Die Flugblätter der Revolution

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Streitfall Revolution: Kaum war 1918 der König gestürzt und die Republik gegründet, entbrannte der Meinungskrieg. Über Politik wurde erbittert gestritten, eine Flut von Flugblättern ergoss sich auf die Straßen. Davon zeugt ein erstaunlicher Fund im Landkreis München.

von dirk walter

Unterhaching – Das Gründungsdokument der Revolution ist ein rosaroter Zettel, nur so groß wie ein Din-A 5-Blatt: „Proklamation. Volksgenossen!“, lautet die Überschrift. „Um nach jahrelanger Vernichtung aufzubauen, hat das Volk die Macht der Zivil- und Militärbehörden gestürzt und die Regierung selbst in die Hand genommen. Die Bayerische Republik wird hierdurch proklamiert.“ Etwas weiter unten dann der Satz, der in die Geschichte eingegangen ist: „Die Dynastie Wittelsbach ist abgesetzt.“ Und im Fettdruck: „Hoch die Republik!“ Unterzeichnet von: „Der Arbeiter- und Soldatenrat. Kurt Eisner“.

Von diesem Dokument, sagt der Unterhachinger Ortschronist und Archivar Günter Staudter, gibt es nur ganz wenige Exemplare. Das Archiv von Unterhaching hat eines davon – und das ist, wie der Gemeinderat und ehrenamtliche Museumsleiter, Harald Nottmeyer sagt, „einem ausgesprochenen Glücksfall“ zu verdanken. Ein Privatmann aus der Gemeinde hat dem Archiv Flugblätter aus der Revolutionszeit vermacht. 144 Exemplare. Das erste Flugblatt ist die Proklamation aus der Revolutionsnacht vom 8. November 1918, das letzte eine amtliche „Bekanntmachung“ der Stadtkommandantur vom 10. Juni 1919 – da war Kurt Eisner schon tot, die Revolution niedergeschlagen.

An den Flugblättern lässt sich somit der Verlauf der Revolution nachzeichnen – „diese Plakate sind Geschichtsunterricht in Reinkultur“, sagt der Archivar. Woher die Plakate ursprünglich stammen, ist ungewiss. Angeblich war ein Vorfahre des Spenders einst Drucker, eventuell bei Knorr & Hirth. Aus dieser Münchner Druckerei stammen viele der Plakate.

Das Heimatmuseum von Unterhaching hat eigentlich einen archäologischen Schwerpunkt. Der ehrenamtliche Museumsleiter Harald Nottmeyer zeigt auf eine Vitrine mit einer Kupferbeil-Klinge – datiert auf 3700 vor Christus und 1970 in Unterhaching im Ackerboden gefunden. Es gibt auch Weihnachtskrippen in Unterhaching und eine 5-Cent-Münze aus den USA – weil sie ein ausgewandter Unterhachinger entworfen hat.

Jetzt kann die Ortsgeschichte um ein Kapitel bereichert werden. Auf vier Tischen hat Günter Staudter den sensationellen Fund ausgebreitet, der im kommenden Jahr in einer Ausstellung zu sehen sein wird. Es sind Flugblätter mit schreienden Überschriften: „Die Revolutionsnacht vor der Residenz“, „Die Befreiung Münchens“, ein Aufruf der Einwohnerwehr, nach dem es „Pflicht jedes ordnungsliebenden Mannes“ sei, hier beizutreten. Jedes Stück erzählt ein Stück Geschichte.

Manchmal zum Beispiel kam die Revolution ganz bürokratisch daher, in Form amtlicher Bekanntmachungen, die an Hauswände oder Litfasssäulen angepappt wurden. Schon eine Woche nach dem Ausbruch der Revolte, so zeigt eine dieser Bekanntmachungen vom 14. November 1918, kam die neue Regierung unter Druck. Sie musste den „umlaufenden sinnlosen Gerüchten“ entgegentreten, nach dem die Regierung des „Volkstaates“ (hier mit einem s geschrieben) beabsichtige, Bankgutachten oder Vorräte an Geld oder Wertpapieren einfach zu beschlagnahmen. „Zur Beruhigung der Beteiligten wird hierdurch ferner wiederholt bekannt gegeben, daß alle Gehaltsansprüche der in öffentlichen Diensten stehenden Beamten sowie die Pensionsansprüche der Beamten und ihrer Hinterbliebenen völlig unberührt bleiben.“ Damit war das mal geklärt.

