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Geophysikerin spricht im Interview Klartext

Bleibt Fracking ein rotes Tuch? „Es kann nicht einfach so weitergehen“

  • VonMarc Beyer
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Geophysikerin Charlotte Krawczyk spricht im Interview über das Potenzial von Schiefergas in der Energiekrise. Die Analyse dürfte einigermaßen verblüffen.

München – Während die Gaslieferungen aus Russland immer weiter nachlassen, wird in Deutschland zunehmend über eine Fördertechnik diskutiert, die in der Öffentlichkeit eigentlich keine Rolle mehr zu spielen schien. Fracking hat einen verheerenden Ruf, seit 2017 ist es verboten.

Die frühere Bundesregierung allerdings berief 2018 eine Expertenkommission, um die tatsächlichen Risiken auszuloten – und die kommt zu überraschenden Ergebnissen. Die Potsdamer Geophysikerin Prof. Charlotte Krawczyk ist Vorsitzende des Gremiums, das 2021 seinen Abschlussbericht vorstellte und sprach nun mit dem Münchner Merkur.

Erwarten Sie, dass die Debatte um diese Fördertechnik jetzt, wo Erdgas zu einem knappen Gut wird, Schwung aufnimmt?
Charlotte Krawczyk: Was derzeit diskutiert wird und auch werden muss, ist der Punkt, ob wir die sogenannten unkonventionellen Lagerstätten in Deutschland ausbeuten können, um in einigen Jahren mehr Gas in Deutschland fördern zu können. Für die ist Fracking bisher verboten. Zur Beurteilung möglicher Risiken und Begleitung möglicher Erprobungsmaßnahmen gibt es uns als Expertenkommission.
Vielen Bürgern ist nicht bewusst, dass es Fracking in konventionellen Stätten schon lange gibt.
Krawczyk: Bei konventionellen Lagerstätten sind die Kohlenwasserstoffe, also Öl und Gas, bereits aus ihrem Muttergestein in ein Speichergestein migriert. Das wird dann angebohrt, das ist das übliche Vorgehen bei der Öl- und Gasexploration. Bei unkonventionellen Lagerstätten sind die Kohlenwasserstoffe im Muttergestein verblieben. Diese Gesteine sind wesentlich dichter und kompakter. Hier müssen Fließwege erst erzeugt werden.
Schnelle Linderung der akuten Gasnot bietet diese Technik aber nicht.
Krawczyk: Bevor man die unkonventionellen Lagerstätten ausbeuten kann, was ja bisher verboten ist, braucht es ein neues gesetzliches Regelwerk. Das ist nichts, was schnell geht. Bei den konventionellen Lagerstätten ist man gerade dabei, die Potenziale abzuschätzen: Können wir diese noch besser ausbeuten? Das ist das Erste, was man tun könnte.H
Höchst umstritten: Am 24.05.2014 zogen Umweltschützer und Einwohner in Saal (Mecklenburg-Vorpommern) vor das Bohrfeld und protestierten dort gegen den Einsatz von Fracking bei der Erdölförderung.

Fracking hat einen schlechten Ruf: Geophysikerin Charlotte Krawczyk sieht „große Fortschritte“

