Futter für die Überflieger

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Das bayerische Bildungssystem stürzt sich im Raum München nicht mehr nur auf die Schwachen: Bald gibt es neun Gymnasien im Freistaat, die den Wissensdurst von Hochbegabten befriedigen. Über Kinder, die an „Mathematikfreizeiten“ teilnehmen und ihre Lehrer manchmal überholen.

Besuch bei hochbegabten Schülern

Von Tobias Gmach

Gauting/Unterhaching – „Die brauchen richtig Futter“, flüstert Manuel Wagner. Er steht nicht an einem Tierpark-Gehege, sondern er spricht über die Schüler der Klasse 10b des Otto-von Taube-Gymnasiums in Gauting (Landkreis Starnberg). Wagner, Mitglied der Schulleitung, beobachtet zusammen mit Direktorin Sylke Wischnevsky eine Gruppe Hochbegabter im Lateinunterricht. An der Wand hängen gelbe Zettel mit Verhaltensregeln: Ruhe, Ordnung, Motivation. Die Jugendlichen zerlegen gerade eine antike Rede Ciceros, ihre Diskussionen kreisen um Zitate und Stilmittel. Ausschließlich. Private Schwätzereien? Wenn hier einer der 15-Jährigen lacht, dann über einen gelungenen Kommentar des Nachbarn – zu Cicero.

„Futter“, damit meint Wagner Aufgaben. Die dürfen der Lehrerin bloß nicht ausgehen. Helena Blümel, 32 Jahre alt, ist gut vorbereitet. Natürlich hat sie eine Zusatzaufgabe parat für die Schnellsten der Schnellen. Ansonsten hält sie sich im Hintergrund. Die Inhalte des fremden antiken Textes erarbeitet die 10b komplett selbstständig. „Sie haben ein wahnsinniges Tempo drauf“, sagt Blümel. „Es ist ein sehr zielorientiertes Arbeiten. Jeder hier möchte etwas schaffen.“

Nicht nur in Gauting. Die Nachfrage nach Förderklassen für Hochbegabte in Bayern steigt laut Kultusministerium seit zehn Jahren – gerade im Großraum München. Deshalb startet zum kommenden Schuljahr eine fünfte Klasse am Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching. In einigen Jahren soll es – wie in Gauting – in jeder Jahrgangsstufe eine Förderklasse geben. Unterhaching wird die neunte Schule im Freistaat sein, die Kindern mit extrem schneller Auffassungsgabe spezielle Angebote macht. Gut 900 begabte Schüler besuchen aktuell in Bayern eine Förderklasse. Sie schreiben die gleichen Prüfungen und das gleiche Abitur, bekommen aber eben mehr Futter: Wahlkurse, Forscherwochen, Universitätspraktika, Facharbeiten schon in der siebten Klasse oder „Mathematikfreizeiten“ – ein Wort, das für viele Schüler ein Widerspruch in sich ist.

Die Unterhachinger holten sich für die Umsetzung Tipps beim Münchner Maria-Theresia-Gymnasium, das 1998 als erste bayerische Schule einen Zweig für besonders Talentierte einführte. Mittlerweile stößt es an Kapazitätsgrenzen. In Unterhaching läuft derzeit die Bewerbungsphase, die Schulpsychologin führt einen Hochbegabtentest durch. Dazu gehört nicht nur fixes Lösen von Mathe- und Deutschübungen, sondern auch ein gemeinsames Mittagessen. „Wir wollen die Schüler auch in sozialen Situationen beobachten. Sie müssen später ja auch als Klasse zusammenpassen“, sagt Schulleiterin Brigitte Grams-Loibl.

Luis Ammon ist mittwochs überhaupt nicht an seinem Gymnasium in Gauting. Er forscht wie einige andere aus der Oberstufe an der Technischen Universität München. Der 17-Jährige filmt städtische Kreuzungen und analysiert das Material. Er will herausfinden, ob und wie autonomes Fahren in Großstädten funktionieren könnte. An der TU kann sich Ammon richtig austoben, für den Gymnasialstoff reichen ihm auch vier Wochentage. „Die Unterstützung von der Schule ist super“, sagt er.

