Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Der Exorzismus von Klingenberg

Bayern & seine Geschichten . 1976 starb Anneliese Michel nach angeblichen Teufelsaustreibungen.

„Für uns gibt es nie Ruhe.“ Eine verzerrte Stimme ist in dem Film zu hören, der auf der Online-Plattform Youtube steht. Zu sehen sind abstoßende Szenen – Bilder von der bis auf die Knochen abgemagerten Anneliese Michel aus dem unterfränkischen Klingenberg. Die Studentin starb vor nunmehr 40 Jahren am 1. Juli im Alter von 23 Jahren an Unterernährung. Die junge Frau, entsetzlich zugerichtet, mit Geschwüren an den Beinen und zusätzlich geschwächt durch eine Lungenentzündung, wog bei ihrem Tod nur noch 31 Kilogramm. Sie ist das Opfer von Exorzismen, wie sie in den 1970er-Jahren im ländlichen katholischen Unterfranken noch praktiziert wurden.

Der Fall der Studentin war aufsehenerregend und ist oft dargestellt worden – „Der Exorzismus der Emily Rose“, heißt der wohl bekannteste Film. Anneliese Michel studierte Lehramt an der Pädagogischen Hochschule Würzburg. Ihre Familie war streng religiös. Regelmäßig pilgerte sie mit ihrer Tochter in den nicht anerkannten italienischen Wallfahrtsort San Damiano. Schon zu Schulzeiten diagnostizierte ein Arzt bei Anneliese eine beginnende Psychose, später gab es auch eine Diagnose über Formen der Epilepsie durch die Uniklinik Würzburg. Die Familie, so kann man das wohl zusammenfassen, wollte solche Wahrheiten nicht hören – hinzu kam wohl die Angst, dass ihre Tochter nie und nimmer Lehrerin werden könnte, wenn sie sich in psychiatrische Behandlung begeben würde. Stattdessen vertrauten die Michels rückhaltlos der Kirche. Die Leiterin einer Wallfahrt nach San Damiano war wohl die erste, die zum Exorzismus riet. Schließlich erstellte der Jesuit Adolf Rodewyk, ein Experte für die so genannte Dämonologie, ein Gutachten und empfahl den großen Exorzismus.

Genau dies ordnete fatalerweise am 16. September 1975 der damalige Würzburger Bischof Josef Stangl (1907 bis 1979) auch an. Damit begann das eigentliche Drama. Mehrere Monate fanden durch den Pater Arnold Renz insgesamt 67 sogenannte Sitzungen statt – abstruse Termine, bei denen Satan verflucht und Gebet auf Gebet gesprochen wurde. Die junge Frau war eingesperrt, sie magerte immer mehr ab, weil sie die Nahrungsaufnahme mit Beginn der Fastenzeit generell einstellte. Die Sitzungen des Paters waren vergebens: Anneliese schrie, fluchte und drohte im Wahn. Zeitweise wurde sie ans Bett gefesselt, um Selbstverletzungen zu verhindern. Anstatt sich psychotherapeutische Hilfe zu holen, vertrauten die Eltern allein den Priestern. Bis dann ihre Tochter starb – noch am Tag zuvor hatte es die letzte „Sitzung“ gegeben.

Mitschnitte des Exorzismus auf Ton-Kassetten, die von Renz aufgenommen wurden, gibt es bis heute im Internet zum Anhören. Früher wurden sie sogar mit Unterstützung der traditionalistischen Piusbruderschaft auf Schulhöfen verteilt, wie die Historikerin Petra Ney-Hellmuth in ihrer 2014 erschienenen Doktorarbeit berichtete.

Auch die Rolle von Bischof Stangl nahm Ney-Hellmuth unter die Lupe. Stangl sah sich nach dem Tod der Studentin heftiger Kritik ausgesetzt. Konservativ-traditionalistische Katholiken warfen ihm vor, die mit dem Exorzismus beauftragten Priester nach deren Verurteilung fallengelassen zu haben. Auch eine „fortschrittliche Erklärung“, in der sich Stangl nach dem Tod Michels vom Exorzismus distanzierte, wurde kritisch beäugt.

Liberale Katholiken wiederum kritisierten Stangl, weil er seiner Aufsichtspflicht nicht gerecht geworden sei und weder Generalvikar noch Diözesanrat ins Vertrauen gezogen habe. Ney-Hellmuth zeichnet in ihrem Buch ein differenziertes Bild des Bischofs. Ein Exorzismus sei zunächst nur ein Gebet. Stangl habe den beiden Priestern leichtgläubig vertraut. Der Verzicht auf ärztliche Behandlung sei nicht ihm anzulasten, so die Historikerin. Stangl reichte 1978 sein Rücktrittsgesuch als Bischof ein und starb kurz darauf. Die Eltern der Studentin und die beiden Priester wurden wegen unterlassener Hilfeleistung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Mittlerweile sind Renz und der Pfarrer Ernst Alt, der auch am Exorzismus beteiligt war, verstorben.

Die katholische Kirche, das muss man zugestehen, hat aus dem Fall Lehren gezogen. Noch heute kommen immer wieder streng gläubige Personen auf kirchliche Stellen zu, die behaupten, sie seien vom Dämon besessen. Allein etwa 200 Anfragen jährlich von streng gläubigen Menschen erhält der Freisinger Pallotinerpater Jörg Müller, ein ausgebildeter Psychotherapeut. „Die Mehrheit ist missbraucht worden in früher Kindheit“, sagt Müller. „Sie sehen Fratzen, hören Stimmen oder ähnliches.“ Das seien Fälle, in denen eine Trauma-Therapie helfen könne. Im Erzbistum München und Freising ist auch der Referent für Weltanschauungsfragen, der Theologe Axel Seegers, bei Anfragen zum Exorzismus zuständig. Wer bei ihm anruft, wird zu einem Gespräch eingeladen, über ein Netzwerk von Fachleuten bietet das Erzbistum die Weitervermittlung zu Therapeuten an.

Ob es Exorzismus im althergebrachten Sinne heute noch in der katholischen Kirche in Deutschland gibt, ist umstritten. Der Journalist Marcus Wegner ging 2008 von einer hohen Dunkelziffer aus. Andere Fachleute sind vorsichtiger – Exorzismus komme heutzutage allenfalls sporadisch und am Rande der Legalität vor. So machte vor Jahren ein katholischer Geistlicher im Bistum Eichstätt Schlagzeilen, der trotz Verbots exorzistische Riten ausübte, bis ihm das die Kirche nochmal ausdrücklich untersagte. Ähnliche Fälle gab es in Paderborn.

Pater Müller hält Exorzismus heute für weitgehend verbannt. „Es mag Priester geben, die im Stillen damit liebäugeln, doch für einen Exorzismus benötigt man die Erlaubnis des Bischofs“ – und da sei ihm derzeit kein Fall bekannt. Christian Wölfel/Dirk Walter

Kommentare