Frau Ast und ihre Zauberlehrlinge

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Zauberei ist kein Hexenwerk – das weiß man nirgends besser als an der Zauberakademie in Pullach. Denn hier lernen Schüler das, was man sich als Zuschauer immer schon gefragt hat: Wie funktioniert das bloß mit der Magie?

Von Eva Casper (Text) und Klaus Haag (Fotos)

Dass man Zaubern in Schulen lernt, weiß seit Harry Potter jedes Kind. Nur die Aufnahme an einer solchen Schule gestaltet sich in den Büchern etwas schwierig: Da braucht es eine persönliche Einladung, zugestellt von einer Eule. Magisches Zubehör, das es nur in magischen Läden zu kaufen gibt. Und zu guter Letzt ist die magische Schule auch nur durch einen magischen Zug zu erreichen, in den man wiederum nur einsteigen kann, wenn man zu einer bestimmten Zeit an der Stelle zwischen zwei bestimmten Gleisen am Londoner Bahnhof King’s Cross hindurchläuft.

Die Zauberakademie in Pullach im Münchner Süden ist da schon wesentlich einfacher zu erreichen: Das einzige Hindernis, dem man hier begegnet, ist vielleicht noch die eigene Schusseligkeit, durch die man versehentlich die falsche Tür nimmt und in einem Wirtshaus landet. „Zauberschule?“, erntet man dann einen erstaunten Blick.

Aber was will man von gewöhnlichen „Muggeln“, also Nicht-Zauberern, auch anderes erwarten? Dann findet sich aber doch noch jemand, der in die geheimen Künste der Magie eingeweiht zu sein scheint und einem den Weg weist: „Einfach bei der Apotheke rechts abbiegen.“

Von da aus landet man dann schließlich in einem fensterlosen Kellerraum, in dem große Regale bis zur Decke reichen und Zauberbücher enthalten mit Titel wie: „Theorie und Praxis moderner Magie“, „Die große Kartenschule“ oder auch „Sexy Magic“ – wo man sich unweigerlich fragt, was das für eine Art der Magie sein soll. In einem anderen Regal stapeln sich Würfelbecher, Kartenspiele und andere mysteriöse Dinge, bei denen man sich sicher ist, erst das zwei Jahre dauernde Studium der Schule abschließen zu müssen, um herauszufinden, wofür man sie benutzt.

An der Wand hängt ein „Siegfried und Roy“-Plakat (die mit dem weißen Tiger). Aus den Ritzen des Bodens wachsen lila Amethyste, als hätte ein schusseliger Magier seinen Stab fallen lassen und durch die heraussprühenden Funken die Steine herbeigezaubert. Am Tisch sitzen schließlich Lehrerin Cornelia Ast, 37, und ihre Zauberschüler Elisabeth, Sanny und Daniel. Für die drei wird es bald ernst, denn sie befinden sich schon am Ende ihrer Ausbildung. Im Juli müssen sie ihr Können in einer eigens zusammengestellten Show beweisen, vorgeführt vor Publikum. Bis dahin müssen aber noch einige Dinge verschwinden, wieder auftauchen und Gedanken gelesen werden.

Lehrerin Ast schneidet ein weißes Seil durch und zaubert es wieder zu einem zusammen. Elisabeth lässt bunte Tücher in ihrer Faust verschwinden, und Daniel zieht natürlich genau die Karte aus dem Stapel, an die man gerade gedacht hat. Wie das alles funktioniert, darf auf keinen Fall öffentlich werden. Das ist so ungefähr die Todsünde eines Zauberers und wer das hier macht, bekommt Ärger mit dem Magischen Zirkel. Um im Harry-Potter-Bild zu bleiben: Das lässt sich vielleicht noch am ehesten mit dem Zauberei-Ministerium vergleichen, das die Einhaltung der Gesetze für Zauberer überwacht.

