Wir räumen mit Fake News und Mythen auf

Gerüchte um zahlreiche „Impftote“: Wie gefährlich ist die Immunisierung wirklich?

Die 83-jährige Brigitta Kledke drückt einen Finger auf die Impfstelle nach ihrer zweiten Corona-Impfung im Impfzentrum in den Hamburger Messehallen. Viele Menschen sind noch unentschlossen, ob sie sich impfen lassen möchten.
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Die 83-jährige Brigitta Kledke drückt einen Finger auf die Impfstelle nach ihrer zweiten Corona-Impfung im Impfzentrum in den Hamburger Messehallen. Viele Menschen sind noch unentschlossen, ob sie sich impfen lassen möchten.
  • Markus Zwigl
    vonMarkus Zwigl
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Täglich kursieren im Netz Gerüchte um sogenannte „Impftote“. Weltweit gibt es auch immer wieder Berichte über Todesfälle direkt nach einer Corona-Impfung. Doch bestehen wirklich Zusammenhänge zwischen Corona-Impfungen und auftretenden Todesfällen?

Die 69 Todesfälle, die eine Stunde bis 18 Tage nach der Impfung mit den Corona-Präparaten von Biontech/Pfizer oder Moderna gemeldet wurden, seien Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), zufolge nicht von der Impfung verursacht worden. Auf einer Bundespressekonferenz sagte er: „Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie von der Impfung verursacht wurden“ und ergänzt: „Es handelt sich häufig um Personen mit Grunderkrankungen. Es ist plausibel, dass diese Grunderkrankungen zum Versterben geführt haben.“ Die Verstorbenen seien zwischen 56 und 100 Jahre alt gewesen.

Klaus Cichutek über Impf-Gerüchte: „Das ist alles Quatsch“

Zudem räumte er mit anderen „Fake News“ über Impfstoffe auf: „Das ist alles Quatsch!“ Es gebe weder Hinweise darauf, dass Körperzellen modifiziert werden, noch Hinweise auf Probleme mit der Fruchtbarkeit: „Die Impfstoffe wurden nach aller Regel der Kunst geprüft.“

„So sieht ein Zeugnis voll mit der Note 1+ für einen Impfstoff aus“, sagte zum Beispiel Akiko Iwasaki, Immunologe an der Yale-Universität, über das Präparat von Biontech/Pfizer.

Bereits Mitte Januar, als in Deutschland zehn Todesfälle kurz nach einer Corona-Impfung registriert worden waren, hielten die Experten des Paul-Ehrlich-Instituts einen Zusammenhang mit der Immunisierung für eher unwahrscheinlich. In diesen Fällen waren schwer kranke Menschen innerhalb von vier Tagen nach der Impfung gestorben, berichtete das für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel zuständige Bundesinstitut im hessischen Langen. „Aufgrund der Daten, die wir haben, gehen wir davon aus, dass die Patienten an ihrer Grunderkrankung gestorben sind - in zeitlich zufälligem Zusammenhang mit der Impfung“, sagte Brigitte Keller-Stanislawski, die zuständige Abteilungsleiterin für die Sicherheit von Arzneimitteln und Medizinprodukten.

Todesfälle nach Impfung: „Schwer kranke Patienten mit Grunderkrankung“

Über Einzelfälle könne sie aus Gründen des Personenschutzes nichts sagen, „aber es handelt sich um sehr schwer kranke Patienten mit vielen Grunderkrankungen“. Manche seien palliativ behandelt worden. Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, hatte schon vor der EU-Zulassung des Biontech-Präparats darauf hingewiesen, dass aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeit „Menschen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung versterben werden“ - etwa weil zuerst „die alten und hochaltrigen Menschen“ geimpft werden, die aufgrund ihres Alters allgemein ein höheres Risiko haben zu sterben.

Auf der Homepage des Bundesministeriums für Gesundheit heißt es unter dem Punkt „Informationen zum Impfen und der Frage Stimmt es, dass Probandinnen und/oder Probanden in den Studien gestorben sind?“:

Bei klinischen Prüfungen mit großer Patientenzahl und einem Einschluss von Patienten mit hohem Alter und längerer Studiendauer ist es möglich, dass im Verlauf der Studie Patientinnen oder Patienten versterben können.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass ein Zusammenhang mit dem Impfstoff besteht. Jede aufgetretene Nebenwirkung wird erfasst und jeder Todesfall wird auf einen möglichen Zusammenhang mit der Impfung von einem unabhängigen Kontrollgremium genau untersucht.

