Fliegende Retter für Patienten auf dem Land

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Mit dem Hubschrauber fliegen Münchner Schlaganfall-Spezialisten zu Patienten auf dem Land. Das Foto zeigt zwei der fliegenden Ärzte, Dr. Christian Maegerlein (li.) und Dr. Benjamin Friedrich vom Klinikum rechts der Isar. foto: Achim Schmidt

Nach einem Schlaganfall tickt die Uhr: Je früher die Therapie beginnt, desto besser. Doch Patienten auf dem Land müssen in schweren Fällen erst in große Zentren verlegt werden. Das kostet Zeit. Ändern sollen das jetzt die „fliegenden Ärzte“: Sie kommen zum Patienten – per Hubschrauber.

PILOTPROJEKT zum SCHLAGANFALL

VON ANDREA EPPNER

München – Im Klinikum Harlaching geht ein Notruf aus der Klinik Mühldorf ein: Dort ist ein älterer Mann eingeliefert worden, die Ärzte vor Ort haben einen Schlaganfall festgestellt. Kurz darauf tauschen sie sich per Videokonferenz mit den Experten des Schlaganfall-Netzwerks „Tempis“ in Harlaching aus. Doch diesmal reicht der fachliche Rat aus München nicht – die Spezialisten müssen selbst ran.

Dieser Fall ist zwar fiktiv, aber es gibt ihn auch in der Realität. Deshalb startet jetzt ein weltweit einzigartiges Pilotprojekt: die „Flying Interventionalists“. Dabei fliegen Teams aus Arzt und Assistent per Hubschrauber zu Schlaganfall-Patienten auf dem Land und behandeln diese direkt vor Ort. Denn bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Die Zeit bis zum Therapiestart entscheidet darüber, ob ein Patient später zum Pflegefall wird – oder ob er wieder ein selbstständiges Leben führen kann.

Elf Partnerkliniken in Südostbayern sind an diesem neuen Projekt beteiligt. Alle verfügen über die nötigen Untersuchungsräume und Geräte. Extramaterial bringen die fliegenden Ärzte in einem großen Einsatzkoffer für die Behandlung vor Ort mit.

Denn: Etwa elf bis 16 Prozent der Schlaganfall-Patienten brauchen eine sogenannte „Thrombektomie“. Dabei wird ein Blutgerinnsel im Gehirn mechanisch per Katheter entfernt. Das ist immer dann nötig, wenn das Gerinnsel ein besonders wichtiges Gefäß im Hirn verstopft hat. Bei diesen Patienten reicht es nicht, einfach ein Medikament zu spritzen. Eine solche „Lyse-Therapie“ können nämlich auch die Ärzte vor Ort vornehmen – eine Thrombektomie allerdings nicht. Nur Spezialisten in großen Schlaganfall-Zentren haben die nötige Erfahrung dafür.

Pech also für Menschen, die, wie unser fiktiver Patient in Mühldorf, auf dem Land ins Krankenhaus kommen: Für einen solchen Eingriff müssen sie bislang in die Stadt verlegt werden. Der Transport ist nicht nur riskant für die Patienten – er kostet auch sehr viel wertvolle Zeit.

Ziel des Projekts ist es daher, möglichst viel Zeit zu sparen: Während Arzt und Assistent zum Hubschrauber laufen, wird der Patient vor Ort auf den Eingriff vorbereitet. Kommt das Team, meist nach nur 17 Minuten Flug, an der Partnerklinik an, kann der Eingriff sofort starten, nach insgesamt etwa 70 Minuten, sagt Dr. Gordian Hubert, Tempis-Projektkoordinator und Oberarzt am Klinikum Harlaching. Zum Vergleich: Muss der Patient verlegt werden, vergehen im Schnitt etwa 170 Minuten, also fast drei Stunden, bis zum Therapiestart. Der Helikopter spart also satte 100 Minuten pro Patient.

„Nach einem Schlaganfall wird Hirngewebe nicht mehr durchblutet“, erklärt Prof. Roman Haberl, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Harlaching. Nach nur etwa vier Minuten sei die Energie der Zellen aufgebraucht. Danach können sie nur gerettet werden, wenn die Durchblutung schnell genug wieder hergestellt wird. Sonst kommt es zum Massentod von Hirnzellen – 1,9 Millionen Nervenzellen sterben pro Minute. Deshalb ist diese Eile geboten.

In der Praxis muss sich das neue Konzept noch beweisen: Drei Jahre lang werden vier Ärzte und fünf Assistenten des Klinikums Harlaching und des Klinikums rechts der Isar in Bereitschaft sein. Vorerst sind die Retter nur 26 Wochen pro Jahr im Einsatz. In der Zeit dazwischen werden Patienten wie bisher behandelt. Welche Methode die bessere ist, soll später wissenschaftlich ausgewertet werden – gefördert vom Bayerischen Ministerium für Gesundheit und Pflege. Die Kosten für das Projekt übernehmen die Krankenkassen.

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