Der Fotograf im ewigem Eis

Im Eis: Der Münchner Fotograf Stefan Hunstein bei der Reise zum Nordpol.
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Im Eis: Der Münchner Fotograf Stefan Hunstein bei der Reise zum Nordpol.

Die Reise seines Lebens: Fotograf Stefan Hunstein war gerade am Nordpol – mit einem russischen Atomeisbrecher. Dort hat der Münchner Polarbären getroffen und ganz nebenbei Bilder von traumhafter Schönheit gemacht.

Die Reise seines Lebens: Fotograf Stefan Hunstein war gerade am Nordpol – mit einem russischen Atomeisbrecher. Dort hat der Münchner Polarbären getroffen und ganz nebenbei Bilder von traumhafter Schönheit gemacht.

Von Stefan Sessler

Es ist zwei Uhr nachts, als sich Stefan Hunstein in der Kajüte des russischen Atom-eisbrechers eilig eine Hose anzieht. Alles wegen dieser Durchsage, die gerade durch das 160 Meter lange Schiff mit seinen zwei Kernreaktoren dröhnte. Draußen ist es hell, weil es hier nie dunkel wird. Man hört das Krachen des Eises, wenn die „50 Years of Victory“, so heißt das gigantische Schiff, durch das vereiste Gewässer pflügt. Hunstein ist auf dem Weg zum Nordpol, zusammen mit seiner Ehefrau und seiner Fotokamera. Startpunkt: Murmansk, der Hauptstützpunkt der russischen Nordflotte am Arktischen Ozean.

„Polarbär Backbord! Polarbär Backbord“, das war die Lautsprecherdurchsage, die gerade das ganze Schiff aus dem Schlaf gerissen hat. „Ich war der Erste, der draußen war“, sagt Stefan Hunstein, Jahrgang 1957, Fotograf und Schauspieler an den Münchner Kammerspielen. Hunstein steht auf dem atombetriebenen Schiffsgiganten und schaut rüber zu dem Polarbären, der im ewigen Eis wohnt. Ein magischer Moment, einer fürs Leben.

Inzwischen ist Hunstein wieder zurück von seiner Reise zum geographischen Nordpol. Sie war so was wie ein Lebenstraum, aber auch Arbeit. Hunstein, ein preisgekrönter Fotokünstler, hat traumhaft schöne, verwunschene, ganz und gar einzigartige Aufnahme von seiner Expedition mitgebracht.

Einige davon fischt er gerade aus einer großen Mappe, während er in einer Bar nicht weit weg vom Englischen Garten eine Cola trinkt. 2012 war Hunstein schon in Grönland, im Herbst soll im Hirmer Verlag ein opulenter Bildband über beide Reisen ins Eis erscheinen, auf den man sich jetzt schon freuen kann. Hunstein deutet auf eines der Fotos. Am Horizont milchiger Nebel, und mitten im Bild ein Kilometer langer, schier unendlicher Riss, der sich durchs Eis zieht. Als ob die Welt grad entzweibricht. „Hier bekommt man eine Vorstellung von Schöpfung“, sagt Hunstein. „Eine Vorstellung vom Urzustand.“ Die eisigen Landschaften wirken wie in Stein gemeißelt, aber, sagt Hunstein, „sie sind doch nur ein Augenblick“.

Hunstein ist einer der letzten Touristen, der mit dem 75 000 PS-starken Schiff über das Franz-Josef-Land zum Nordpol reisen durfte. Die „50 Years of Victory“ gilt als der größte Atomeisbrecher der Welt. Aber schon bald nehmen die Russen keine Touristen mehr mit. Der Eisbrecher ist eigentlich ein reines Arbeitsschiff, das die Nordostpassage freihält. „Man fragt sich, wie ein Mensch so was bauen kann“, sagt Hunstein. Alleine die Bordwand der „50 Years of Victory“ besteht aus 53 Zentimeter dickem Stahl. Dazu die Atomreaktoren. Das Schiff hat eine eigene Sauna, eine Bibliothek, eine Sporthalle, ein Kino und ein Schwimmbad. Es ist eine schwimmende Stadt. Ein Koloss aus Stahl. Über den Preis der zweiwöchigen Reise mag Hunstein nicht so gerne sprechen, aber einen Kleinwagen könnte man bestimmt dafür kaufen.

Man muss sofort an einen Endzeit-Roman denken, wenn der Münchner Fotograf von seiner Foto-Expedition erzählt. „Die letzten Menschen im Eis“ oder so. Mit an Bord des Schiffes sind Wissenschaftler und andere wahnsinnig gescheite Personen aus 24 verschieden Nationen, die jeden Tag Vorträge halten. Über die Interessen der Erdölindustrie in der Arktis. Über Geologie. Über die Entdeckung des Nordpols. Und das auf einem russischen Atomeisbrecher. Irgendwie surreal.

Genau wie der Moment, als wieder mal eine Durchsage durch das Schiff dröhnt, nämlich diese: „Walrus in front of us.“ Walross vor uns. Der Kapitän, ein bärengroßer Russe, stellt sofort die Maschinen ab, damit das Walross vom Krach des Eisbrechers nicht erschreckt wird. Die „50 Years of Victory“ gleitet durchs Wasser, langsam an einer Walrossmutter vorbei, die zusammen mit ihrem kleinen Walross-Jungen auf einer Scholle im Wasser ausruht.

Ein märchenhaftes Bild wie gemalt, wie aus einem Kinderbuch, das sich in Stefan Hunsteins Gedächtnis eingebrannt hat. Als der Eisbrecher näher kommt, hebt die Walrossmutter den Kopf, um zu schauen, was für ein seltsames Ungetüm da zu Besuch kommt. Aber lange interessiert sich das Walross nicht für den Eisbrecher. Schon bald senkt es wieder den Kopf. „Was das Tier wohl gedacht hat?“, fragt Stefan Hunstein und muss lachen.

Manchmal steht der Fotograf stundenlang auf Deck. Und schaut einfach nur. Auf das Eis, auf das Wasser, auf den Horizont und die Unendlichkeit. „Es ist eine irrsinnige Erholung“, sagt er, „nur auf eine weiße Fläche zu blicken.“ Es ist kalt an Deck, aber nicht richtig, minus ein Grad. Da hält man es eine Weile draußen aus, da kann man sich ins ewige Eis verlieren. Sich reinträumen.

Aber kurz vorm Nordpol, da hüpft Stefan Hunstein plötzlich doch das Herz. „Für viele Abenteurer und Literaten“, sagt er, „ist das ein Sehnsuchtsort.“ Man denkt, erzählt er, „jetzt wird man gleich ankommen – das ist ein irres Gefühl.“ Jetzt hat man gleich den nördlichsten Punkt der Erde erreicht. Wenn man irgendwo einen Eindruck vom Ursprung der Welt bekommt, dann vielleicht hier. Ein Ort mit einer ungeheueren Aura. Jener Flecken Erde, von dem aus man nur in eine Himmelsrichtung schauen kann. Nach Süden.

Stefan Hunstein darf genau hier alleine aufs Eis, zusammen mit seiner Kamera. Klick, klick, Stefan Hunstein fotografiert. Ein einzigartiger Moment, an diesem Ort, an dem sich Ewigkeit und Endlichkeit berühren. Hierher wird er nie mehr zurückkommen. „So eine Reise“, sagt er, „macht man einmal im Leben.“ Wenig später fährt die „50 Years of Victory“ wieder zurück, 2500 Kilometer sind es bis Murmansk. Ziemlich weit, aber ein Katzensprung für jemanden, der gerade die Ewigkeit gesehen und zum Glück auch fotografiert hat.

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