Nur so viel kann Lehrerin Ast verraten: „Es ist eine Kombination aus Technik, Psychologie und Präsentation.“ Und die kann im Prinzip jeder lernen. Zauberei ist kein Hexenwerk: Die einzige Voraussetzung sei Spaß an der Sache, sagt Ast. Deswegen muss man auch auf keine Eule warten, um an der Zauberakademie in Pullach anzufangen. Jeder kann sich hier einschreiben. Zu Beginn lernen alle die gleichen Grundlagen. Später spezialisiert sich dann jeder auf den Bereich, der ihn am meisten interessiert. Zum Beispiel Manipulation, Mentalmagie oder Kartenzauberei. Zurzeit liege die Mentalmagie sehr im Trend, sagt Ast, also das Gedankenlesen. Der Unterricht findet immer abends statt, damit tagsüber alle ihren Muggel-Tätigkeiten nachgehen können.

Daniel, 41, repariert dann Telefon- oder Internetanschlüsse und erlaubt sich auch mal einen Spaß mit seinen Kunden: Er lässt in einer Münzhandlung Münzen verschwinden. „Das Schöne“, sagt er, „ist dieser Wow-Effekt bei den Leuten. Man bringt ihnen Vergnügen.“ Das ist auch für die meisten hier der Grund, warum sie zaubern lernen wollen. Damit mal „ein Wunder passiert“, wie Lehrerin Ast es ausdrückt, in dieser Welt, in der es so oft schlechte Nachrichten gibt.

Für Elisabeth, 35, hat es aber auch ganz praktische Gründe, warum sie Zaubern lernen wollte: Sie ist Erzieherin und möchte damit auch die Kinder unterhalten. Auch wenn die Schüler sagen, dass Kinder das anspruchsvollste Publikum von allen sind: „Kinder lassen sich nicht so leicht manipulieren. Und sie protestieren auch sofort, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt. Erwachsene machen das nie“, sagt Daniel.

Für Tierärztin Sanny liegt die Herausforderung eher darin, sich überhaupt auf der Bühne zu präsentieren: „Ich bin nicht so der Typ, der gerne im Mittelpunkt steht. Aber deswegen will ich hier lernen, mich zu überwinden.“ Damit ist sie nicht allein.

Die Zauberschule gibt es seit 1980. Sie wurde von dem Zauberer Harold Voit gegründet, der sich auf die Umsetzung von Zaubereffekten in Film, TV und Bühne spezialisiert hatte. Sehen konnte man das zum Beispiel beim „Bullen von Tölz“. Knapp 40 Schüler sind hier eingeschrieben, ungefähr 15 melden sich pro Semester neu an. Wer nach vier Semestern die theoretischen und praktischen Prüfungen besteht, wird in den Magischen Zirkel aufgenommen.

Den „typischen“ Zauberer gäbe es dabei nicht, sagt Ast. Es sei stets eine Mischung aus allen Berufen und Altersklassen vertreten. Auch für Kinder gibt es spezielle Kurse. Und Magier sei auch auf keinen Fall ein klassischer Männerberuf, so Ast. Auch, wenn es eine Weile gedauert hat, bis Frauen sich von der Rolle der bloßen Gehilfin, die leicht bekleidet Sachen heranträgt oder zersägt wird, mehr und mehr emanzipiert haben.

Ast, die neben ihrer Tätigkeit an der Schule auch freiberuflich Zaubershows vorführt, erlebt manchmal, dass vor allem ältere Männer erst mal skeptisch sind, wenn sie als Frau auf die Bühne tritt. „Wenn ich sie mit einem Trick dann aber richtig verblüffe, sind sie genauso begeistert.“

Damit man die Menschen begeistern kann, muss man als Magier vor allem viel üben: Jeder Handgriff muss sitzen. Nichts ist peinlicher als ein Zaubertrick, der danebengeht und die Täuschung ans Licht bringt. „Zaubern ist Täuschen. Und wenn man erkennt, wie es geht, ist man enttäuscht“, sagt Elisabeth.

Auch, wenn jeder weiß, dass es echte Magie nur bei Harry Potter gibt, ist es doch schön, für einen kurzen Moment so zu tun, als ob sie auch in Wirklichkeit existiert. Und genau das ist der Job eines jeden Zauberers.

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