In der psychologischen Diagnostik gilt als hochbegabt, wer einen Intelligenzquotienten über 130 erzielt – das sind etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Doch ein hoher IQ allein reicht nicht für den Eintritt in die Hochbegabtenklasse. Den geistigen Überfliegern schlagen manchmal aber genau solche Klischees entgegen: Intelligenzbestien – unheimlich klug, aber sozial inkompetent. Extra-Klassen für Hochbegabte? Reine Eliten-Züchtung. All dem widerspricht die Gautinger Schulleiterin Sylke Wischnevsky vehement: „Das ist kein Satellit mit Nerds. Das sind ganz normale Kinder.“ Sie seien breit vertreten in Chor und Theatergruppe und würden zu Schülersprechern gewählt. „Manche haben einen regelrechten Leidensweg hinter sich. Sie waren in der Grundschule gelangweilt und unglücklich.“ Unter ihresgleichen blühen sie auf und gelten nicht mehr als Streber, wenn sie sich bei jeder zweiten Aufgabe melden.

Sich auf die Schwachen stürzen: So wurde individuelle Förderung lange verstanden. Doch auch die Starken brauchen individuelle Betreuung. Die Gautinger Schüler sind im Wortsinn blitzgescheit, einige haben aber ein Grundproblem: „Sie tun sich schwer, das Handwerk zu lernen“, sagt die Direktorin. Französisch-Vokabeln oder Physikformeln büffeln langweilt viele. „Der Gau in Mathe ist, wenn jemand die Aufgabe liest und sofort die Lösung hinschreibt. Aber es geht ja um den Lösungsweg.“

Jakob Then (15) hat für seine Kunstarbeit eine ganze Welt erschaffen – eine Art Mittelerde wie bei „Herr der Ringe“. In Physik hat sich der Zehntklässler mit den komplexen Funktionsweisen einer Spiegelreflexkamera beschäftigt. Alles Zusatzarbeit, die Regelklassen-Schüler nicht machen. „Ich kann mir Sachen gut merken“, sagt Then bescheiden. In Naturwissenschaften nimmt er an deutschlandweiten Wettbewerben teil, in Latein und Französisch „mach ich das, was ich muss“. In Sprachen schreibt das Technik-Ass auch mal Dreier und Vierer.

Besondere Förderung brauchen auch die Lehrkräfte: Hilfe für die Förderer der Hochbegabten bietet das Kultusministerium mit Online- und Präsenzkursen an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung (ALP) im schwäbischen Dillingen. Lateinlehrerin Helena Blümel weiß, dass sie sich nicht ausruhen kann: „Die Schüler sind anspruchsvoll. Man muss mehr bieten.“

Am Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching steht ein breiter Teil des Kollegiums hinter dem Projekt Förderklassen. Einige Lehrer sind aber auch skeptisch. „Alles was neu und ungewohnt ist, kann Ängste auslösen“, sagt Schulleiterin Brigitte Grams-Loibl. Lehrer sind nicht als Vorbeter gefragt, sondern als Moderatoren: Manchmal versuchen sie ganz bewusst, Hochbegabte an ihre Grenzen zu bringen. Carolin Neuberger-Weikert, die das Projekt in Gauting leitet, versuchte es einmal mit Kants Kategorischem Imperativ – bei Sechstklässlern. Die Deutschlehrerin warf die ungekürzte Originalfassung an die Klassenzimmer-Wand. „Ich wollte wissen: Wer kapiert das überhaupt?“ Doch sofort analysierten die Zwölfjährigen die tiefere Bedeutung des berühmten ethischen Grundprinzips, nach dem jede Handlung für ein allgemein-gültiges Gesetz stehen können sollte.

Sylke Wischnevsky hatte ein ähnliches Erlebnis: Im Englisch-Unterricht konnte sie nur staunen, als ein Schüler einen sprachlich brillanten, intellektuell-durchdrungenen Text ablieferte. „Ich hätte so etwas nicht schreiben können“, sagt die 59-jährige Schulleiterin, die Anglistik studiert hat und englische Literatur liebt. Lehrer von Hochbegabten bräuchten eine besondere Charaktereigenschaft, sagt sie: „Man muss sich freuen können, wenn man von den Schülern überholt wird.“

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