Der Fotograf der vergessenen Orte

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+

Er geht dort hin, wo schon lange niemand mehr war: Fotograf Peter Untermaierhofer hat sich auf verlassene, vergessene Orte spezialisiert. Was in einer Burg bei Altötting begann, führt ihn heute durch ganz Europa – manchmal wird es ganz schön gruselig.

Er geht dort hin, wo schon lange niemand mehr war: Fotograf Peter Untermaierhofer hat sich auf verlassene, vergessene Orte spezialisiert. Was in einer Burg bei Altötting begann, führt ihn heute durch ganz Europa – manchmal wird es ganz schön gruselig.

Von Katrin Hildebrand

Katzen, Katzen, immer wieder Katzen. Als Peter Untermaierhofer seine erste eigene Profikamera ausprobierte, musste so gut wie alles als Motiv herhalten. Freunde, Landschaften, Sonnenuntergänge und die Tiere auf dem Bauernhof seiner Eltern bei Mitterskirchen, Niederbayern.

Mittlerweile sieht man selten Lebewesen auf den Bildern des 32-Jährigen, der in Burghausen, Kreis Altötting, lebt. Zum Broterwerb fotografiert er Autos. Aus Leidenschaft fotografiert er verlassene Orte. Villen, Arztpraxen, Fabriken, Militäranlagen, Sanatorien, Kirchen, Schlösser, Bunker, Hotels, Schulen, Kinos, Theater, Freibäder. Hauptsache, der Flecken Erde liegt brach. „Es ist das Morbide, das ich einfangen will“, sagt Untermaierhofer, der Bart und auffällige Ohrringe trägt. Sobald der natürliche Verfall einen Ort ereilt, sobald der Putz von den Wänden blättert, das Moos wuchert und Dinge des einst täglichen Bedarfs verstaubt und verrostet sind, ist es da.

Das Faible fürs Marode, Brüchige, Alte kam bei Untermaierhofer schleichend. 2008, während des Medientechnikstudiums in Deggendorf, kaufte er sich seine erste Spiegelreflex. Irgendwann fiel ihm eine Episode aus der Kindheit ein. Seine Mutter hatte ihn mal mit zur Schatzsuche auf den Kaiserberg bei Eisenfelden genommen. Dort, wenige Kilometer von Altötting entfernt, steht von Bäumen umringt ein verfallenes Schlösschen aus Backstein. Die Unterholznerburg. Sehr pittoresk, sehr romantisch, sehr verlassen. Sein erstes Motiv. Es folgte ein alter Bunker – und einige Zeit später dokumentierte er für seine Diplomarbeit verlassene Orte in ganz Deutschland. Und er merkte, dass er mit seiner Faszination nicht alleine ist.

Jeder kennt das aus seiner Jugend: das Prickeln, wenn man beim Herumstreunen auf eine verfallene Hütte oder ein eingestürztes Häuschen stößt. Doch seit einigen Jahren gibt es eine richtige Untergrundbewegung rund um das Erforschen und Fotografieren verlassener Orte. „Lost Places“ heißen diese im Szenejargon. Die Mitglieder nennen sich „Urban Explorers“, Stadterkunder. Sie sind spezialisiert auf Ruinen, brachliegende Anlagen, unzugängliche Plätze und dokumentieren ihre Streifzüge im Netz.

Peter Untermaierhofer, der bislang maximal leere Häuser fotografiert hatte, motivierten die Bilder: Er ging kurz nach seiner Diplomarbeit im Auftrag eines Verlags auf große Rundreise durch das Ruhrgebiet. 150 Plätze hatte er recherchiert, doch nur für einen Bruchteil davon erhielt er die Genehmigung, diese für einen Bildband zu fotografieren. Titel: „Vergessene Orte im Ruhrgebiet“. Aufgenommen hat er alle Bilder in High-Dynamic-Range-Technik, HDR. Dadurch wirken sie teilweise wie Gemälde, plastisch, farbstark, fließend und oft märchenhaft. Mit seinen Fotos von aus den Jahren 2009 oder 2010 ist er längst nicht mehr zufrieden: „Schrecklich“, sagt er. Zu surreal. Zu unwirklich. Heute setzt er die HDR-Technik subtiler ein.

In seinen Bildern zeigt sich eine Vorliebe für Symmetrie, aber auch viel Gespür für klassisch-barocke Inszenierung. Jeder verwahrloste Raum, jede verfallene Kirche, jede klapprige Treppe bildet eine Bühne für die Fantasien des Betrachters. Sieben Mal hat der 32-Jährige seine Kunstwerke bereits ausgestellt. In einem Münchner Möbelhaus, in Galerien und auf der Messe „Stroke Art Fair“, außerdem auf der „Urbexpo im Ruhrgebiet. Dort trifft sich jedes Jahr die „Urban-Explorer“-Szene.

