Hilferuf aus Bad Feilnbach: Mit "Urlaub dahoam" die Almen nicht zerstören 

„Miteinander und nicht gegeneinander“ – nur so können Bergtourismus und Naturschutz funktionieren. dpa
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„Miteinander und nicht gegeneinander“ – nur so können Bergtourismus und Naturschutz funktionieren. 
  • Eva Lagler
    vonEva Lagler
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Verletztes Jungvieh, gewilderte Auerhühner, aufgezwickte Zäune, niedergetrampelte Weiden und ausgerupfte geschützte Pflanzen. Den Almbauern von Bad Feilnbach reicht es. Immer wieder kommt es zu Konflikten mit rücksichtslosen Mountainbikern und Wanderern.

Bad Feilnbach – Mit dem Hilferuf „So kann es nicht weitergehen, es muss endlich was passieren“ fordern sie Unterstützung.

Den Handlungsbedarf sieht auch die Gemeinde dringender denn je: Hatte man an den vergangenen Wochenenden bei schönem Wetter schon Massenanstürme auf Wanderparkplätze und Berge erlebt, blickt man nun mit großer Sorge auf die kommenden Wochen, wenn noch mehr Menschen im „Urlaub dahoam“ die in die Natur drängen. Was an und für sich nichts Schlechtes sei – solange sich alle an die Regeln halten.

Hier der Tourismus da der Naturschutz

„Wir wollen die Leute ja hier haben, der Tourismus ist ein wichtiges Standbein. Aber wir sind auch Naturschutzkommune“, brachte es CSU-Gemeinderat Martin Huber bei einem runden Tisch mit Vertretern der Almbauern, der Gemeinde und Behörden auf den Punkt. „Wenn wir das nicht in Einklang bringen können, dann geht in unserer Gesellschaft was kaputt“, befürchtet Bürgermeister Anton Wallner.

Schwierige Suche nach Lösungen

Doch den Handlungsmöglichkeiten sind eine Menge Grenzen gesetzt, wie in den Gesprächen deutlich wurde. Vieles liegt an rechtlichen Grundlagen, ob es nun um Wegesperrungen, den fehlenden Status als Landschafts- oder gar Naturschutzgebiet oder mangelnde Kontrollinstanzen geht.

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„Dann muss man halt einfach mal einen Weg sperren. Wenn dann der Aufschrei da ist, kann man es wenigstens erklären, dass es hier um Naturschutz geht und eine Diskussion anstoßen“, meinte Georg Rechenauer, der neben drei Almen auch eine Weide im Litzldorfer Tal hat.

Nicht mal in der Nacht herrscht Ruhe

„Von 5 Uhr in der Früh bis um 1 Uhr nachts sind die Radlfahrer unterwegs, das Vieh und auch das Wild kommt überhaupt nicht mehr zur Ruhe.“ Das Jungvieh werde immer wieder durch die von oben herabfahrenden Biker oder von Hunden aufgeschreckt, was immer wieder zu schweren Verletzungen führt. Nach einem schönen Wochenende fahre er eine Frontladerschaufel Müll weg.

Hund beißt Auerhuhn tot

„Ich halte wirklich gerne alles in Ordnung auf meinen Almen, aber schön langsam weiß mir keinen Rat mehr. Wenn das so weitergeht, kann ich das nicht mehr halten. Dann tu ich die Tiere wieder in den Stall und die Weide wächst zu.“ Auch vermisst Rechenauer die Auerhähne, die all die Jahre immer da waren. „Da sieht man keinen mehr.“

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Radfahrverbot für die Huber Alm

Zuletzt sei ihm ein freilaufender Hund mit einer Henne im Maul entgegengekommen, die drei kleine Junge hatte – vom Besitzer weit und breit nichts zu sehen. Keine Zurückhaltung zeigte auch ein Radfahrer, der mitten durch die Herde fuhr, die Bezirksalmbauer Wolfgang Bauer aus Kutterling und seine Helfer vor ein paar Tagen Richtung Huberalm trieben.

Sogar Zäune werden durchgeschnitten

Von der Treiberin angesprochen, schimpfte er nur lauthals. Manche Leute hätten sogar Werkzeug dabei, mit dem sie Zäune aufschneiden, um dann über die Weide zu gehen oder zu radeln, sagt Bauer. Auch Absperrungen in Form von Weidegerten, die das Vieh zurückhalten, würden einfach umgebogen.

