Fotografieren bei Unfällen jetzt strafbar: Auch Rosenheimer Retter leiden unter Gaffern

  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
    schließen

Das Anfertigen und Verbreiten von Fotos Verstorbener beispielsweise bei Unfällen werden künftig unter Strafe gestellt. Der Bundestag hat dazu am 2. Juli ein Gesetz verabschiedet. Rosenheims Kreisbrandrat bestätigt: Gaffer sind ein echtes Problem für die Retter.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Bundestag beschließt ein Gesetz, mit dem Gaffer bei Unfällen härter bestraft werden können
  • Für Retter in der Region sind Gaffer bei Einsätzen ein echtes Problem
  • An Unfallstellen gibt es immer öfter Sichtschutzwände, um Gaffer abzuwehren

    Rosenheim/Berlin
    – Richard Schrank, Kreisbrandrat im Landkreis Rosenheim, begrüßt die Verschärfung. „Wir haben oft das Problem bei Einsätzen, bei denen viele Menschen im Umfeld sind. Ein Großteil der Menschen wendet sich nur kurz zu, aber es gibt auch Gaffer“, sagt Schrank.

Das Leid anderer ist kein "Show-Objekt"

Vom Grundsatz her versteht Schrank, dass man schaue, wenn etwas passiert ist. Das liege in der Natur des Menschen. Für Menschen, die Unfälle mit ihren Smartphones filmen, hat er jedoch kein Verständnis: „Das Leid des anderen als Show-Objekt verkaufen, geht halt gar nicht.“ Gerade in den letzten Jahren hätten die Fälle zugenommen. Der Aufwand der Rettungskräfte werde dadurch größer, schließlich müssten die Opfer geschützt werden.

"Upskirting": Auch härtere Strafen für Fotos unter den Rock und in die Bluse

Schrank erinnert sich an einen Fall in Kiefersfelden, bei dem ein Mann in einem Gullydeckel etwas suchte und dabei von einem Auto erfasst wurde. „Wir mussten viel Energie verwenden um einen Sichtschutz aufzubauen und den Rettungsdienst abzuschirmen, da der Unfall bei einem Einkaufszentrum passierte“, sagt Schrank.

Feuerwehr und Autobahnmeisterei setzen auf Sichtschutzwände

Er selbst beobachtete einen LKW-Fahrer, der das Geschehen mit seinem Smartphone filmte. Schrank ging gemeinsam mit einem Polizisten auf den Mann zu, das Video löschte der Mann noch vor Ort. Was er gemacht hat, wäre jetzt eine Straftat.

Lesen Sie auch:
Hass und Hetze im Netz: Was die Rosenheimer Abgeordnete Daniela Ludwig aushalten muss

Die Feuerwehr verfügt zwar über Sichtschutzwände, jedoch beschränken sie sich dort auf eher kleinere Exemplare. Warum das so ist, wo es doch vermehrt zu Gaffern komme? „Große Sichtschutzwände müssen meist in einem Anhänger transportiert werden und sind aufwendig beim Aufbau“, sagt Schrank. Außerdem sei der Sichtschutz streng genommen Sache der Autobahnmeisterei.

Für die Rettungskräfte gilt übrigens bei Einsätzen: keine Handys! „Ausnahmen gibt es nur, wenn wir etwas dokumentieren“, sagt Schrank.

+++

Der ursprüngliche Artikel:

Rosenheim – Wer verstorbene Unfallopfer fotografiert oder filmt, begeht künftig eine Straftat. Diese Gesetzesverschärfung hat der Deutsche Bundestag am Donnerstag, 2. Juli, verabschiedet.

Die Täter müssen nun mit einer Geldstrafe oder mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren rechnen, nach bisheriger Rechtslage drohte dafür nur ein Bußgeld.

Der § 201a StGB verbietet zwar schon Foto- und Filmaufnahmen von verletzten Unfallopfern. Bei toten Unfallopfern gab es aber bisher diese Gesetzeslücke. 

Für Angehörige eine schwere Belastung

Über 400.000 Verkehrsunfälle passieren in Bayern jedes Jahr. An den Unfallstellen tummeln sich Schaulustige, die filmen und Fotos machen. "Für Angehörige ist es eine schwere Belastung, wenn diese pietätlosen Bilder oder Filme der Toten später in den Sozialen Medien kursieren. 

Die OVB-Heimatzeitungen haben Kreisbrandrand Richard Schrank bereits im Mai 2019 gefragt, was er von der Initiative hält.

Wie stehen Sie dazu, dass das Gesetz verschärft wird? 

Richard Schrank: Das kann ich nur begrüßen und ist schon lange überfällig. In den letzten zehn Jahren ist das immer schlimmer geworden. Man kann sagen, je schlimmer es aussieht, desto neugieriger sind die Menschen.

Kreisbrandrat Richard Schrank.

Haben Sie bei Ihnen im Gebiet auch Probleme mit Gaffern?

Schrank: Ja, auch bei uns im Gebiet ist es ein leidiges Thema, insbesondere auf den Autobahnen. Da bleibt es auch nicht beim bloßen Gaffen, teilweise werden die Einsatzkräfte beschimpft und mit obszönen Gesten beleidigt. Insgesamt muss man einfach klar sagen, dass die Aggressivität in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.

Wie schützen Sie Verunfallte vor Gaffern?

Schrank: Bei den meisten Einsatzwägen gehören mobile Unfallsichtschutzwänd mittlerweile fest zum Inventar. Somit wird den Gaffern einfach der Blick verwehrt.

Wie gehen Sie gegen solche Vorfälle vor?

Schrank: Wir schulen unsere Einsatzkräfte dahingehend, dass sie in solchen Situationen ruhig und besonnen reagieren, auch wenn das nicht immer einfach ist. Außerdem halten wir sie an, konsequent zu handeln. Und wenn möglich, das Kennzeichen zu notieren und den Vorfall zur Anzeige zu bringen. Mittlerweile stoßen wir da bei der Polizei auch auf offene Ohren. So konnten bereits einige Gaffer geahndet und bestraft werden.

Was war der schlimmste Vorfall?

Schrank: Im vergangenen Jahr ging es so weit, dass eine Einsatzkraft bedroht wurde und sogar vom Fahrzeug berührt wurde, weil der Fahrer es nicht einsehen wollte, dass die Straße auch für ihn gesperrt ist. Der Vorfall wurde dann auch zur Anzeige gebracht. 

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

Kommentare