NEUES BUCH ZUR REVOLUTION

Exzesstaten von Anfang an

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Das Freikorps Werdenfels, eine Freiwilligeneinheit von Bauern und Bürgern aus der Gegend um Garmisch, 1919. Ullstein

Am 6. Mai 1919 verhafteten Mitglieder des Freikorps Bayreuth nach einer Denunziation in der Münchner Augustenstraße 25 junge bayerische Katholiken, die gerade eine Versammlung abhielten.

In der Meinung, hier ein „rotes Nest“ ausgehoben zu haben, wurden einige der Gesellen gleich misshandelt, ehe die Gruppe über den Karolinenplatz zum Prinz-Georg-Palais geführt und dort erschossen wurde. Nur vier überlebten das Gemetzel.

Die Exzesstat war eines von vielen Massakern, die „Teil des Gründungsaktes der Weimarer Republik“ waren, wie der irische Historiker Mark Jones schreibt. Er hat die Gewalttaten, die die Revolution begleiteten, genau recherchiert und das wohl anregendste Buch zum Revolutionsjubiläum geschrieben.

Bisher war die Forschung der Ansicht, dass die Revolution in Deutschland – im Ganzen gesehen – ein relativ friedfertiger Akt war und der Umsturz erst bei der Niederschlagung der Räteexperimente – so in München ab Ende April 1919 – blutig eskalierte. Jones indes kann nachweisen, dass die Revolution schon viel früher, ungefähr ab Dezember 1918, von vielen Todesfällen begleitet wurde. Eines der ersten Massaker geschah am 6. Dezember 1918 in Berlin, als Soldaten mit Maschinengewehren in die Menge schossen und 16 Passanten töteten. Sofern die Häscher nicht gezielt Kommunisten und Revolutionäre töteten, waren die Opfer, wie Jones genau herausarbeitet, vor allem Zivilisten und Unbeteiligte, die zufällig in Schusswechsel gerieten. Die Opferzahlen insgesamt – sicher einige tausend – sind bis heute nicht bekannt, nicht einmal für München, wo Historiker bisher mit Zahlen zwischen 600 und über 1000 hantieren.

Ohne die Allgegenwart von Gerüchten – etwa über eine Geheimarmee des in Wahrheit machtlosen Kommunisten Karl Liebknecht – sowie „vor allem politisch geschürten Ängsten vor zukünftig drohenden revolutionären Gewaltexzessen“ ist der unheilvolle Auftakt der Weimarer Republik nicht denkbar. An der Hauptverantwortung für die meisten Todesfälle lässt Jones aber keinen Zweifel: Es war die SPD-gestützte Reichsregierung, die mit maßlosem Einsatz staatlicher Gewalt „Ordnung“ (so der damals viel strapazierte Begriff) in das Geschehen bringen wollte und den rechtsgerichteten Freikorps freien Lauf ließ. dirk walter

Mark Jones

Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Propyläen Verlag, 26 Euro

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