„Es geht in den Bergen mancherorts zu wie im Freizeitpark, die letzten eineinhalb, zwei Jahre kommt es mir vor, als ob es immer schlimmer wird. Das engste Steigerl wird mit dem Bike gefahren, die Leute kommen einem mit ausgerissenen Büscheln geschützter Pflanzen entgegen“, ist auch die Beobachtung von Bürgermeister Anton Wallner.

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„Auf Aufklärung und Sensibilisierung setzen“ lautet denn auch einer der Ansätze, die am runden Tisch gefordert wurden. Viele Leute in den Bergen wüssten einfach nicht, dass sich die Tier- und Pflanzenwelt gerade in einer Ausnahmesituation befindet. In Brut- und Setzzeiten und bei der Aufzucht der Jungen bedarf es vor allem Ruhe.

Niedergetrampelte blühende Almflächen schmälern aber auch das Nahrungsangebot spezialisierter Insekten empfindlich. Der Ameisenbläuling beispielsweise braucht genau eine bestimmte Enzianart, um dort seine Eier abzulegen. Früher noch allerorten anzutreffen, findet sich diese Schmetterlingsart heute überwiegend nur noch auf den Almen, die dank Beweidung für den nötigen Lebensraum sorgen.

„Jeder, der beim Volksbegehren ,Artenvielfalt und Naturschönheit in Bayern‘ unterschrieben hat, sollte jetzt auch durch ein entsprechendes Verhalten am Berg genau dazu beitragen und das nicht nur auf unseren Schultern austragen“, fordern die Almbauern.

Auch DAV appelliert an Bergfreunde

Auch der Deutsche Alpenverein (DAV) wirbt um Rücksichtnahme und appelliert an die Bergfreunde, stets auf ausgewiesenen Wegen zu wandern. Denn: „Nicht umsonst stecken jedes Jahr viele Ehrenamtliche Zeit und Arbeit in die Instandhaltung der Wege. Zudem sind die Wiesen auf den Almen Nahrungsgrundlage der Weidetiere und sollen nicht betreten werden. Auch andere Tierarten nutzen diesen Lebensraum. Zum Beispiel Vogelarten wie der Bergpieper brüten dort im Frühjahr.“

Besorgter Blick aufs kommenden Wochenende

Letzenendes geht es nur miteinander, das war den Beteiligten am runden Tisch klar – auch wenn die Hoffnung, das Problem in den Griff zu bekommen, an diesem Abend eher leise anmutete. Allein schon dem bevorstehenden Pfingstwochenende blickt Wallner mit großer Besorgnis entgegen.

Trotz zusätzlich ausgewiesener bewirtschafteter Parkflächen sei man bereits am vergangenen Wochenende komplett überrollt worden, Auch hier brauche es Konzepte – und dringend eine Schrankenregelung für die Jenbachtalstraße.

Auch in der Natur gelten Regeln

„Es geht nicht darum, die Menschen aus der Natur fernzuhalten oder mit Drohungen und Verboten zu maßregeln“, darin waren sich die Teilnehmer am runden Tisch im Bad Feilnbacher Rathaus einig. Zu ihnen zählten neben den Almbauern Georg Rechenauer, Wolfgang Bauer und Hans Kolb auch Bürgermeister Anton Wallner, Johann Stöckl vom Fachzentrum für Almwirtschaft, und Kornelia Walter von der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Rosenheim sowie eine Reihe von Vertretern des Gemeinderates. „Es ist ja nur ein geringer Prozentsatz, der sich daneben benimmt. Aber diese Menschen bereiten die richtigen Probleme. Einige wissen es nicht besser, bei denen kann man es im Gespräch versuchen. Aber die, die einfach provozieren wollen, die werden wir kaum in den Griff kriegen,“ so der Tenor.

Vielleicht helfen ja auch Ranger?

Versuchen will man es dennoch. Gemeinsam sollen mögliche Maßnahmen unter die Lupe genommen werden: Wo und wie kann man Straßen oder Wege sperren, wo das Radlfahren explizit erlauben? Welche Erfahrungen haben andere Kommunen und Regionen mit Gebietsbetreuern oder sogenannten Rangern gemacht? Wie erreicht man es, dass man mit Menschen, die sich falsch verhalten, in ein vernünftiges Gespräch kommt? Wo weist man Parkflächen und Radlab-stellmöglichkeiten aus?

Fahrrad- und Wanderverbände, aber auch Vermieter und Medien will man mit ins Boot holen, um aufzuklären und zu sensibilisieren. Über Ahndung von Fehlverhalten, mögliche Geldstrafen oder konsequentes Abschleppen von Wildparkern soll bei der nächsten Zusammenkunft ebenfalls gesprochen werden. ´

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