Das Ergebnis dürfte die Verantwortlichen - zumindest vorerst und rein auf die Corona-Thematik ausgelegt - etwas beruhigen.

Volksfeste „synchronisiertes Superspreading“?

Virologe Oliver T. Keppler von der Ludwig-Maximilians-Universität hatte die Durchführung der Münchner Wiesn im BR24-Interview erst kürzlich noch als „synchronisiertes Superspreading“ betitelt. „Die lange vermisste Geselligkeit in Bierzelten ist aus virologischer Sicht ohne Zweifel ideal für die Übertragung der aktuell vorherrschenden hochansteckenden Varianten von SARS-CoV-2“, so Keppler. Und weiter: „Man muss als Besucher im Bierzelt aber von einem sehr hohen Risiko ausgehen, in Kontakt mit dem Virus zu kommen – über Tröpfchen oder durch Aerosole. Dieses Virus ist mutationsfreudig und hat sich in den letzten zwei Jahren hin zu einer immer höheren Ansteckungsfähigkeit und auch Immunflucht optimiert. Auf einer Skala von 1 bis 10 liegt die Wahrscheinlichkeit einer SARS-CoV-2-Exposition nach mehreren Stunden im Zelt, nach meiner Einschätzung bei 9 bis 10. Viel mehr geht also nicht.“

Drei Unfälle bei Fahrgeschäften

Neben dem Besucherrückgang sorgten im Zusammenhang mit dem Gäubodenfest auch drei Unfälle bei Fahrgeschäften, bei denen drei Festbesucher leicht verletzt wurden, für Aufsehen. Unter anderem war beim Schleuderkugel-Fahrgeschäft „Hot Shot“ beim Spannen ein Kautschuk-Bauteil an einem der Seile gerissen, die die Kugel in die Luft katapultieren. Hierzu und auch zu den anderen Unfällen laufen die Ermittlungen laut Behörden noch.

Polizei und Bayerisches Rotes Kreuz (BRK) wiederum zogen eine aus ihrer Sicht positive Bilanz: Etwa 1400 Patienten hätten von den 220 ausschließlich ehrenamtlichen Helfern versorgt werden müssen, sagte eine BRK-Sprecherin. Etwa die Hälfte davon seien kleine Einsätze gewesen, etwa Wespenstiche kühlen oder Pflaster ausgeben. Wegen der Hitze habe es viele Kreislaufprobleme gegeben.

Die Polizei registrierte laut einem Sprecher 58 Körperverletzungen, darunter elf gefährliche. In den meisten Fällen sei viel Alkohol im Spiel gewesen. Es gab zudem unter anderem 24 Diebstähle, sieben Sexualdelikte und sieben Trunkenheitsfahrten. Wie auch in früheren Jahren seien zahlreiche auswärtige Beamte zur Verstärkung in Straubing eingesetzt worden. Diese seien begeistert von der Atmosphäre gewesen und hätten tagsüber selber das Fest besucht. „Abends haben sie den Dienst übernommen“, sagte der Sprecher und ergänzte: „Nüchtern.“

Volksfeste und Corona: Viele Fragen, wenige Antworten

Das Gäubodenvolksfest beginnt traditionell am zweiten Freitag im August. Unklar sei allerdings, das wievielte Fest es heuer gewesen ist, sagte Pannermayr amüsiert: Das 111. oder 112., in dieser Frage gebe es noch Diskussionen unter Historikern. Fest stehe aber: am 11. August 2023 soll es wieder losgehen.

Das Rosenheimer Herbstfest startet an diesem Wochenende (27. August). Auch hier ist die Vorfreude laut Organisatoren groß. Bleibt abzuwarten, wie sich die Corona-Situation hier auf die Besucherzahlen auswirkt. Langjährige Wiesn-Besucher und Helfer hinter den Kulissen erwarten einen enormen Andrang - doch das war auch in Straubing der Fall.

Frühestens Ende Herbst bzw. Anfang Winter wird man beurteilen können, welchen Einfluss Bier- und Volksfeste auf das Infektionsgeschehen wirklich hatten. Wenngleich es sich oft nur um Vermutungen handeln wird, sollten die Corona-Zahlen in den entsprechenden Regionen wieder stark ansteigen.

mz

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