Die Fracking-Technik gilt als rabiat, riskant, schmutzig. Zu Recht?
Krawczyk: Die Frage in der aktuellen Diskussion ist: Was lege ich auf die Waage? Was nehme ich in Kauf? Wenn man in den Untergrund eingreift, egal zu welchem Zweck, hat man immer ein bestimmtes Risiko. Es gibt auf drei Feldern aber große Fortschritte. Erstens: Bei Methanaufstiegen. Zweitens: Bei der Frage, ob oberflächennahe Gewässer und Grundwasser belastet werden. Und drittens: Gibt es induzierte Seismizität?
Also Beben, die durch Bohrungen ausgelöst werden.
Krawczyk: Ja. Diese drei Themenfelder schüren die Unsicherheit in der Bevölkerung und haben die ganze Diskussion sehr polarisiert. Es ist richtig, da ganz genau hinzuschauen. Man muss aber auch sagen, dass sich in den letzten zehn, 20 Jahren enorm viel verändert und verbessert hat. Das muss man jetzt noch mal neu bewerten.
Eine solche Empfehlung hat Ihre Kommission aber nicht konkret ausgesprochen.
Krawczyk: Die Expertenkommission ist dafür zuständig, den wissenschaftlichen und neuesten technischen Stand zu diesen Themenfeldern bereitzustellen. Inwieweit das jetzt abgewogen wird gegen andere Interessen, die völlig zu Recht im Raum stehen – Gesundheit, Umwelt, all diese Dinge –, das kann nur die Politik entscheiden. Wir liefern das Fachwissen aus dem Geobereich. Die Politik muss nun aus allen betroffenen Bereichen alle Argumente auf die Waage legen und dann entscheiden, was die beste Kombination ist.

Fracking wegen Energiekrise? Krawczyk: Mittlerweile bessere Bohrtechniken

Wie schwierig ist es, angesichts all der Krisen – Krieg, Energiemangel, Klimawandel – eine Balance zwischen Kohlekraftwerken und Fracking einerseits und ökologisch sensibleren Instrumenten andererseits zu finden?
Krawczyk: Das ist genau das, worum die Politik gerade so sehr ringt. Das können wir weder als Kommission noch als Bürger tun. Es ist jetzt wichtig, aus allen Perspektiven darauf zu schauen und zu sehen: Es muss um Zumutbarkeiten gehen. Da haben wir alle eine Verpflichtung, auch wir in der Bevölkerung. Weil es um unseren Lebensraum geht.
Was hat sich konkret in den vergangenen zehn, 20 Jahren verbessert?
Krawczyk: Wenn man sich zum Beispiel die Entwicklung bei Bohrtechniken anschaut, dann gibt es große Fortschritte. Anlagen sind wesentlich sicherer geworden, wesentlich dichter. Man hat ja enorme Druck- und Temperaturbedingungen, man muss Öl und Gas über bestimmte Wege fördern. Von Ingenieursseite hat es da große Verbesserungen gegeben. Oder bei der Ventiltechnik. Diese kleinen Leckagen, die man früher vielleicht eher in Kauf genommen hätte, können heute deutlich besser vermieden werden.
Wie verhält es sich beim Risiko von Beben?
Krawczyk: Wir wissen heute wesentlich besser, wie man seismologische Netzwerke um einen potenziellen Förderbereich aufstellt. Es ist heute viel leichter, beispielsweise Pfade für Methan oder Fluide oder auch mögliche seismische Aktivitäten zu modellieren: Gibt es Schwellwerte, die ich nicht überschreiten sollte? Das gilt immer nur für einen Bereich. Und das ist auch eine unserer Empfehlungen. Man muss lokal hinschauen und dort auch vor einem Eingriff bereits eine Überwachung durchführen. Wir haben ja immer ein natürliches Geschehen im Untergrund, und in den Oberflächengewässern sind die Jahreszeiten wichtig. Das muss man sich vorher anschauen, um gut beurteilen zu können, was durch einen Eingriff hinzukommt oder sogar potenziert wird. Das geht nur, wenn ich den natürlichen Zustand des potenziellen Fördergebietes vor dem Eingriff kenne.
Die vielleicht größte Sorge in der Bevölkerung gilt dem Grundwasser.
Krawczyk: Da würde das Monitoring anders aussehen. Aber auch da ist es wichtig zu wissen, wie zum Beispiel der jahreszeitliche Gang von Grundwasser ist. Damit man einfach weiß, ob eine Veränderung wirklich durch eine Fördermaßnahme, womöglich eine Leckage, verursacht wurde.