Für Ausstellungen lässt Untermaierhofer Hochglanzabzüge seiner Fotos auf Alu-Platten ziehen und mit Acryl versiegeln. Das sieht gut aus, ist aber teuer. Richtig viele Bilder kann Untermaierhofer deshalb nicht bestellen. Denn die verlassenen Orte bringen bislang wenig Geld. Trotzdem baut Untermaierhofer die Lost-Places-Fotografie weiter aus. Das erfordert viel Zeit. Und manchmal Mut.

Vergessene Villen, Kliniken und Fabriken sind nicht leicht zu finden. Wenn, dann sind sie oft gegen Eindringlinge abgesichert, die Türen verschlossen. Oft versperrt ein Bauzaun den Zutritt, aus Haftungsgründen. Als Peter Untermaierhofer Material für seine Diplomarbeit sammelte, war er viel in Ostdeutschland unterwegs. Dort stieß er auf Gebäude, die es im strukturstarken Bayern heute kaum noch gibt. In Chemnitz stieg er in ein verlassenes Theater ein. Ganz allein. Obwohl das Theater mitten in der Stadt lag, war es im Inneren still wie am Ende der Welt. „Ich bin um ein Eck gegangen“, erzählt er, „und mein Herz hat geschlagen wie verrückt. Ich dachte, dahinter könnte ein Obdachloser stehen, mir eins über die Rübe ziehen, mir die Kamera wegnehmen.“ Passiert ist nichts. Ein bisschen Grusel gehört dazu.

Immer noch zieht der Fotograf gerne alleine los. „Das ist mehr Abenteuer. Das ist ganz anders als zu zweit. Man lauscht, man reagiert auf jedes Geräusch. Man ist viel sensibler.“ Ins Unglück stürzen will er sich jedoch nicht. Zu oft ist „Urban Explorers“ in einsturzgefährdeten Gebäuden etwas zugestoßen. Der Boden hielt nicht mehr, sie brachen ein. In der Szene erzählt man sich haarsträubende Gerüchte. „Es gibt eine Geschichte von einem Belgier, der an der Maginot-Linie (Verteidigungssystem an der belgisch-französischen Grenze, Anmerkung der Redaktion) in die Bunker gekrochen ist, alleine“, erzählt der Fotograf. „Der ist irgendwann nicht mehr aufgetaucht. Ein halbes Jahr später haben sie ein Skelett entdeckt, das in einer Öffnung steckte, aus der er einfach nicht mehr herauskam.“ Um sich abzusichern, sagt Peter Untermaierhofer oft seiner Schwester Bescheid, wenn er loszieht.

Viele Erkundungstouren macht er mit Freunden. Ohne Verbindungen in die Szene kommt man auf der Suche nach tollen Locations ohnehin nicht weit. Einer weiß was, sagt es weiter. Aber nur an Vertraute. Viele Orte, zu denen im Internet Bilder kursieren, haben Tarnnamen, so dass Außenstehende keine Hinweise auf deren genaue Lage erhalten.

Auch Peter Untermaierhofer verrät nicht jedem seine Lieblingsorte, schon um zu verhindern, dass sie durch den Untergrundtourismus zerstört werden. Denn nicht alle „Urban Explorers“ möchten nur fotografieren, filmen oder schauen. Manche randalieren, zerstören. Andere klauen, was herumliegt, und verscherbeln es auf dem Flohmarkt. Selbst wenn sich nur Fotografen an einem vergessenen Fleckchen tummeln, kommt es hin und wieder vor, dass Untermaierhofer in der Warteschlange stand, um Fotos zu machen. Deutsche „Urban Explorers“ haben in den vergangenen Jahren vor allem Belgien und Italien abgegrast. Das ist noch gut mit dem Auto erreichbar. Und: „Dort gibt es richtige Schmankerl“, sagt der Niederbayer.

Sein Lieblingsobjekt befindet sich in Norditalien. Ein „Manicomio“, ein Irrenhaus. Mitten in der Stadt. Zwei Mal war er mit Freunden da. Beim ersten Mal kamen sie nicht weit. Durch ein offenes Fenster in den Keller. Dann war Schluss – weil sie nicht wussten, wie es weitergeht. Zurück zuhause verriet ihnen ein Kumpel den Weg.

Also fuhren die Entdecker noch einmal hin. Diesmal krochen sie weiter als beim letzten Mal – Platzangst durfte man da nicht haben. Dahinter führte eine Treppe nach oben. Und dort tat sich endlich die Welt auf, auf die sie gehofft hatten: ein morbides Paradies. Ärztezimmer, Behandlungsstühle, Überreste eines medizinischen Schauskeletts, eine Kapelle, ein Röntgengerät, Badewannen, Duschen, viele Akten, teilweise aus dem 19. Jahrhundert – und das alles auf drei Etagen. „Es war riesig“, erinnert sich Peter Untermaierhofer. Fünf Stunden genießen sie den Anblick: einen Hauch von Grandezza, aber auch des Schreckens. Das alles hat er mit seiner Kamera festgehalten. Für sich selbst, aber auch für alle, die sich niemals in ein verfallenes Irrenhaus hineinwagen.

Zurück zur Übersicht: Bayern

Kommentare