Menschen in Phase-3-Studie gestorben - aber nicht wegen Impfung

Die Wahrscheinlichkeit, durch eine Corona-Impfung zu sterben, ist rein statistisch gesehen minimal. An der Phase-3-Studie von Biontech haben insgesamt 43.448 Menschen teilgenommen. Sechs Teilnehmer starben im Studienzeitraum zwischen Ende April und Mitte November 2020 – allerdings nicht wegen der Impfung.

Alle Todesfälle stellen Ereignisse dar, die in der allgemeinen Bevölkerung der Altersgruppen, in denen sie auftraten, mit einer ähnlichen Rate vorkommen“, so die für die US-Zulassung des Präparats zuständige Behörde FDA. Auch die europäische Zulassungsbehörde EMA sieht „keinen Zusammenhang“ der Fälle: „Andere Vorerkrankungen waren eher die Todesursache.“

Vier Tote erhielten Placebo

Vier der Toten in der Studie stammten aus der Vergleichsgruppe, in der die Teilnehmer gar keinen Impfstoff erhielten, sondern ein Placebo. Sie starben zum Beispiel an alterstypischen Krankheiten wie einem Infarkt oder einem Schlaganfall. Einer der beiden Toten aus der Testgruppe, die den Impfstoff erhielt, erlitt rund zwei Monate nach dem zweiten Piks einen Herzinfarkt. Der zweite hatte diverse Vorerkrankungen.

Dem PEI zufolge sind die drei bisher in der EU zugelassenen Corona-Impfungen von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca als sehr sicher einzustufen. Im Sicherheitsbericht (27. Dezember 2020 - 24. Januar 2021), welchen das Paul-Ehrlich-Institut in regelmäßigen Abständen über alle in Deutschland gemeldeten Verdachtsfälle von Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gegen COVID-19 veröffentlicht, heißt es wörtlich: „Die Melderate betrug für alle Einzelfallmeldungen 0,7 pro 1000 Impfdosen, für schwerwiegende 0,1 pro 1000 Impfdosen gesamt. Die Melderaten für die Meldungen nach Impfung mit Comirnaty betrugen 0,7 auf 1000 Impfungen und bei den schwerwiegenden Fällen 0,1 auf 1000 Impfungen. Die Melderaten bei Impfung mit dem COVID-19 Impfstoff von Moderna betrugen 0,8 Meldungen bei 1000 Impfungen.“

Melderate von Nebenwirkungen äußerst gering

Weiter heißt es: „Dem PEI wurden 69 Todesfälle bei Geimpften im Alter von 56 bis 100 Jahren (40 Frauen, 26 Männer) gemeldet. In drei Fällen, die vom Zulassungsinhaber gemeldet wurden, war das Geschlecht nicht angegeben. Der zeitliche Zusammenhang zwischen Impfung und dem tödlichen Ereignis variierte zwischen einer Stunde bis 18 Tagen nach Impfung mit Comirnaty. Eine Person verstarb nach der zweiten Impfung. Elf geimpfte Patienten verstarben im Rahmen einer COVID-19-Erkrankung. Alle Patienten hatten einen inkompletten Impfschutz, da die COVID-19-Erkrankung nach der ersten Impfung erfolgte. Das Zeitintervall zwischen der Impfung und dem Tod auf Grund der COVID-19-Erkrankung betrug maximal elf Tage. 21 Patienten mit multiplen Vorerkrankungen sind an einer Verschlechterung ihrer Grunderkrankung gestorben. Bei acht Patienten führte eine andere Infektionskrankheit zum Tod. Bei allen anderen Patienten bestanden mehrere schwerwiegende Vorerkrankungen wie z.B. Karzinome, Niereninsuffizienz, Herzerkrankungen und arteriosklerotische Veränderungen, die vermutlich todesursächlich waren, allerdings stehen in einzelnen Fällen noch weitere Informationen aus. In 25 Fällen war die Todesursache als unbekannt angegeben worden. 23 dieser Personen verstarben in einem zeitlichen Abstand von wenigen Stunden bis 18 Tage nach der Impfung; bei zwei Personen ist der zeitliche Abstand unbekannt.“

Darüber hinaus teilte Swissmedic der Deutschen Presse-Agentur (dpa) auf Anfrage mit, dass es den Begriff „Impftote“, wie er oft verwendet wird, nicht in der Arzneimittelüberwachung gebe.

In Deutschland überwacht das Paul-Ehrlich-Institut die Sicherheit von Impfstoffen und biomedizinischen Arzneimitteln. Dazu sammelt und bewertet die Abteilung Arzneimittelsicherheit Meldungen zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen und ergreift gegebenenfalls Maßnahmen.

mz

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