Frackingpotenzial in Deutschland: „Rund 800 Milliarden Kubikmeter Schiefergas“

Wie schwer ist für Sie die Abwägung zwischen Risiko und Chance des Frackings?
Krawczyk: Diese Abwägung kann ich nur fachlich-inhaltlich begleiten. Die treffe ich nicht wirklich selber. Die Aufgabe der Forschung besteht darin, potenzielle Risiken zu minimieren. Ob das ausreicht, das können Wissenschaftler gar nicht beantworten.
Wie groß wäre überhaupt das Frackingpotenzial in Deutschland?
Krawczyk: Die größten Möglichkeiten liegen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Mecklenburg-Vorpommern auch noch ein bisschen. In Bayern gibt es Schiefergas nicht, nur Schieferöl.
Wie groß sind die Vorkommen in Deutschland, gemessen am jährlichen Gasbedarf von rund 90 Milliarden Kubikmetern?
Krawczyk: Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe geht von rund 800 Milliarden Kubikmetern Schiefergas in Tiefen zwischen einem und fünf Kilometern aus.
Ein Teil des Gases, mit dem die Bundesregierung die akute Energienot lindern will, stammt bereits aus Fracking, vor allem aus den USA. Was bedeutet das für die Debatte in Deutschland?
Krawczyk: Wichtig ist der Zeithorizont. Wenn ich eine schnelle Lösung suche, dann ist Fracking das nicht. Mit einem Flüssiggas-Terminal, das bereits funktioniert, geht es wesentlich schneller.

Bleibt Fracking ein rotes Tuch? „Es kann nicht einfach so weitergehen“

Wie lange dauert es, bis Fracking konkret umgesetzt werden könnte?
Krawczyk: Allein das Gesetzgebungsverfahren braucht einen Vorlauf. Für jede Maßnahme muss ich auch lokal entsprechende Konzessionen beantragen. Das ganze Genehmigungsverfahren braucht seine Zeit, da müssen Träger öffentlicher Belange eingebunden werden und, und, und. Das macht immer mindestens ein bis zwei Jahre aus. Technologisch kann es an manchen Standorten relativ schnell gehen. Bei Öl- und Gasexploration kann man ja auf Erfahrungen zurückgreifen.
In der Vergangenheit scheiterte jedes potenzielle Fracking-Vorhaben am Widerstand von Bürgerinitiativen. Erwarten Sie vor dem Hintergrund der aktuellen Krisen ein Umdenken in der Gesellschaft?
Krawczyk: Da könnte ich nur spekulieren. Wenn jetzt aber verschiedene Engpässe zusammenkommen, ist auch klar: Es kann nicht einfach so weitergehen wie bisher. Ich glaube, in der Bevölkerung ist auch angekommen, dass man mehrere Aspekte gemeinsam betrachten muss. Da sehe ich auch eine Aufgabe unserer Expertenkommission. Wir müssen mithelfen, faktenbasiert Wissen zur Verfügung zu stellen. Ich kann sehr gut verstehen, warum diese Diskussion so ist und warum sie sich emotional derart entzündet. Aber gerade, wenn es eng wird, muss man mit den Fakten arbeiten.
Bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein, Erdgas wird dann an Bedeutung verlieren. Lohnt sich für Unternehmen da überhaupt noch eine so große Investition?
Krawczyk: Genau diese Abwägung – Lohnt es sich? Habe ich vielleicht auch eine gesellschaftliche Verantwortung? Kann ich die Technologie in verwandten Bereichen nutzen? – ist etwas Firmeninternes.
Die Kommission hat ihren Bericht bereits 2021 abgegeben. Warum gibt es bis jetzt keine öffentliche Reaktion?
Krawczyk: Wenn man auf Themen wie Klimawandel oder energetischen Umbau schaut, war Fracking bis zum letzten Jahr sehr untergeordnet. Natürlich ist es jetzt gut, auf Fachwissen zurückgreifen zu können. Vielleicht tut die Politik das zum Teil auch schon.

Interview: Marc Beyer

Rubriklistenbild: © Jens Büttner/dpa (Archivfoto)

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