Ein Freikorps-Denkmal

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bayern & seine geschichten Der Bund Oberland am Weinberg – eine heikle Schlierseer Geschichte

Lange hat sich niemand daran gestört. Seit einigen Jahren aber ist doch ein Thema, was da auf dem kleinen, idyllischen Weinberg am Schliersee eigentlich stattfindet. Jedes Jahr wandern einige Personen hoch zur kleinen Kapelle und legen einen Kranz nieder. Auch 2013 war das so: „Im Namen des Traditionsverbands Freikorps und Bund Oberland“ stand auf dem Gebinde. Ein Gedenken an die Kämpfe des Freikorps Oberland im Mai 1921 am Annaberg.

Dem ehemaligen SPD-Kreischef von Miesbach, Hans Pawlovsky, ist das Treiben am Weinberg schon lange ein Ärgernis. „Das sind Rechtsradikale“, sagt er. „Neonazis, wahrscheinlich aus München, soweit zu sehen, keine Einheimischen.“

Warum aber Annaberg? Der ist eigentlich weit weg. Es handelt sich um eine Erhebung im heute polnischen Oberschlesien. Die Staatszugehörigkeit Oberschlesiens war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zwischen Polen und Deutschland umstritten. Nach dem 3. polnischen Aufstand wurde der von Polen verteidigte Annaberg durch das Freikorps Oberland erstürmt und erbittert verteidigt. Erst nach dem Waffenstillstand im Juli 1921 herrschte Ruhe. Nach der Teilung Oberschlesiens im Jahr 1922 wurde der Annaberg Deutschland zugesprochen.

52 Mitglieder des Freikorps Oberland fielen bei den Kämpfen 1921, so besagt es die Inschrift des Denkmals. Das Freikorps war 1919 entstanden, es war eine rechtsgerichtete Truppe ehemaliger Soldaten, die auch nach dem Ersten Weltkrieg zusammenhielt. Zunächst kämpften sie gegen die Revolution im Freistaat. Unter ihrem Vorsitzenden, dem Tierarzt Friedrich Weber, gerieten sie dann ins Umfeld der NSDAP. Es gibt Fotos, die Weber zusammen mit Hitler 1923 in München zeigen. Kein Wunder also, dass die nun als „Bund“ organisierten Oberland-Mitglieder beim Hitlerputsch 1923 mitmarschierten. Im selben Jahr entstand auch das Denkmal auf dem Weinberg.

Interessant ist es, den Werdegang bestimmter Mitglieder zu verfolgen, die in der NS-Zeit in einflussreiche Positionen aufstiegen – Sepp Dietrich etwa, Kommandeur der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“ und Führer eines SS-Panzerkorps, der nach 1945 wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurde. Oder Gerhard Wagner, der es in der NS-Zeit bis zum Reichsärzteführer brachte. Ein Gauleiter, ein Generalfeldmarschall und ein KZ-Kommandant sind gleichfalls in den Reihen ehemaliger Bund Oberland-Mitglieder zu finden.

Das Oberland-Denkmal am Schliersee wurde 1945 zerstört. Doch ehemalige Mitglieder errichteten es 1956 erneut. In den 1960er-Jahren waren die Gedenkfeiern eindrucksvolle Massenversammlungen, weil auch viele vertriebene Schlesier – die wenigstens zum Teil gar nicht wussten, was es mit dem Freikorps auf sich hatte – nach Schliersee pilgerten. Nach und nach dünnte die alljährliche Zusammenkunft aus – übrig blieben verschworene Rechtsradikale. „Auch die Tochter von Heinrich Himmler, Gudrun Burwitz, war darunter“, berichtet Hans Pawlovsky. Die Schlierseer, wenigstens zum Teil, wehrten sich. Es gab Gegendemonstrationen. Als davon auch linke Autonome Wind bekamen und ins kleine Schliersee vermummt einmarschierten, wurde es der Gemeinde zu bunt. Kurzerhand verbot sie im Jahr 2008 die Zusammenkünfte am Weinberg. „Wir wollen nicht, dass Schliersee zum Wallfahrtsort wird – weder für linke noch für rechte Demonstranten“, sagte der Bürgermeister damals.

Trotzdem schaffen es einige Unbekannte immer wieder, ihren Kranz am Weinberg zu platzieren. Auch im letzten Jahr war das so. Pawlovsky und seine Unterstützer reagierten darauf 2013 mit einem Gegenkranz – „für die Opfer des braunen Terrors“, stand darauf. Mal sehen, wie es dieses Jahr im Mai wird.

Übrigens: Die Kirche hält sich aus all dem raus – die Kapelle gehört zur Pfarrei Schliersee, die wiederum zum Erzbistum München und Freising. „Die könnten auch mal was tun“, meint Pawlovsky. dirk walter

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