Frau Kempf mischt sich ein

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Vom Bauernaufstand 1705 bis zur Anti-Startbahn-Demo, vom Revolutionär Kurt Eisner bis zum grünen Dickschädel Sepp Daxenberger – in Bayern gab es immer auch einen Hang zur Rebellion. Das Haus der bayerischen Geschichte hat den Revoluzzern ein Sonderheft gewidmet – wir stellen einige der Widerspenstigen vor.

SERIE: BAYERISCHE REBELLEN (TEIL 3)

Vom Bauernaufstand 1705 bis zur Anti-Startbahn-Demo, vom Revolutionär Kurt Eisner bis zum grünen Dickschädel Sepp Daxenberger – in Bayern gab es immer auch einen Hang zur Rebellion. Das Haus der bayerischen Geschichte hat den Revoluzzern ein Sonderheft gewidmet – wir stellen einige der Widerspenstigen vor.

von dirk walter

München – Dass jeder ab 18 wählen darf, ist keine Selbstverständlichkeit. Und dass es seit 1919 auch die erwachsenen Frauen dürfen, war der Deutschen Bundespost 1969 – als sich das Frauenwahlrecht zum 50. Mal jährte – sogar einen Satz Briefmarken wert. In Bayern sind die Frauenrechtlerinnen der ersten Stunde fast aus dem öffentlichen Gedächtnis geschwunden, Namen wie die engagierte Katholikin und Hitler-Gegnerin Ellen Ammann, die Pazifistin Anita Augspurg – und die bürgerliche Frauenrechtlerin Rosa Kempf (1874-1948).

Die Volksschullehrerin war nach Jahren als Lehrerin in niederbayerischen Dörfern schließlich nach München gelangt. 1911 schrieb sie dort eine sehr ungewöhnliche Dissertation – ihre Studie über „Das Leben der jungen Fabrikmädchen in München“ erschien im renommierten Verlag „Duncker & Humblot“. Sie ist nach Einschätzung der Autorin Karin Sommer noch heute sehr lesenswert und wurde 1991 sogar noch einmal nachgedruckt.

Für ihre Arbeit hatte Rosa Kempf selbst je eine Woche in einer Holz- und einer Textilfabrik gearbeitet. Dass die Meister dort stets nur von den „Weibern“ sprachen, wenn sie über ihre weiblichen Kolleginnen redeten, entsetzte die junge Forscherin, die als Quintessenz ihrer Arbeit festhielt, Frauen verdienten viel weniger als Männer und müssten dafür auch noch länger arbeiten – die Debatte darüber wird ja im Grunde bis heute geführt.

1913 übernahm Rosa Kempf die Leitung des Frauenseminars für  Arbeit in Frankfurt/Main, eine Art Frauenschule für soziale Berufe. Außerdem engagierte sie sich in der Münchner Ortsgruppe des Verbandes für Frauenstimmrecht. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs „kam die große Chance für Rosa Kempf“, schreibt Karin Sommer. Sie wurde Anfang November 1918 als eine von acht Frauen in den Provisorischen Nationalrat des jungen Freistaats Bayern berufen. Engagiert arbeitete sie im berufsständisch organisierten Rätesystem mit Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten mit. Einziges Manko aus ihrer Sicht war, dass es nicht auch Frauenräte gab. „Wenn also wirklich die Räte als Fundament einer neuen politischen Organisation bestehen bleiben sollen, dann muß auch für die Frauen eine derartige Ratsorganisation geschaffen und sie muß mit Funktionen und Rechten ausgestattet werden“, sagte sie am 18. Dezember 1918 in einer mitstenographierten Rede im Bayerischen Landtag. Und weiter hieß es, die Frauen hätten „Jahrhunderte lang nicht nur im öffentlichen, auch im privaten Leben sehr oft und sehr schmerzlich“ körperliche Gewalt erleben müssen. „Wenn sie jetzt von der Revolution etwas erhofft, so ist es der Sieg des Geistes über die Brutalität; dann sind wir frei.“

Am 12. Januar 1919, bei den ersten Landtagswahlen, bei denen Frauen mitwählen durften, gelang es Rosa Kempf, für die linksliberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) in den Landtag einzuziehen. Dort warb sie zum Beispiel dafür, unsinnige Verordnungen abzuschaffen, die die Ausbildung von Frauen zu Volljuristinnen unmöglich machten. Sehr lange währte Kempfs Tätigkeit als Abgeordnete freilich nicht. Die Räteunruhen im Frühjahr 1919 unterbrachen ihr Engagement. Und schon bei der nächsten Wahl im Juni 1920 gelangte sie nicht mehr in den Landtag.

Politische Beobachterin blieb sie trotzdem. Am 20. April 1923 hörte sie eine Rede Hitlers im Circus Krone. Ordner zwangen sie, ihre dabei gemachten Notizen herauszugeben. Die Nazis behielten sie im Auge. 1933, nach der NS-Machtübernahme, verlor sie ihr Amt als Leiterin einer Schule in Hessen. Vereinsamt starb sie 1948 in einem Altenpflegeheim.

Buchhinweis

„Rebellen - Visionäre - Demokraten“, das vom Haus der bayerischen Geschichte herausgegebene Sonderheft der „Edition Bayern“ kostet 10 Euro (zuzüglich Versand) und ist über den Verlag Pustet zu beziehen (Tel. 09 41-92 02 20).

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