Auch die Gegner der Revolution arbeiteten mit Flugblättern. Ein blutroter Zettel klärte auf, was die unabhängigen Sozialdemokraten (USP) und die Kommunisten von der KPD (angeblich) wollten: „Sie wollen den Umsturz“, „Sie wollen keine Regierung“, „Sie wollen durch Streiks Deutschland aushungern“, „Sie wollen den roten Terror“. Das zeigt die „unglaubliche Polarisierung“ der damaligen Bevölkerung, sagt Staudter. Es gibt mehrere dieser anonymen gegenrevolutionären Schriftstücke. Ein anonymer Flugzettel richtete sich gegen Karl Gandorfer aus Niederbayern, einer der wenigen Landwirte, die auf Seite der Revolution standen: „Drum nieder mit ihm, raus aus dem Landtag mit diesem Schurken.“ Eine Zeitung heißt „Rote Hand“. Staudter hatte zunächst vermutet, hier handele es sich um revolutionäre Propaganda, doch tatsächlich wird darin gegen den Umsturz gehetzt.

Eine ganze Flut von Flugblättern überschwemmte Bayern. Politik auf der Straße – für das gemeine Volk. Grobschlächtig, leidenschaftlich. Das war ein neues Phänomen. „Plakate, Flugzettel, Straßenredner, Propagandaversammlungen, Demonstrationszüge schürten ununterbrochen die Erregung“, erinnerte sich ein Zeitzeuge, der Münchner Geschichtsprofessor Karl-Alexander von Müller. Mitten drin im Revolutionstrubel starb auch noch Bayerns letzte Königin Marie Therese: Die „Münchner Neuesten Nachrichten“ verkündeten den Tod in einem Extrablatt – auch das liegt dem Unterhachinger Fund bei.

Doch wuchtiger traf ein anderer Todesfall die Revolution: Der Mord an Kurt Eisner am 21. Februar 1919 spiegelt sich auch in den Unterhachinger Flugblättern wider, zum Beispiel im Extrablatt der (linksstehenden) „Neuen Zeitung“: „Genosse Eisner ermordet“, verkündete das Blatt in großen Lettern. Über den Mörder wusste die Zeitung zu berichten: „Der Täter, ein Graf Arco-Valley, Leutnant der Reserve, wurde von den Wachmannschaften sofort niedergeschlagen und liegt im Sterben“ – bekanntlich überlebte er jedoch.

Danach wurden in München, zum Teil nicht ganz freiwillig, umfangreiche Trauerfeierlichkeiten geplant. In einem „Aufruf an die Bevölkerung der Stadt München“ hieß es: „Morgen, Mittwoch, ist Landestrauertag“: Es „ziemt sich, daß die Straßen der Stadt beflaggt sind.“ Das Plakat war dick schwarz umrandet. Tatsächlich wurde der Anordnung bei der Bestattung Eisners am 26. Februar, als der Sarg mit der Leiche durch die Straßen getragen wurde, meist Folge geleistet. „Das feurige Rot herrschte vor“, berichtete eine Zeitung. „wenn daneben auch das alte bayerische Weiß-Blau mit rotem Wimpel oder Trauerflor noch sein Recht behauptete.“ Auch ein Kurt-Eisner-Lied entstand, der Liedtext ist auf einem Flugblatt erhalten, pathetische Zeilen im Stil der Zeit – „Ein Volksbefreier, soll man’s glauben, dieser Tat zum Opfer fiel. Ein Graf ließ sich der Sinn berauben und trieb sein frevelhaftes Spiel.“

Die Ermordung Eisners besiegelte letztlich das Ende der Revolution. Was dann folgte, die Räterepubliken, Chaos, Schießereien, Morde, stieß viele ab – noch mehr aber das blutige Niedermachen der Revolutionäre durch „weiße“ Truppen, die eine Blutspur durch München zogen.

Auch dieser letzte Akt des Dramas spiegelt sich im Unterhachinger Archivfund wider – in Form von Extrablättern der Freikorps, die die „Befreiung“ Münchens bejubelten.

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